Das Drama hinter der Statistik

Der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, über die vielen Kirchenaustritte, deren tiefere Ursachen und die Suche nach der geeigneten Therapie. Von Markus Reder
Foto: dpa | Bischof Heinz Josef Algermissen rät zu einer gründliche Analyse der Austrittszahlen: „Auf dass wir die Medizin zur Therapie des eigentlichen Grundes der Krise in der Kirche finden und uns nicht immer wieder nur ...
Foto: dpa | Bischof Heinz Josef Algermissen rät zu einer gründliche Analyse der Austrittszahlen: „Auf dass wir die Medizin zur Therapie des eigentlichen Grundes der Krise in der Kirche finden und uns nicht immer wieder nur ...
Die Kirchenaustritte haben Rekordhöhe erreicht. Viele sind erschrocken angesichts der neuen Zahlen. War die aktuelle Statistik auch für Sie ein Schock?

Ja, die Kirchenaustrittszahlen sind schockierend. Aber wir werden in den vergangenen Jahren geradezu von einem Schock zum anderen getrieben. Immer wieder fragen wir uns: Was ist da eigentlich los? Mit vordergründigen Erklärungen ist es jedenfalls nicht getan. Eine gründliche Analyse der deprimierenden Austrittszahlen auf der Ebene der einzelnen Diözesen und der Bischofskonferenz ist mehr als angesagt, auf dass wir die Medizin zur Therapie des eigentlichen Grundes der Krise in der Kirche finden und uns nicht immer wieder nur in der Behandlung der Symptome erschöpfen. Wir haben vermutet, dass die Änderung des Einzugsverfahrens der Ertragssteuer sich auf die Austrittszahlen auswirken würde. Aber das allein ist keine Begründung für die vielen Kirchenaustritte. Jeder, der aus der Kirche austritt, ist einer zuviel. Heute verlassen Menschen die Kirche wie einen Verein oder eine Partei, die ihnen nicht mehr passt. Das ist ein verhängnisvolles Missverständnis. Beim Kirchenaustritt steht wesentlich mehr auf dem Spiel. Ein Kirchenaustritt ist immer ein Bruch mit der Heilsgemeinschaft der Kirche.

„Die innere religiöse Formlosigkeit ist der Beginn eines Prozesses, an dessen Ende dann der Steuerberater oder ein Ärger über die Kirche steht“
Da fangen die Probleme aber schon an. „Kirche als Heilsgemeinschaft“: Wer weiß heute noch, was das bedeutet? Kirche wird meist als Institution wahrgenommen.

Das stimmt leider. Gerade deshalb wäre es so wichtig, die geistliche Dimension von Kirche neu ins Bewusstsein zu bringen. Gelingt das nicht, brauchen wir uns über keine neuen Rekordzahlen beim Kirchenaustritt mehr wundern. Der Apostel Paulus sagt im Kolosserbrief 1,18, Kirche und Christus gehören zusammen. Christus ist das Haupt der Kirche, das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Das heißt: Man kann die Heilsgemeinschaft Kirche nicht verlassen, ohne dass die Verbindung mit Christus einen Bruch erleidet. Dieser Bruch ist das eigentliche Drama hinter der Statistik. Manche Menschen denken heute, wenn sie Heilsgemeinschaft hören, das sei gleichbedeutend mit heiler Gemeinschaft. Das ist die Kirche sicher nicht, wie man an den Skandalen der vergangenen Jahre unschwer sehen kann.

Also noch ein Missverständnis, das es zu beseitigen gilt?

Wir müssen unbedingt differenzieren. In „Lumen gentium“, der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums, heißt es, die Kirche sei „una realitas complexa“. Dies bedeutet, dass in der Kirche menschliche und göttliche Elemente verbunden sind. Die Kirche besteht aus sündigen Menschen. Darum kann sie niemals eine heile Gemeinschaft sein. Das zeigt auch der Blick in die Kirchengeschichte. Aber zu sagen, die Kirche kommt sündhaft daher, deshalb verlasse ich sie, ist falsch. Denn damit löse ich mich auch von jener anderen, heiligen Seite der Kirche, in der mir Christus begegnet und mir sein Heil und sein Leben schenken will. Diese Loslösung von Christus, der in und durch die Kirche wirkt, ist es, was uns am meisten an den Austritten schmerzen muss.

