Danneels im Kreuzfeuer

Der Anwalt des belgischen Kardinals wirft Zeitungen Rufmord vor

Brüssel (DT/KNA) Der Anwalt von Kardinal Godfried Danneels, Fernand Keuleneer, hat die Kritik an dem ehemaligen Brüsseler Erzbischof wegen dessen Verhalten gegenüber einem Missbrauchsopfer zurückgewiesen. Keuleneer warf in einem auf der Titelseite der Zeitung „De Standaard“ am Mittwoch veröffentlichten Beitrag dem Blatt Rufmord vor. Der Kardinal sei völlig unvorbereitet zu dem Gespräch gedrängt worden, an dem der später zurückgetretene Bischof Roger Vangheluwe, das Missbrauchsopfer und weitere Familienmitglieder teilnahmen. Vangheluwe hatte seinen Neffen zwischen 1976 und 1986 missbraucht. „De Standaard“ und andere Zeitungen hatten am Wochenende einen Tonbandmitschnitt des Gesprächs veröffentlicht. Vorgeworfen wurde Danneels, er habe versucht, die Affäre zu vertuschen, und dem Opfer vorgeschlagen, dem Bischof zu verzeihen oder bis zu dessen Pensionierung zu schweigen.

Keuleneer erinnert daran, dass Danneels zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht mehr Vorsitzender der belgischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Mechelen-Brüssel gewesen sei. Daneels habe deutlich gemacht, dass er nur als Vermittler und Berater auftreten könne. In dem Gespräch habe er Vangheluwe dazu bewegen können, erstmals seine Schuld einzugestehen. Neben anderen Möglichkeiten habe Danneels angeregt, Vangheluwes Rücktritt aus Altersgründen abzuwarten. Damit wären Fragen in der Presse zu den Rücktrittsgründen vermieden und die Anonymität des Opfers geschützt worden. Danneels Einlassungen zur Vergebung könnten zwar als hoffnungslos naiv und seelsorglich überholt betrachtet werden. Tatsache sei aber, dass ein Opfer, das vergeben könne, glücklicher sei als eines, dem dies nicht möglich sei. Keuleneer deutet an, dass es auch innerhalb der Familie des Opfers unterschiedliche Auffassungen über den Umgang mit der Affäre gab. Danneels habe zudem erwartet, dass es ein zweites Gespräch geben werde.

Die Chefredakteure der Zeitung, Bart Sturtewagen und Karel Verhoeven, weisen Keuleneers Vorwürfe zurück. Danneels habe es unterlassen, etwa den sofortigen Rücktritt Vangheluwes oder die Einschaltung der unabhängigen Missbrauchs-Untersuchungskommission anzusprechen. Auch habe er seinen Nachfolger, Erzbischof Leonard, nicht informiert. Der Zeitung gehe es nicht um eine Hexenjagd gegen Danneels.

Unterdessen haben Parlamentarier, darunter der flämische Sozialist Renaat Landuyt, die Einsetzung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission verlangt. Landuyt begründete seinen Vorstoß damit, die Kirche sei nicht mehr glaubwürdig. Daher dürfe ihr die Aufklärung der Vorwürfe nicht überlassen werden.

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