„Das Blut der Kopten ist billig“

Österreichs Kopten-Bischof Gabriel ist bereit, zu verzeihen – Kardinal Schönborn hofft, dass die Bluttat von Alexandria die Europäer aufweckt. Von Stephan Baier
Foto: sb | Bischof Anba Gabriel.
Foto: sb | Bischof Anba Gabriel.

In der koptischen Kathedrale hängt der Weihrauch schwer im Raum, wie draußen vor der Türe der Nebel im winterlichen Wien. Nur halbvoll ist die sonntägliche Morgenmesse in der „Kirche der Heiligen Jungfrau Maria“ am Stadtrand der österreichischen Hauptstadt, wo rund 5 000 Christen aus Ägypten leben. Auf der einen Seite stehen die Männer im dunklen Anzug, auf der anderen die Frauen, von denen die meisten sich beim Betreten der Kirche ein weißes Kopftuch überziehen. Gebetet und gesungen wird in drei Sprachen: in jenem Koptisch, das nur mehr Liturgiesprache ist, auf Hocharabisch und Deutsch.

Die Sicherheitskontrolle zur Pressekonferenz in der Unterkirche übernehmen die koptischen Gläubigen selbst und mit ausgesuchter Freundlichkeit, nicht die Wiener Polizisten, die zur Dekoration da zu sein scheinen. Gemeinsam mit drei Jugendlichen präsentiert Bischof Anba Gabriel die Lage seiner Kirche nach dem Mordanschlag von Alexandria. Hinter ihnen steht auf einem Transparent ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium: „Ja, es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.“

„Das Blut der Kopten in Ägypten scheint billig zu sein“, sagt Bischof Gabriel. „Die Attentäter werden nie bestraft. Deshalb denkt jeder, man kann mit den Kopten tun, was man will.“ Der Bischof widerspricht Thesen, es seien in Alexandria auch Muslime zu Tode gekommen: Die 23 Ermordeten seien alle Kopten. Lediglich unter den Verletzten seien auch Muslime. Die Sicherheitskräfte seien wohl gewarnt worden, denn sie gingen eine Stunde vor dem Attentat einfach weg, erzählt Bischof Gabriel. Immerhin habe Präsident Mubarak erstmals sein Mitleid mit den koptischen Opfern bekundet: „Nie zuvor hat ein Präsident mit den Kopten getrauert.“ Erstmals hätten die Kopten öffentlich demonstriert, und zum ersten Mal sei in ägyptischen Zeitungen von „Märtyrern“ die Rede gewesen.

„Die Ereignisse eskalieren“, sagt Bischof Gabriel, der selbst einst in der Heimat entführt und mit Eisenstangen geschlagen wurde. Präsident Sadat habe mit US-Geld die Islamisten gestärkt. Vorher sei das Zusammenleben von Muslimen und Kopten friedlich gewesen, doch nun gebe es Hassprediger, die gegen Christen hetzen: „Die Kinder trinken den Hass mit der Muttermilch!“ Die Reaktion der Regierung sei stets, zu leugnen und zu beschwichtigen, die Angreifer nie zu verurteilen und Kopten zu verhaften, um sie erst wieder freizulassen, wenn sie auf ihre Rechte verzichten. Bischof Gabriel wörtlich: „Die Christen sterben, damit sie Christus nicht verleugnen.“ Die Kopten würden den Tod nicht fürchten. „Wir lieben auch unsere muslimischen Brüder und Schwestern in Ägypten.“

Georg Dawoud, der Sprecher der koptischen Jugend in Österreich, berichtet davon, dass sich die Situation zunehmend verschlechtert habe: „Wir werden im eigenen Land als Bürger zweiter Klasse behandelt.“ Kein ägyptisches Gericht verurteile einen Muslim wegen eines Übergriffs auf Christen. Staatlicherseits gebe es zunehmend Repressionen, seit Sadat die Scharia als Quelle staatlichen Rechts zuließ. Die Regierung gebe die Zahl der Kopten mit derzeit sechs Prozent an, doch die Kirche gehe von mindestens 12 Millionen Gläubigen, also rund 15 Prozent der Bevölkerung, aus.

Der junge Ägypter Daniel Kher dokumentiert Fehlinformationen der Auslandskorrespondenten in Kairo: So sei nicht berichtet worden, dass die Gläubigen in Alexandria nach der Detonation der Bombe von den Dächern der umliegenden Häuser mit Knallkörpern beworfen und dass christliche Geschäfte geplündert wurden. Dagegen wurde in Medien behauptet, dass Kopten die gegenüberliegende Moschee mit Steinen bewarfen, obwohl der dortige Imam dies ausdrücklich verneinte.