Handelt es sich bei der Loslösung, von der Sie sprechen, um einen längeren Prozess der Entfremdung? Welche Rolle spielen da aktuelle Ereignisse oder Skandale?

Bei den Gesprächen, die ich als Seelsorger mit Menschen geführt habe, die einen Kirchenaustritt erwogen haben, kam in aller Regel zum Vorschein, dass es sich dabei um das Ende eines lange währenden, zugelassenen, schleichenden Entfremdungsprozesses handelt.

Wie sieht dieser Entfremdungsprozess Ihrer Erfahrung nach aus?

Es beginnt meist damit, dass man irgendwann aufhört, den Glauben zu praktizieren. Erst geht man unregelmäßig und dann gar nicht mehr zu den Messfeiern am Sonntag. Damit bricht etwas weg. Dann betet man meist auch nicht mehr und in der Familie wird nicht mehr über Glauben oder über Gott gesprochen. Das wird alles totgeschwiegen. Irgendwann spürt man dann: Der Glaube gibt meinem Leben keine Orientierung und keinen Halt mehr. Die innere religiöse Formlosigkeit ist der Beginn eines Prozesses, an dessen Ende dann der Steuerberater oder ein Ärger über die Kirche steht, sei es der Missbrauchsskandal oder ein Fall wie Limburg.

Wer den Austrittszahlen auf den Grund gehen will, muss demnach über die großen medialen Aufreger hinausschauen?

Unbedingt. Man verliert den Glauben und die Nähe zur Kirche in der Regel nicht von jetzt auf gleich. Das ist ein schleichender Entfremdungsprozess. Wenn man nicht vermittelt bekommen hat, was für eine erlösende, befreiende Botschaft der christliche Glaube ist, dann wird die Beziehung zur Kirche schneller brüchig. Wem es tief ins Herz gefallen ist und wer mit dem Verstand durchdrungen hat, was wir als katholische Christen glauben und hoffen dürfen, der kann auch mit dem Unschönen und Sündhaften in der Kirche anders umgehen. Das kann seine Beziehung zu Christus und zur Kirche als dem mystischem Leib Christi dann nicht so einfach erschüttern. Jedem Kirchenaustritt geht eine unterschiedlich lange Phase der Entfremdung und Kirchendistanz voraus. Und, was für mich noch entscheidender ist, ein zunächst schleichender und dann manifester Verlust des Glaubens an einen personalen Gott, der mit dem Leben der Menschen unbedingt etwas zu tun hat, der in Jesus Christus Anteil nimmt an deren Freude und Tränen. Der eigentliche Grund, warum wir heute Rekordzahlen beim Kirchenaustritt haben, ist, dass so viele Menschen diesen personalen Gottesbezug verloren haben.

Was kann die Kirche dagegen tun?

Ich bin jetzt 19 Jahre Mitglied der deutschen Bischofskonferenz. In all den Jahren haben wir uns immer wieder gefragt: Wie schaffen wir eine Neuevangelisierung? Es gibt dazu auch viele gute Papiere. Nur mit Leben haben wir das noch nicht hinreichend erfüllt. Analysen dieser Glaubens- und Gotteskrise haben wir genug. Wir sind der Diagnosen doch längst müde. Entscheidend ist jetzt allein die Frage: Wo bitte gibt's die richtige Therapie? Wo finden wir die geeignete Medizin? Bislang ist es uns noch nicht richtig gelungen, diese Medizin zu finden. Wir doktern hier und da herum, aber das Eigentliche ist nicht geschafft. Ich bin überzeugt, auch unsere eigene Verkündigung ist ein Stück weit krank. Sie muss dringend auf den Prüfstand. Ihre katechetische und didaktische Reform ist die Bedingung der Möglichkeit einer Erneuerung des Glaubens.

„Ich bin seit 46 Jahren Priester und muss sagen: Der Grundwasserspiegel des Glaubens war noch nie so tief wie im

Augenblick“

Wenn der schleichende Entfremdungsprozess mit dem Verlust des Glaubens zu tun hat, kann es keine Therapie geben ohne die Vermittlung von Glaubensinhalten, ohne Katechese. Richtig?

