Würzburg

Credo: Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?

Goethes Frage im Faust hat viele Antworten gefunden. Die einzig wahre Antwort auf Gretchens Frage gibt indes Jesus selbst.

Faust und die Religion
„Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“, lautet die berühmte Frage Gretchens an ihren geliebten Faust. Dieser, die Brisanz der Situation ahnend, windet sich um eine deutliche Antwort herum. Foto: Gerd Herold (dpa)

„Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“, lautet die berühmte Frage Gretchens an ihren geliebten Faust. Dieser, die Brisanz der Situation ahnend, windet sich um eine deutliche Antwort herum: „Schau ich nicht Aug in Auge dir/Und drängt nicht alles/Nach Haupt und Herzen dir/Und webt in ewigem Geheimnis/Unsichtbar sichtbar neben dir?/Erfüll davon dein Herz, so groß es ist/Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist/Nenn es dann, wie du willst/Nenn‘s Glück! Herz! Liebe! Gott/Ich habe keinen Namen/Dafür! Gefühl ist alles/Name ist Schall und Rauch.“ Das gute Gretchen ist zwar angetan von den gelehrten Ausführungen ihres Gegenübers, gibt sich aber dennoch nicht damit zufrieden. Damit zeigt sie sich weiser als viele berühmte Theologen.

Zwei Verständnisse von Religion bei Faust

Goethe legt seinem Faust in diesen kurzen Zeilen gleich zwei Verständnisse von Religion in den Mund, die noch weit um sich greifen sollten. Da ist zum einen ist die Definition seines Zeitgenossen Friedrich Schleiermacher. Dieser definierte Religion als Gefühl, genauer: als Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit. Bereits sein Kollege Hegel spottete, dann sei eigentlich der Hund der beste Christ, denn er trage dieses Gefühl wie kein anderer in sich. Nun mag man über den Bewusstseinszustand von Hunden unterschiedlicher Meinung sein, aber Hegel trifft zweifellos einen wunden Punkt der genannten Definition. Denn diese ist so allgemein gehalten, dass sie auf nahezu jeden zutrifft. Selbst atheistische Philosophen wie Arthur Schopenhauer leugnen die conditio humana der Abhängigkeit nicht. In seinen eigenen Worten: „Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.“

Der zweite einflussreiche Definierer von Religion war der evangelische Theologe Paul Tillich (1886-1965). Für ihn ist Religion das, „was uns unbedingt angeht“. Wenn man begreifen wolle, was Gott sei, so müsse man nur auf das schauen, von dem man gepackt und ergriffen wird. Genau so versucht Faust Gretchen sein religiöses Empfinden zu erklären, als namenloses Ergriffensein von Glück, Liebe etc. Aber auch hier fragt man sich: Gibt es jemanden, auf den diese Definition nicht zutrifft? Gibt es jemanden, der sich nicht einmal durch irgendetwas ergriffen fühlte? Wieder könnte man mit Sartre auch einen Vertreter des atheistischen Existentialismus anführen, der zwar das Gefühl der Abhängigkeit durch das Gefühl der absoluten Verantwortung ersetzte, dann aber schreibt: „Und angesichts einer so umfassenden Verantwortlichkeit sollten wir nicht von Furcht ergriffen sein?“

Einzig wahre Definition im Munde Jesu

Die einzig wahre Definition von Religiosität findet sich im Munde Jesu. Im Garten Gethsemane, als seine Seele zu Tode betrübt war, spricht er: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Echte Religiosität meint die Bereitschaft, seinen eigenen Willen dem Willen Gottes zu unterwerfen. Und das schließt auch die Bereitschaft ein anzuerkennen, dass Gott manchmal andere Pläne und Vorstellungen hat als man selbst.  An dieser Frage scheiden sich im Übrigen auch zumeist die Geister in theologischen Debatten. Die Trennlinien verlaufen oft nicht zwischen ,konservativ‘ und ,progressiv‘ oder katholisch und evangelisch. Gerade bei den aktuell ständig wiederkehrenden Streitthemen wie Frauenordination oder Homo-„Ehe“ geht es meist ganz einfach um folgendes: Akzeptiere ich nur mein eigenes Gefühl als gültige Autorität, oder akzeptiere ich die Offenbarung Gottes in Schrift und Tradition, auch wenn diese meinem Gefühl widerspricht. Daran hängt die Antwort, die man Gretchen geben kann.

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