Exercitium: Ein lebenswichtiger Unterschied

Abtreibungsbefürworter erkennt man ihrer Sprache. Das Wort „Leben“ wird im Zusammenhang mit der Tötung Ungeborener tunlichst vermieden. Doch falsches Reden kommt vom falschen Denken. Von Lorenz Jäger

Die Debatte über das Werbeverbot für Abtreiberärzte, also über den § 219a des Strafgesetzbuches, beschäftigt in diesen Wochen die Politik. SPD, Grüne, und Linke wollen den Paragraphen streichen, die FDP möchte „moderate“ Änderungen. Diese große Fortschritts-Koalition muss sich um das mediale Echo keine Sorgen machen. So zeigte die ARD am 15. November wieder einmal den schon etwas älteren Usedom-Krimi „Engelmacher“.

Von Lebensschützern ist in der Programmankündigung nur in Anführungszeichen die Rede, anderswo mit dem Beiwort „sogenannte“ (Deutschlandfunk), auch gern „selbsternannte“ (Neues Deutschland). Das ist überhaupt der Brauch in den Wahrheitsmedien, also bei der Süddeutschen, naturgemäß bei Spiegel und Stern, auch im Tagesspiegel, in der taz und der Frankfurter Rundschau.

Die ARD steht mit dem Usedom-Krimi nicht allein. Für das ZDF hat der „Stern“ bei der Produktion des Films „Aufbruch in die Freiheit“ kooperiert, der an die „Stern“-Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben“ vom 6. Juni 1971 erinnern soll. 374 Frauen bekannten damals öffentlich, dass sie illegal abgetrieben hatten. Gesendet wurde Ende Oktober, schau, schau, man war der ARD ein wenig voraus ... und gleich den Hamburger Produzentenpreis 2018 dafür eingeheimst ... niemand hat die Absicht, eine Propaganda-Kampagne ...

Überhaupt muss das Wort „Leben“ in diesem Zusammenhang ganz vermieden werden. Es führt zu verhängnisvollen Assoziationen. „Zellhaufen“ ist der Ausdruck, den das „Spiegel“-Jugendmagazin „Bento“ am 5. Dezember 2017 in einer Abtreibungs-Reportage bevorzugte. Man hörte auch das Wort „Zellengebilde“. Zum ersten Mal in der öffentlichen Diskussion 1975. Denn am 25. Februar 1975 war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ergangen, dem zufolge die – im Jahr zuvor vom Bundestag beschlossene – Fristenregelung des § 218 der verfassungsrechtlichen Verpflichtung, das werdende Leben zu schützen, nicht in dem gebotenen Umfang gerecht geworden sei. „Das sich im Mutterleib entwickelnde Leben steht als selbstständiges Rechtsgut unter dem Schutz der Verfassung“, urteilten die höchsten Richter. Und weiter: „Der Lebensschutz der Leibesfrucht genießt grundsätzlich für die gesamte Dauer der Schwangerschaft Vorrang vor dem Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren und darf nicht für eine bestimmte Frist in Frage gestellt werden.“ Da steht wahr und wahrhaftig „Lebensschutz“, wörtlich, wer hätte das gedacht! Und nicht „selbsternannt“, sondern vom Grundgesetz zwingend gefordert!

Der Protest gegen das Urteil kam prompt. In einem offenen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens schrieb eine prominente Feministin: „Ein daumengroßer Embryo, ununterscheidbar vom Körper der Frau, ein Zellengebilde, das weder leidens- noch schmerzfähig ist, hat von heute an durch höchsten richterlichen Spruch mehr Grundrechte als die Frau selber.“ Das Nervensystem dieses Gebildes sei „nach acht Wochen nicht höher entwickelt als das eines Insekts“. Der Duden erläutert das Wort „Gebilde“ mit den Synonymen Form, Gegenstand, Gestalt, Objekt, Produkt und Ding; zumeist sei ein Gebilde etwas, an dem Menschen geformt haben, „gebildet“. Und insofern handelt es sich in dem feministischen Brief um eine Fehlbeschreibung. Denn ein Gebilde, das sich beständig selbst umbildet – und das tut die Leibesfrucht in ganz besonderem Maße –, nennen wir eben darum nicht mehr „Gebilde“, es ist ein Wesen. Ein Gebilde ist ein für alle Mal dieser und kein anderer Gegenstand, er wurde geformt. Das Wesen dagegen formt sich selbst, und es formt sich andauernd um.

Deshalb sprechen wir von einem Lebensprozess, der nicht in einer Reihe künstlich herausisolierter stillgestellter Momente, punktförmiger Zeitbestimmungen zu fassen ist. „Zellengebilde“ ist (wie „Zellhaufen“) eine verzerrende Fehlinterpretation der Tatsachen des werdenden Lebens. Denn dabei wird die Wirklichkeit von der intellektualistischen Konstruktion eines Zustands aus gesehen, statisch. Aber im Leben, so hat es der Philosoph Henri Bergson vor mehr als hundert Jahren formuliert, ist „schon der Zustand selbst Veränderung“. Ein Gebilde wird weggeschafft, ein Wesen wird getötet.

Weitere Artikel
Suizid
Lebensrecht
Grundlegende Mängel Premium Inhalt
Die von Mitgliedern der Leopoldina vorgelegten Empfehlungen zur gesetzlichen Neuregelung des assistierten Suizids werden vulnerable Menschen genauso wenig schützen wie der § 218 StGB das ...
12.08.2021, 17  Uhr
Cornelia Kaminski
Themen & Autoren
ARD Bundesverfassungsgericht Deutscher Bundestag Deutschlandfunk FDP Henri Bergson Karl Carstens Rechtsgut Reden SPD Schwangerschaftsabbruch Synonymie Tötung Wesen ZDF

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann