Das Christentum wandelt sich

Ein Kongress in Rom untersucht das Phänomen der sich schnell ausbreitenden neuen religiösen Bewegungen. Von Guido Horst

Rom (DT) Am Donnerstag ist in Rom ein Kongress zu Ende gegangen, den die Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen über neue religiöse Bewegungen veranstaltet hat. Gemeint sind mit diesen Bewegungen Evangelikale, Pfingstkirchen und Charismatiker, die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend das Gesicht des Christentums prägen – noch nicht in Europa, aber längst schon in Asien, Afrika und Lateinamerika. Wie einer der Leiter des Kongresses, Kardinal Kurt Koch, Präsident des vatikanischen Einheitsrates, gegenüber dieser Zeitung erklärte, haben sich die Partner der Ökumene in den vergangenen fünfzig Jahren stark verändert. Das Zweite Vatikanische Konzil habe noch die historischen Großkirchen, also die Orthodoxen, die Anglikaner und die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften vor Augen gehabt, wenn es um die Einigung der Christenheit ging. Heute seien der katholischen Ökumene ganz neue Partner erwachsen. Koch sprach von einer „Pentekostalisierung“ des Christentums. Diese aus den Pfingstkirchen erwachsene Bewegung stelle heute zahlenmäßig die zweitgrößte christliche Realität nach der katholischen Kirche dar. Aufgabe sei es, mit den Gesprächspartnern aus dieser Bewegung überhaupt erst einmal die Ziele der Ökumene zu besprechen.

Zu den Gästen des dreitägigen Kongresses zählten achtzig Fachleute und hohe Kirchenvertreter aus aller Welt, unter ihnen der spanische Religionssoziologe José Casanova, der in den Vereinigten Staaten lehrt. Das Projekt der Deutschen Bischofskonferenz, sich mit den neuen religiösen Bewegungen in der Welt auseinanderzusetzen, geht noch auf Walter Kasper zurück, als dieser in seiner Eigenschaft als Bischof von Rottenburg-Stuttgart Vorsitzender der Kommission Weltkirche war. Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg nahm als derzeitiger Vorsitzender dieser Kommission an dem Fachkongress teil. Man müsse mit den neuen religiösen Bewegungen in einen ökumenischen Dialog treten, sagte Schick am Rande des Kongresses gegenüber Journalisten.

Es dürfe dabei nicht um eine „Reconquista“ gehen. Diese Bewegungen müssten vielmehr Anlass sein, die eigene Praxis und die eigenen Positionen zu überdenken und zu hinterfragen. Dies gelte etwa mit Blick auf die Rolle der Frau. Insbesondere die „Wertschätzung und Stabilisierung“ von Frauen für ihr Wirken in Ehe, Familie und Gesellschaft gelinge in den neuen religiösen Bewegungen gut, hob Schick hervor. Er verwies jedoch zugleich auf aus katholischer Sicht bedenkliche Aspekte wie einen „irrationalen Bibelfundamentalismus“ sowie das Verständnis von Schuld und Verdammnis. Über diese Themen müsse mit den neuen religiösen Bewegungen diskutiert werden.

Weihbischof Norbert Strotmann aus dem peruanischen Lima verwies darauf, dass die katholische Kirche in Lateinamerika gegenüber diesen Bewegungen immer noch in der Defensive stehe. Pfingstlerische und charismatische Gruppierungen seien zum Beispiel Meister darin, Medien aufzubauen, Strategien zur Mitgliederwerbung zu entwickeln und die Menschen dort abzuholen, wo sie Bedürfnisse hätten. Für die katholische Kirche, die in Fragen der Religion einst eine Monopolstellung in Lateinamerika hatte, sei das oft bitter.

Auch der Religionssoziologe Casanova hob wie Erzbischof Schick die besondere Rolle der Frauen hervor. Frauen würden in größerer Anzahl die katholische Kirche verlassen. „In Brasilien ist die einzige religiöse Gruppe, in der es mehr Männer als Frauen gibt, die katholische Kirche. Alle anderen Gruppen haben mehr Frauen als Männer“, meinte Casanova. Die Frauen etwa in Brasilien würden die katholische Kirche sehr schnell verlassen. Auch sei ein sehr großer Zerfall der religiösen Frauenorden zu beobachten. „Das ist sehr kritisch für die katholische Kirche“, erklärte der Religionssoziologe.

Das schnelle Wachstum der Pfingstkirchen, so Kardinal Koch in seinem Referat, habe die „weltweite Geographie des Christentums“ tiefgreifend verändert. Koch erinnerte an die Worte Benedikts XVI., der vor Vertretern des Rats der Evangelischen Kirche 2011 in Erfurt erklärt hatte: „Vor einer neuen Form von Christentum, die sich mit einer ungeheuren und in ihren Formen manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik ausbreitet, stehen die klassischen Konfessionskirchen oft ratlos da. Es ist ein Christentum mit geringer institutioneller Dichte, mit wenig rationalem und mit noch weniger dogmatischem Gepäck, auch mit geringer Stabilität. Dieses weltweite Phänomen – von dem ich von Bischöfen aus aller Welt immer wieder höre – stellt uns alle vor die Frage: Was hat diese neue Form von Christentum uns zu sagen, positiv und negativ? Auf jeden Fall stellt es uns neu vor die Frage, was das bleibend Gültige ist und was anders werden kann oder muss – also vor die Frage unserer gläubigen Grundentscheidung.“ Der Kongress der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz wollte ein Schritt sein, der Ratlosigkeit der katholischen Kirche angesichts der schnellen Ausbreitung der evangelikalen und charismatischen Gruppierungen zu begegnen.

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