Würzburg

ExerCITIUM: Zwei Wege der Religion

Prozession durch blühende Wiesen
Foto: Imago images | Eine Prozession zum Segnen der Felder und Wiesen ist malerischer Ausdruck des Glaubens.

Sie waren Bruder und Schwester – und mehr: Clemens von Brentano (1778 bis 1842) und Bettina, später verheiratete von Arnim (1785 bis 1859). Zwei Wege der Religion im Deutschland der Klassik und der Romantik. Bettina schreibt einmal an Goethe aus dem frühsommerlichen Rheingau und schildert die Prozessionen, die den Weinbergen Segen erbitten: „Der Abendwind trägt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Lüften und bläht die weitfaltigen weißen Chorhemden der Geistlichkeit auf, die sich in der Dämmerung wie ein rätselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlängeln. Im Näherrücken entwickelt sich der Gesang; die Kinderstimmen klingen am vernehmlichsten; der Bass stößt nur ruckweise die Melodie in die rechten Fugen, damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzu hoch treibe, und dann pausiert er am Fuß des Bergs, wo die Weinlagen aufhören.“

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Das ist ungemein schön. Und doch nur ein malerischer Hintergrund für Bettinas eigene, emanzipierte, postchristliche Religiosität. Denn der Brief schließt mit dem völlig modernen Bekenntnis an Goethe: „Die Seele ist zum Gottesdienst geboren, dass ein Geist in dem andern entbrenne, sich in ihm fühle und verstehen lerne, das ist mir Gottesdienst – je inniger, je reiner und lebendiger.“ Gerade noch die Atmosphäre des Christlichen ist da, aber der eigentliche Gehalt liegt in der ganz individualisierten inneren Erfahrung.

In den Dienst einer höheren Inspiration gestellt

Und nun der Bruder: Erzromantiker, genuiner Dichter von einer Süße und Tiefe, für die man wenig Vergleichbares wüsste. 1819 beginnt er, sich ganz in den Dienst einer höheren Inspiration zu stellen. Er zeichnet die Visionen der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick auf, die 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde. Etwas, das er in der Dichtung gesucht hatte, findet er in den Bildern dieser Frau. Von Früchten, Bäumen und Gärten spricht sie viel. Christus ist ihr der wahre Weinstock.

Was Bettina aus der Ferne beobachtet, die heiligen Zeremonien am Weinberg, sind für die mystische Frau innere Gewissheiten: „Um diese Gärten sah ich Bilder der Bedeutung und der Wesenheit dessen, was mit diesen Pflanzen ausgesprochen war, ich sah den Sinn ihres Namens in der allgemeinen Sprache. Wunderbar sah ich den Einfluss der Heiligen auf die Pflanzen; es war, als hätten manche einen bestimmten Bezug auf einzelne Heilige, unter deren Fürbitte sie zu segensreichen Heilmitteln erhoben werden könnten.“

„Erschrecken Sie nicht, die schönen Gärten,
in welche ich Sie geführt, sind verwelkt.“

Sie wird über die geistliche Bedeutung der Früchte unterrichtet. Eines Tages sieht Brentano sie „still und ernst“: „Erschrecken Sie nicht, die schönen Gärten, in welche ich Sie geführt, sind verwelkt.“ Anfeindungen von draußen belasten sie. Ihr geistlicher Führer erscheint ihr, in der Hand eine sterbende Nachtigall. Sie, der man die Ruhe nicht gönnt, möge der Nachtigall das „Leben ihres Mundes“ zurückgeben. Er hält den Vogel an ihre Lippen, „da ward die Nachtigall gesund und lebendig und sang von ganzem Herzen“.

Brentano, der die Mitteilung aufzeichnet, gibt ihr eine Deutung: Das Klare, das Anna Katharina Emmerick gegeben war, musste in die Kehle des Vogels zurückkehren, „wo es nun wieder in begriffslosen Tönen als Geheimnis versiegelt ist, um in den Menschen eine allgemeine Rührung und Sehnsucht nach der Lösung aller Rätsel zu erwecken“.

Individuelle Religiosität, je nach Charakter

Zwei Wege der Religion in Deutschland. Lange hatte eine individualisierte Spiritualität nach dem Modell von Bettina dominiert. Es scheint aber manchem zu dämmern, dass in dem Maße, wie die Fracht schwerer ist, die man lädt, das Leben tiefer und reicher wird. So jedenfalls muss es Clemens empfunden haben.

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