Das Coming-Out des Prälaten

Polen: Der Fall Charamsa stößt in den Medien auf Ablehnung – Die Kirche reagiert barmherzig. Von Stefan Meetschen

Warschau (DT) Das Outing des Vatikan-Prälaten Krzysztof Charamsa hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Auch in Polen, seinem Heimatland. Schnell verbreitete sich die Nachricht in den polnischen Medien und nahm in den staatlichen Radio- und Fernsehnachrichten den ersten Platz ein. Beim privaten, durchaus kirchenkritisch geltenden TV-Sender„TVN24“ war schon bald ein Interview des 43-Jährigen mit der Journalistin Katarzyna Kolenda-Zaleska zu sehen: „Ich werde Priester für immer bleiben, denn die Gnade des Sakraments der Priesterweihe kann ich nicht aus meinem Herzen reißen“, sagte Charamsa mit breitem Lächeln. So demonstrativ selbstzufrieden, dass die Journalistin ihn mit skeptischer Distanz an die Unvereinbarkeit seiner Aussagen mit der kirchlichen Lehre und Amtsauffassung erinnern musste. Doch derartige Einwände schob Charamsa mit großer Geste beiseite und kündigte an, er werde bald, auf Polnisch und Italienisch, ein Buch veröffentlichen, in dem das Thema Kirche und Homosexualität tiefer behandelt werde.

Vermutlich ein Grund mehr, wieso im Zusammenhang mit dem Outing schon bald das Wort von einer geplanten „Marketingaktion“ unter polnischen Journalisten die Runde machte. Katarzyna Kolenda-Zaleska hat diesen Ausdruck inzwischen öffentlich benutzt. Auch die katholische Wochenzeitschrift „Gosc Niedzielny“. Bei der wertkonservativen Zeitung „Rzeczpospolita“ vermutet man ebenfalls, dass die Intention Charamsas eng mit dem Verkauf seines Buches zusammenhänge. Seine Kritik an der Kirche sei naiv und größenwahnsinnig.

Einen überraschend anderen Akzent setzt dagegen die dezidiert antiklerikal eingestellte, liberale Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“, die allerdings auch nicht angetan von der Medieninszenierung des Prälaten ist: Charamsa habe, so die Zeitung, das homosexuelle Milieu, dessen Gesicht und Befürworter beim Papst er hätte sein sollen, verraten und anstelle dieses Anliegens seinen Verlobten Eduardo, das „Leben im sonnigen Barcelona“, gewählt. Dazu wirft die Zeitung Charamsa Heuchelei und Betrug gegenüber Katholiken vor, die bei ihm gebeichtet und seine Predigten gehört hätten.

Betrogen fühlen sich – nach Angaben der Website „Press.pl“ – aber auch der Chefredakteur des Wochenmagazin „Wprost“ und die Leiterin des Ressorts „Gesellschaft“ von „Newsweek Polska“, die beide in dieser Woche mit Charamsa auf dem Titelblatt und einem „Exklusiv-Interview“ aufmachen, denn so sei es mit ihm vereinbart gewesen. Ein presserechtlicher Widerspruch, der noch Konsequenzen für den Prälaten haben könnte. Auf Distanz zu dem Prälaten, der inzwischen in Rom seiner verschiedenen Ämter enthoben worden ist, geht auch die katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“, die bereits vor einer Woche mit Charamsa auf dem Cover erschien. Damals jedoch nicht wegen seines öffentlichen homosexuellen Bekenntnisses, sondern weil er in einem Gastbeitrag mit dem Titel „Theologie und Gewalt“ die polnischen Bischöfe und insbesondere einen Priester und Theologen namens Dariusz Oko, der an der Päpstlichen Universität Krakau lehrt, attackierte. Jetzt wirft die Zeitung dem Prälaten Manipulation und einen negativen Einflussnahme-Versuch auf die derzeitige Familien-Synode in Rom vor.

Auch der Chefredakteur der katholischen Nachrichtenagentur Polens, Marcin Przeciszewski, kritisiert in ähnlicher Weise das Vorgehen Charamsas. Gegenüber der Boulevard-Zeitung „Super-Express“ sagt er: „Ich denke, dass das Ziel dieser Aktion war, die Beziehung der Medien zur Synode zu stören. Anstatt von den Sitzungen und der Hilfe für die Familien in der heutigen Welt zu berichten, konzentrieren sie sich nun auf Homosexualität.“

Der von Charamsa so heftig attackierte Oko, der in Predigten und Veröffentlichungen immer wieder vor dem Gender Mainstreaming warnt, findet hingegen nicht nur kritische, sondern auch barmherzige Worte für den Prälaten. So meint Oko gegenüber dem Sender „TVN24“ zwar, dass für Charamsa Sex wichtiger sei „als Gott und Erlösung“ und Charamsa sich „wichtiger“ nehme „als Gott und Jesus“. Dennoch verurteilt Oko Charamsa nicht als Mensch, sondern stellt klar: „Jemand, der als Gay kämpft und darauf stolz ist, kann nicht Priester sein, aber derjenige, der diese Tendenzen überwunden hat, kann es sein. Er muss sie aber überwinden, denn er muss ein wahrer Mann sein.“ Auch Charamsas Ortsbischof Ryszard Kasyna, welcher der Diözese Peplin vorsteht, hält Charamsa die Tür zur Umkehr barmherzig offen. Man solle für Charamsa beten, heißt es in einer Erklärung auf der Website der Diözese, die Rückkehr zum „Priestertum Christi“ bleibe für ihn möglich.

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