„Das Betriebssystem Gottes ist die Liebe“

Eine Fachtagung des „Instituts für Ehe und Familie“ am Internationalen Theologischen Institut (ITI) führte zu Quellen und Orten wahrer Liebe. Von Stephan Baier
Foto: dpa | Ein unersetzliches Glaubenszeugnis der Ehepaare heute: Das eigene Kind taufen zu lassen und im Glauben zu erziehen.

Trumau (DT) Kann eine katholische Fachtagung über Ehe und Familie in Zeiten wie diesen auskommen ohne eine Kontroverse über die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten? Sie kann, wie das „Institut für Ehe und Familie“ (IEF) der Österreichischen Bischofskonferenz am Samstag im niederösterreichischen Trumau bewies. Unter dem Motto „Liebe ist frei, treu, bedingungslos, lebensspendend, missionarisch“ wurden die Schönheit und die Wahrheit des christlichen Ehe-Ideals ans Licht gehoben – ohne naive oder realitätsblinde Romantisierung, zugleich aber auch ohne jede Fixierung auf das Brüchige und Scheiternde.

Die Tagung wolle in einer Zeit großer Desorientierung zu den Quellen gehen und neu den Boden finden, sagte der Direktor des IEF, Johannes Reinprecht. Begründung: „Die Familie ist die Quelle und der Ort der wahren Liebe.“ Die Kirche leide mit, wenn es in den Familien nicht gelingt, sie freue sich auch mit, wenn es gelingt, meinte der Wiener Weihbischof Franz Scharl. Später, in seiner Predigt, ergänzte Bischof Scharl: „Liebe ist herausfordernd.“ Zum Reifen der Liebe gehöre, „dass man nicht nur Gefühle teilt, sondern das Leben“.

Dass Liebe nicht nur Gefühl oder von Gefühlen allein getragen ist, machte Christian Alting von Geusau, der Rektor des „Internationalen Theologischen Instituts“ (ITI), an dem die Tagung stattfand, deutlich: „Liebe ist eine Entscheidung“, ja sie müsse sogar „eine tägliche Entscheidung sein, damit die Liebe frei, lebensspendend und missionarisch sein kann“. Liebe müsse sichtbar sein und ansteckend, „wie ein Feuer, das um sich greift und sich ausbreitet“. Die sichtbare Liebe der Eltern sei auch lebensprägend für die eigenen Kinder. Der Rektor des ITI, an dem Theologie mit einer Schwerpunktsetzung auf Ehe und Familie gelehrt wird, verwies auf die „tiefe Tragik unbeschreiblicher Leiden von Kindern, wenn die Einheit der Eltern nicht gegeben ist oder zerbricht“, auf den „Schaden, den wir Erwachsenen bei Kindern anrichten“. Das nachsynodale päpstliche Schreiben „Amoris laetitia“ appelliere an die Eheleute, den anderen wachsen zu lassen in seiner eigenen Identität: „Dann ist die Liebe ein Handwerk!“

Über die Liebe sei mehr geschrieben, gedichtet, komponiert, gelächelt und gelästert worden als über jedes andere Thema seit Bestehen der Welt, meinte Corbin Gams, Leiter der Studiengänge „Theologie des Leibes“ und „Leib–Bindung–Identität“ an der Hochschule Heiligenkreuz. Gams griff tief „in die Schatztruhen der Kirche“, um daraus Dimensionen der Liebe zu erklären: Von der Heiligen Schrift über die Kirchenväter bis zu den Päpsten unserer Zeit spannte der Referent einen Bogen kirchlicher Liebes-Lehre.

Papst Johannes Paul II. habe die Quellen seiner „Theologie des Leibes“ beim Mystiker Johannes vom Kreuz gefunden. Benedikt XVI. beschrieb die Liebe als Ekstase, „aber Ekstase nicht im Sinn des rauschhaften Augenblicks, sondern als ständiger Weg aus dem in sich verschlossenen Ich, zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung“. Weil Gott die Liebe ist – wie im Ersten Johannesbrief nachzulesen – und der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen, werde der Mensch in dem Maß Gott ähnlich, in dem er ein Liebender wird“, argumentierte Gams mit Worten Papst Benedikts XVI.: „Wir sind die Offenbarung Gottes für die Welt, in dem Maß, in dem wir Liebende werden.“