Bischof Gabriel fordert die Regierung Ägyptens auf, die Attentäter zu bestrafen. Dass es sich dabei um Ausländer handelte, wie die Regierung behauptete, bezweifelt der Bischof: „Das Attentat hat ein ägyptisches Gesicht. Wir brauchen dafür keine Ausländer.“ Bischof Gabriel betont: „Wir wollen verzeihen, aber die Regierung muss die Christen schützen.“ Im Gespräch mit der „Tagespost“ meint er, dass die Anschläge die Christen gestärkt hätten: In Ägypten seien viel mehr Gläubige zur Beichte und zu den Weihnachtsmessen gegangen, im Ausland sei eine große Empörung zu spüren. Von den europäischen Staaten erwartet der koptische Bischof, dass sie Kopten Asyl gewähren, was bisher nicht der Fall ist, weil Ägypten als sicheres Land gilt.

„Wir betrachten die Muslime als Brüder und lebten bis in die 70er Jahre gut zusammen“, so Bischof Gabriel im Gespräch mit dieser Zeitung. Nun aber gebe es den Plan, „den Nahen Osten von Christen zu säubern“. Dass die Kopten massenweise aus Ägypten auswandern, glaubt er nicht, auch wenn er weiß, dass die Kopten immer leiden müssen, wenn sich ein Bischof oder gar Papst Schenouda III. öffentlich äußert. Bischof Gabriel vermutet, dass die Empörung westlicher Politiker weniger der Religionsfreiheit der Kopten geschuldet ist, als vielmehr der Angst vor den Islamisten in Europa. Durch die demographische Entwicklung könne es in Europa bald ähnliche Zustände geben wie im Orient, befürchtet der Bischof der Kopten in Österreich.

Zurück in der Kathedrale: Die Spätmesse ist überfüllt, auch wenn hinten beim Kircheneingang ein reges Kommen und Gehen herrscht. Vor der Kirche wird Fleisch gebraten, stehen Familien bei Kaffee und Plätzchen beisammen. Mehr als die Hälfte der Kirchgänger sind Kinder und Jugendliche. Die meisten von ihnen sprechen nicht Arabisch, sondern akzentfrei Deutsch miteinander.

Bei der Trauergedenkfeier am Nachmittag, als die österreichischen Gäste eintreffen, gruppieren sich die Kinder in der überfüllten Kathedrale auf der Empore. Nach einem deutsch gebeteten „Vater unser“ und den Trauergebeten für die „Märtyrer von Alexandria“ ergreift der evangelische Bischof Michael Bünker das Wort. Er spricht von einem „großen Verbrechen“ und davon, dass uns die Situation der Christen im Nahen Osten nicht ruhen lassen dürfe.

Er könne nicht nur Trauer und Entsetzen, sondern auch den „heiligen Zorn der Kopten nach- und mitempfinden“, sagt der Präsident der Stiftung „Pro Oriente“, Johann Marte. Die Regierung Ägyptens müsse endlich Schutzmaßnahmen ergreifen, doch habe das Problem „tiefere Ursachen“: Marte verweist darauf, dass Christen in mehr als 30 islamischen Ländern verfolgt würden. Hier sei „ein grundsätzlicher Bewusstseinswandel notwendig“. Dass die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich das Attentat verurteilte und in Ägypten auch Muslime mit den Kopten demonstrierten, macht Marte Mut.

Die koptische Kirche sei seit 1 300 Jahren „tief hinabgestiegen in das Mitleiden mit Christus, in Diskriminierung, Leiden und Verfolgung“, sagt dann Kardinal Christoph Schönborn in der koptischen Kathedrale. „Das Attentat von Alexandria ist nur ein Kapitel in einer langen Leidensgeschichte. Aber über diesem Leid tut sich der Himmel auf.“ Schönborn wörtlich: „Heute schauen wir alle auf die koptischen Gläubigen, in Dankbarkeit und Verehrung für ihr Zeugnis des Mitleidens mit Christus und für das Zeugnis der Auferstehung.“ Hier werde die Kraft des Heiligen Geistes spürbar, „denn ohne diese Kraft hätte der Glaube nicht 1 300 Jahre in Verfolgung bestanden“. Er hoffe, dass „das blutige Opfer der 23 Ermordeten uns in Europa aufweckt, dass wir endlich begreifen, was für ein großes Gut es ist, mit Christus zu leben und zu leiden“.

Ein Mord im Namen der Religion sei „eine Untat gegen Gott und die Religion“, sagt der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos. Es gebe „Ideologien, die meinen, im Namen Gottes Menschen umbringen zu müssen, was eine Blasphemie ist“. Der Frauenchor in der koptischen Kathedrale von Wien singt auf Deutsch und Arabisch von Leid und Verfolgung der koptischen Kirche: „Wie oft wurdest Du mit Jesu Dornen gekrönt!“ Bischof Gabriel meint: „Diese Not hat viel Segen gebracht. Durch das Leiden werden wir gestärkt.“

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