Das ist der entscheidende Punkt. Wo ich als Bischof auch hinkomme und mit Menschen über die zentralen Lehren der Kirche spreche, stelle ich fest, das Glaubenswissen ist auf einem erschreckend niedrigen Niveau angekommen. Wir müssen daher wirklich ganz neu anfangen und die grundlegenden Glaubenswahrheiten vermitteln. Ich bin seit 46 Jahren Priester und muss sagen: Der Grundwasserspiegel des Glaubens war noch nie so tief wie im Augenblick. Es reden zwar alle mit, weil man mit ein paar plakativen Äußerungen schnell in die Medien kommt. Aber an einer Vertiefung des Glaubens besteht im Grunde wenig Interesse. Man hat seine Meinung über die Kirche fix und fertig. Bewusstsein dafür, dass Glaube auch etwas mit dem Kopf zu tun hat, mit Wissen und mit Lernen, ist eher die Ausnahme. Von der Bereitschaft, sich darauf einzulassen, ganz zu schweigen. Gottseidank machen wir im Bistum Fulda auch andere Erfahrungen. In verschiedenen Gemeinden gibt es Grundkurse des Glaubens. Das sind wichtige erste Schritte, aber so etwas muss unbedingt im großen Stil auf die Tagesordnung. Das ist dringlicher als all die anderen Fragen, die sich als wichtig gerieren. Die sind in Wirklichkeit oft nur Tagesprobleme, aber nicht das eigentliche Grundproblem.

Was ist denn das Grundproblem?

Mit einem organisatorischen Überbau, dem kein gelebter Glaube mehr entspricht, haben wir keine Chance auf Zukunft.

Dann müsste nach all der kirchlichen Krisenkommunikation im Zuge der Skandale der vergangenen Jahre künftig das Thema Evangelisierung die Themenagenda der Kirche in Deutschland bestimmen? Kann sich die Bischofskonferenz das zur gemeinsamen Aufgabe machen?

Es wäre ein großes Geschenk, wenn das gelänge. Zwei Drittel aller Themen, die uns umtreiben, sind im Grund Reaktionen. Wir wollen Probleme eingrenzen, wollen sie entschärfen, wollen Schaden begrenzen. Die große Gefahr dabei ist, dass die eigentlich entscheidenden Dinge zu kurz kommen. Verglichen mit der Notwendigkeit, den Glauben zu erneuern, ist doch das Allermeiste wirklich zweitrangig. Es wäre wunderbar, wenn die 27 Bistümer in Deutschland einen verbindlichen roten Faden der Neuevangelisierung auf den Weg brächten und das über einige Jahre wirklich betreiben würden. Dann könnte man überprüfen, was es gebracht hat. Sicher, die deutschen Bistümer sind sehr unterschiedlich, aber das darf keine Ausrede sein. Keiner von uns könnte sagen, dass er zuwartet oder dass er nichts tut. Wir tun sehr viel, scheinen mitunter atemlos. Aber was kommt dabei am Ende heraus? Und dann fragen wir: Was will Gott uns mit dieser Krise sagen? Dabei haben wir vielleicht den falschen Blick auf das Problem und sind selbst die Verursacher.

Mit Blick auf die hohen Austrittszahlen hoffen manche auf einen „Franziskus-Effekt“. Ein Selbstläufer ist das offensichtlich nicht. Schließlich ist der Papst schon eine Weile im Amt und die Zahlen sind dennoch auf Rekordniveau. Was kann der „Franziskus-Effekt“ bringen?

Man sollte sich vor Oberflächlichkeit hüten. Es ist großartig, dass Papst Franziskus bei vielen Menschen so gut ankommt. Die Öffentlichkeit nimmt den Heiligen Vater sehr positiv wahr. Das sorgt insgesamt für eine positive Stimmung. All das hat natürlich seine Wirkung. Und das ist gut. Aber das wirkt in den Herzen der Menschen nicht automatisch glaubensvertiefend.

Für Papst Franziskus ist die Vertiefung und Verlebendigung des Glaubens ein zentrales Anliegen. Seine Enzyklika „Evangelii gaudium“ ist ein großer Ruf nach Evangelisierung. Dafür gab es viel Lob, aber danach ist nicht viel passiert. Seine neue Enzyklika „Laudato si“ wird in der öffentlichen Wahrnehmung auf das Thema Umweltschutz reduziert. Dabei geht es um wesentlich mehr. Wird Franziskus selektiv wahrgenommen?