Weil die Liebe „das Betriebssystem Gottes“ sei, darum sei jeder Mensch – nicht nur der Verheiratete, auch der Zölibatäre – dazu berufen, die Liebe Gottes in seinem Leben abzubilden: „Das ist die Matrix für gelingendes Leben“, so Gams. „Wenn unsere Liebe der Liebe Gottes ähnlich sein soll, dann muss sie frei geschenkt sein“, ergänzte seine Ehefrau Birgit Gams. Sie werde jedoch nicht ein für allemal geschenkt, sondern müsse sich immer neu bewähren. „Man muss sich täglich neu schenken.“

Die Eltern sollten ihre Kinder zu reifen Persönlichkeiten erziehen, „damit sie sich selbst besitzen, um sich auch frei schenken zu können“. Birgit Gams, die als Sozialpädagogin ein Haus für Menschen mit Behinderung leitet, meinte, viele Paare würden sich zu schnell trennen und damit ihrer Liebe nicht die Zeit geben, die sie zum Reifen brauche. Corbin Gams legte die Latte noch höher: „Gott liebt vor jeder Leistung und trotz aller Schuld.“ Heute jedoch scheine das Treueversprechen zweier Menschen vielen Zeitgenossen tollkühn, ergänzte seine Frau. Aber: „Wir haben alle die Sehnsucht, dass unsere Liebe ewig dauert, denn bei Gott ist es genauso.“ Birgit Gams erinnerte an die Appelle Johannes Pauls II., mit dem Körper die Wahrheit auszudrücken: „Ich kann mit meinem Körper die Wahrheit sagen oder lügen.“ Mit der sexuellen Vereinigung gebe der Körper selbst ein Versprechen ab. „Tagespost“-Autor Jürgen Liminski beschrieb die Ehe als natürlichen Ort, an dem Liebe geboren wird und sichtbar bleibt. Im medialen Mainstream seien Ehe und Familie heute eher Feindbilder denn Leitbilder. Der „Gender-Virus“ greife um sich. Als „langsame Revolution“ bezeichnete Liminski die christliche Durchdringung des natürlichen Eheverständnisses. Das Christentum habe auch die Gleichwertigkeit der Ehepartner gebracht. „Wer die Unauflöslichkeit der Ehe zugunsten einer vermeintlichen Barmherzigkeit relativiert, leistet der Paganisierung der Ehe Vorschub“, warnte der Vater von zehn Kindern.

Der Ehepartner sei „Gestalt gewordene Berufung“. Das konjugale Prinzip sei lebensspendend, nicht nur mit Blick auf das irdische, sondern auch auf das ewige Leben. Als prophetisch bezeichnete Liminski die Warnungen Papst Pauls VI. vor der Verzweckung der menschlichen Sexualität. Eine „Kultur des Todes“ löse die Liebe von ihrer lebensspendenden Kraft. „Wer Liebe erlebt hat, liebt auch das Leben“, meinte Liminski. Das schönste Geschenk, das man Kindern machen könne, seien Geschwister. Und weiter: „Liebe hat kein Maß. Liebe hat auch keine Fristen. Liebe will Ewigkeit.“

Pater Luc Emmerich CSJ sieht die Kirche „derzeit in einem missionarischen Schwung“. Die Liebe Gottes selbst sei missionarisch, deshalb gelte: „Sobald wir uns der Liebe öffnen, können wir Quelle sein.“ Darum habe Johannes Paul II. geschrieben: „Die Heiligkeit ist die verborgene Quelle der Mission“. Mission geschehe nicht vorrangig mit Worten. Für die Kinder seien die Eltern und alles, was sie sagen, dann glaubwürdig, wenn die Kinder spüren, dass sich die Eltern sehr lieben. „Ein Ehepaar, das sich liebt und zusammen betet, hat missionarische Power!“, so Pater Luc Emmerich.

Priesterweihe und Ehesakrament seien die beiden Sakramente der Mission, „ausgerichtet auf die Heiligung der anderen“. Wie der Priester für Gott und die anderen Menschen da sei, so sei auch die Ehe ein Sakrament, das die Person vom Ich zum Du wendet. Die Mission der Familie bestehe darin, Leben zu geben, Kinder zu erziehen, die Kinder beten zu lehren, ihren Verstand und ihre eigene Freiheit zu stärken, Leben in Fülle zu ermöglichen. Die Eheleute selbst seien berufen, miteinander und durcheinander mehr Christen zu werden, sagte Pater Luc. Wer den Mut habe, selbst für andere zur Quelle zu werden, werde dadurch nicht leerer, sondern selbst gefüllt.

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