Münster

Credo: Wozu Philosophie?

Für den Philosophen Josef Pieper war die Antwort auf diese Frage entscheidend, um der Welt denkerisch gerecht zu werden. Erster Teil der Einführung in sein Werk.

Josef Pieper
Josef Pieper hat die Frage nach Sinn und Berechtigung des Philosophierens in zwei Anläufen beantwortet. Foto: dpa

Wozu Philosophie? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wer sie stellt. Wissenschaft und Religion stehen öffentlich nicht in Frage. Ihre Legitimation ist der technische und spirituelle Nutzen. Das herrschende Bewusstsein sieht in der fortschreitenden Beherrschung einer sinnfreien Natur und der notwendigen Sinngebung des Sinnlosen einen Zweck an sich. Zur exklusiven Anerkennung von Wissenschaft und Religion gehört inzwischen auch, dass der Kult um die Gesundheit Vorrang vor dem Kult der Gottesverehrung hat. Anhänger solcher Wissenschaft und solcher Religion kommen darin überein, dass Philosophie entbehrlich ist. Was sagt die Philosophie von sich selbst? Josef Pieper hat die Frage nach Sinn und Berechtigung des Philosophierens in zwei Anläufen beantwortet. Das erste Mal, als sie vielen Zeitgenossen nach der Erfahrung des Krieges und der totalen Unterwerfung auf den Nägeln brannte, in „Was heißt Philosophieren?“ (1948). Schon die Fragestellung als solche war eine Absage an das etablierte Selbstverständnis der Philosophie, das im Anspruch bescheidener, doch im Aufwand beeindruckend daherkommt als gelehrte Forschung zu den maßgeblichen Philosophen und deren Werken.

Wahrheitsfrage mit Bezug auf die Wirklichkeit im Ganzen

Philosophie erschöpft sich aber weder im verstehenden Nachvollzug der eigenen Geschichte noch in der aktiven Beteiligung am sozialen Nutzen, etwa durch spezialistische Beratung in ethischen Fragen. Der wahrhaft Philosophierende will nicht etwas bewirken, sondern er will etwas wissen. Ihm geht es um Erkenntnis von Wirklichkeit und nicht um die Kenntnis von Meinungen über Wirklichkeit. Natürlich tut er gut daran, sich des Denkens anderer zu vergewissern. Aber er tut dies auf dem Boden der von ihm selbst gestellten Frage nach der Wahrheit der wirklichen Dinge. Historische Interpretation, das Hauptgeschäft akademischer Philosophie, ist noch nicht philosophierende Interpretation. Sich dafür zu interessieren, was andere denken, ist zu philosophisch unzureichend. Die Wahrheitsfrage mit Bezug auf die Wirklichkeit im Ganzen zu stellen und als sinnvoll zu erweisen, ist die Kernaufgabe der Philosophie und, soweit das um der Erkenntnis willen geschieht, ihr unverzichtbarer Beitrag zum Allgemeinwohl.

Ein zweites Mal, als viele von der Philosophie in diesem Sinn nichts mehr wissen wollten, nimmt Pieper die Herausforderung an in seiner „Verteidigungsrede für die Philosophie“ (1966). Was er zu verteidigen gedenkt, hat er so definiert: „Philosophieren heißt, die Gesamtheit dessen, was begegnet, auf ihre letztgründige Bedeutung hin bedenken; und dieses so verstandene Philosophieren ist ein sinnvolles, ja ein notwendiges Geschäft, von dem sich der geistig existierende Mensch gar nicht dispensieren kann.“ Die Frage nach dem Sein und die Frage nach dem Menschen gehören zusammen. Der Mensch lebt in der Welt und von der Welt, doch ohne darin aufzugehen. Dasein ist mehr als bloßes Vorhanden-sein in der Welt. In dem Maße, wie sich der Mensch dem Sein der Dinge in liebendem Betrachten öffnet, gewinnt er Anteil an einer Tiefendimension, die seiner eigenen Natur als Geistwesen korrespondiert.

Der Glaubende und der Philosophierende sind nicht wie Feuer und Wasser

In der Schönheit und staunenswerten Ordnung des Sichtbaren begegnet etwas Verwandtes und doch unendlich viel Größeres als er selbst. Diesem sichtbar-unsichtbaren Urgrund in allem, was existiert, ist der Philosophierende auf der Spur und darin als ein hoffend nach Antwort Fragender auf intensivste Weise Mensch, er selbst. So wird er frei und bereit zu empfangen, was er sich nicht selber geben kann: im Hören auf das überlieferte Wort, das ihm schon vor Zeiten von Gott her ergangen ist, zuletzt in der Menschwerdung seines Sohnes. Der Glaubende und der Philosophierende sind nicht wie Feuer und Wasser geschieden, sondern in der Hinwendung zu der in Wort und Wirklichkeit sich selbst bezeugenden Wahrheit geeint. Eine Philosophie, die sich auf wissenschaftskonforme Gewissheiten zurückzieht, ist in der Tat entbehrlich.


Der Autor ist Professor em. für Philosophie in Paderborn.
Mehr Infos zu Pieper unter www.josef-pieper-arbeitsstelle.de/

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