Absolut. Jeder sucht sich heraus, was er gerne hören möchte. Genau das wird dann kommentiert. Es gibt die berühmten plakativen Überschriften und danach wird vornehm die Schublade geöffnet und die Sache ist erledigt. Ich bin mir sicher, dass die allermeisten „Laudato si“ nicht gelesen haben. Man kennt ein paar Zeitungsartikel dazu, aber die sind tendenziös. Wer über eine so große Enzyklika einen kleinen Artikel schreibt, der muss verkürzen und greift sich dann in der Regel sein Lieblingsthema heraus. Damit beginnt schon die selektive Wahrnehmung. Das war bei „Evangelii gaudium“ nicht anders und lief auch so bei der berühmten Rede des Papstes am 22. Dezember vor der Kurie, als Franziskus über die Krankheiten der Kurie sprach.

Aber diese Rede war kaum misszuverstehen. Inwieweit wurde sie selektiv wahrgenommen?

Es wurde der Eindruck erweckt, als sei damit nur die Kurie gemeint. Aber was der Papst da gesagt hat, galt doch genauso für uns deutsche Bischöfe, für unsere Ordinariate und für jeden einzelnen Katholiken. Diese Rede war hart, aber man darf sie doch nicht auf die Mitarbeiter der Kurie reduzieren. Sie galt uns allen! Wir können nicht bei oberflächlichen Betrachtungen stehenbleiben, als seien immer nur die anderen gemeint. Wir müssen uns selbst ernsthaft prüfen. Ohne Tiefgang kann es keine Erneuerung geben. Am Ende bleiben sonst nur noch politische Botschaften. Das ist immer falsch.

„Im Bußsakrament öffnet sich die Tür zur Barmherzigkeit Gottes. Die Wiederentdeckung der Beichte ist eine Schlüsselfrage kirchlicher

Erneuerung“

Papst Franziskus ruft eindringlich zu Umkehr und Erneuerung und betont dabei immer wieder die zentrale Bedeutung des Bußsakraments. Hierzulande ist die Beichte das vergessene Sakrament. Ist die Neuentdeckung des Sakraments der Versöhnung die Schlüsselfrage kirchlicher Erneuerung?

Für mich bedeutet das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eine große Einladung, das Sakrament der Versöhnung neu zu bedenken, zu lernen und zu empfangen. Die Beichte ist der Anfang jeder Erneuerung. Das müssen wir wieder verstehen lernen. Deshalb muss die Beichte auch in der Verkündigung einen neuen Stellenwert bekommen. Nur ein geändertes Bewusstsein kann auch Wirklichkeit verändern. Die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes im Bußsakrament gibt neue Kraft und macht Erneuerung möglich. Die Beichte ist keine zusätzliche Belastung. Sie ist die offene Tür zum Herzen des Vaters. Es genügt nicht, wenn wir Heilige Pforten in den Domkirchen öffnen. Im Bußsakrament öffnet sich die Tür zur Barmherzigkeit Gottes. Diese Tür müssen wir durchschreiten. Und wir müssen neu lernen, wie notwendig und hilfreich das für das eigene Leben ist. Insofern ist die Wiederentdeckung der Beichte in der Tat eine Schlüsselfrage kirchlicher Erneuerung.

Die evangelische Kirche hat ihre aktuellen Austrittszahlen noch nicht veröffentlicht. Offenbar sind sie noch dramatischer als die der katholischen Kirche. Was heißt das für innerkatholische Reformdiskussionen? All die Reformforderungen, über die seit Jahrzehnten gestritten wird, sind in der evangelischen Kirche längst realisiert und doch gibt es noch mehr Austritte.

Ich ärgere mich schon seit Jahren, dass wir es nicht schaffen, an einem Tag die Zahlen der evangelischen und der katholischen Kirche zu veröffentlichen. Die Zahlen wären doch aufschlussreich. All die kritischen Forderungen, die auch bei uns immer wieder erhoben werden – nehmen wir nur den Ruf nach Abschaffung der priesterlichen Ehelosigkeit oder das Thema Frauenordination – sind in der evangelischen Kirche realisiert. Nimmt die evangelische Kirche deshalb eine bessere Entwicklung? Haben sich damit neue Horizonte des Glaubens eröffnet? Nein, das ist nicht der Fall! Im Gegenteil. Das zeigt doch: Es geht um eine andere, tiefere Krise. Diese Krise muss zur Sprache kommen. Man kann über manches diskutieren, aber das eigentliche Problem des Gottesverlustes ist damit nicht gelöst. Der Gottesverlust ist die dramatische Signatur dieser Zeit. Darüber müssen wir reden. Auf diese Herausforderung kann es nur eine Antwort geben: Neuevangelisierung.

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