Würzburg

Credo: Wollten die Kreuzzügler die Muslime zwangsweise bekehren?

Die Kreuzzüge zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Wilhelm I. vor Damietta/Ägypten, während des V. Kreuzzugs.
Erst in der Spätphase des Osmanischen Reiches Ende des 19. Jh. wurde das antikatholische Klischee von den bösen Kreuzrittern auch in der islamischen Welt populär, weil es sich nun als Propagandawaffe gegen den Westen eignete. Mit der Entstehung der Muslimbruderschaft etwa zur sel... Foto: Ken Welsh via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Die Legende von den Kreuzzügen als Beweis für die gewalttätige Geschichte des Christentums ist tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein verwurzelt: Demnach hätten barbarische Kreuzfahrer tolerante Muslime grundlos und grausam überfallen und auch noch den Keim zu historischen Übeln gelegt, die uns bis heute plagen. Betrachten wir einige der besonders krassen Klischees, die zusammen dieses Narrativ bilden: Waren die Kreuzzüge der Versuch fanatischer Christen, mit einem „heiligen Krieg“ die Muslime zwangsweise zu bekehren?

Weder der Kreuzzugsaufruf von Papst Urban II. von 1095, noch ähnliche Aufrufe der folgenden Jahrhunderte zielten auf eine Zwangsbekehrung ab; eine solche war nach kirchlicher Lehre sogar ausdrücklich ausgeschlossen, was unter anderem in Decretum Gratiani von 1140, der maßgeblichen Sammlung kirchlicher Rechtsvorschriften, als seit alters geltende Lehre festgeschrieben wurde. Die Kreuzzüge waren vielmehr eine Reaktion auf wiederkehrende Massaker an christlichen Minderheiten und Pilgern und auf die Zerstörung heiliger Stätten. Hinzu kam der dringliche Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos. Der Kreuzzugsaufruf Urbans hatte also gewissermaßen eine „humanitäre Intervention“ im Sinne, auch wenn die Dinge dann einen anderen, unkontrollierten Verlauf nahmen.

Kreuzzugsaufruf war humanitäre Intervention

Waren die Kreuzfahrer besonders grausam und haben sie quasi Vernichtungskriege geführt? Als „Beweis“ für diese These gilt die Eroberung Jerusalems 1099. Damals sei dort ein Blutbad von zuvor unbekanntem Ausmaß verübt worden. Die Kriegführung des 11. Jh. folgte gewiss nicht den Regeln der Genfer Konvention. Ausbrüche von exzessiver Gewalt waren an der Tagesordnung, auf allen Seiten, ganz besonders nach der Eroberung von Festungen oder Städten. Dass es sich in Jerusalem 1099 aber nicht um ein aus Vernichtungswillen gespeistes und geplantes Massaker handelte, zeigt sich schon daran, dass die Anführer des Kreuzritterheeres am Tag nach der Eroberung die ganze Armee zu einer Bußprozession zwangen und hart gegen weitere Übergriffe vorgingen. Die Zahl der damals getöteten Einwohner Jerusalems ist kaum genau feststellbar; die gern kolportierten Opferzahlen, die in die Hunderttausende gehen, übertreffen die gesamte damalige Einwohnerzahl der Stadt erheblich und sind ins Reich der Legende zu verweisen. In der an Schrecknissen reichen Geschichte Jerusalems dürften – nach der Zerstörung der Stadt durch die Römer 70 n. Chr. – die blutigsten Eroberungen im 10. und 11. Jh. stattgefunden haben, noch vor den Kreuzfahrern, durch die Fatimiden beziehungsweise die Seldschuken.

"Erst in der Spätphase des Osmanischen Reiches wurde
das antikatholische Klischee von den bösen Kreuzrittern
in der islamischen Welt populär,
weil es sich nun als Propagandawaffe gegen den Westen eignete.
Mit der Entstehung der Muslimbruderschaft wurde es zusätzlich religiös aufgeladen."

Waren die Kreuzzüge Frühformen europäischen Kolonialismus und ist das Trauma der Kreuzzüge in der muslimischen Welt mit schuld am Entstehen des Nahostkonflikts? In der muslimischen Geschichtsschreibung spielten die Kreuzzüge bis zum Ende des 19 Jh. praktisch keine Rolle, sie waren weder Trauma noch wurden sie als Schande empfunden. Dazu gab es auch keinen Anlass. In den rund zweihundert Jahren ihres Bestehens waren die Kreuzfahrerstaaten keineswegs ein Fremdkörper im Nahen Osten; auch wurden sie nicht von Europa aus regiert, sondern legten größten Wert auf ihre Selbstständigkeit. Das gilt ganz besonders für das Königreich Jerusalem, das im Übrigen sehr lebhafte Beziehungen zu seinen muslimischen Nachbarn pflegte. Der Kanzler des Königreichs Jerusalem, Erzbischof Wilhelm von Tyrus (1130–86) war davon überzeugt, dass sich auch die Muslime im Vollbesitz der Menschenrechte befänden, eine Auffassung, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

Erst in der Spätphase des Osmanischen Reiches Ende des 19. Jh. wurde das antikatholische Klischee von den bösen Kreuzrittern auch in der islamischen Welt populär, weil es sich nun als Propagandawaffe gegen den Westen eignete. Mit der Entstehung der Muslimbruderschaft etwa zur selben Zeit wurde es zusätzlich religiös aufgeladen.

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