Paderborn

Credo: Menschliches Richtigsein

Tugenden sind sowohl für das öffentliche als auch das private Lebensglück unverzichtbar. Josef Pieper erklärt den ursprünglichen Sinn der Tugendlehre.

Statue der Justitia
Mit dem Wort „Tugend“ ist eine Qualität des Menschseins gemeint, welche das ganze Leben, Denken, Empfinden und Handeln umfasst und „richtig“ macht, – eine spontane Bereitschaft, das Gute zu tun und sich davon durch äußere und innere Widerstände nicht abbringen zu lassen. Foto: dpa

Was ist ein gutes Leben? Darauf gibt es viele Antworten. Eine lautet: Leben im Einklang mit sich selbst, mit anderen, mit Gott. Das gelingt nicht von selbst. Halt und Orientierung auch in schwierigen Momenten des Lebens finden wir in den Tugenden des menschlichen Herzens.

Tugenden für privates Lebensglück unverzichtbar

Mit dem Wort „Tugend“ ist eine Qualität des Menschseins gemeint, welche das ganze Leben, Denken, Empfinden und Handeln umfasst und „richtig“ macht, – eine spontane Bereitschaft, das Gute zu tun und sich davon durch äußere und innere Widerstände nicht abbringen zu lassen. Dass menschliche Tugenden für das öffentliche Leben und das private Lebensglück unverzichtbar sind, ist heute offensichtlich und inzwischen auch in der akademischen Philosophie (wieder) anerkannt. Man hätte das früher wissen können, seit Josef Pieper wie niemand sonst in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts den ursprünglichen Sinn der Tugendlehre wieder ans Licht gebracht hat. Die bis dahin vorherrschende Reduktion ethischer Fragen auf normative Fragen des Erlaubten und Verbotenen hat sich als wenig hilfreich und zu eng erwiesen.

Um moralische Konflikte zu verstehen und zu überwinden, lässt sich nicht absehen von den Einstellungen der handelnden Person. Lebenserfahrungen, charakterliche Dispositionen und damit verbundene Erwartungen bestimmen zu einem erheblichen Teil unser Denken und Handeln. Mag sein, dass wir wissen und von anderen gesagt bekommen, was wir sollen. Aber es fehlt das Motiv, es selber zu wollen. Um das Sollen plausibel zu machen, ist beim Wollen anzusetzen, also bei dem, worum es dem Handelnden im Grunde selber geht. Die Tugenden des menschlichen Herzens sind darum keine Einschränkung des Lebensdranges durch eine von außen auferlegte fremde Norm, sondern eine Befreiung zu dem, woran uns selber gelegen ist.

Der Kern der Tugendethik

Der ursprünglich gemeinte und in Piepers Rückgriff auf Thomas von Aquin noch einmal neu formulierte Kern der Tugendethik lässt sich in drei Sätzen umreißen: Das Erste ist das, was der Mensch von Natur (oder „von Schöpfungs wegen“) bereits ist und will, noch bevor er sich entscheidet. „Erst auf Grund der Hinnahme und Anerkennung dieses undurchschaubar und unabänderlich Vorausgegebenen wird sittliches Tun, so wie die abendländische Tugendlehre es versteht, sinnvoll möglich.“ Zweitens: „Die Tugend setzt uns in den Stand, unserer natürlichen Neigung zu folgen.“ Sie ist der in die Macht des Handelnden gestellte Nachvollzug des schon „von Natur“ in Gang befindlichen Werdedrangs auf das Äußerste hin, was ein Mensch sein kann. Und drittens schließlich: Dieser Nachvollzug befähigt uns, „offen zu sein für die Wahrheit der wirklichen Dinge und aus der ergriffenen Wahrheit zu leben“. Daher der Vorrang der Klugheit vor den sittlichen Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß.

Das „Äußerste“ und die vollkommenste Gestalt menschlichen Lebens ist dort erreicht, wo das sittliche Wollen, durch Glaube und Hoffnung genährt, die innere Form der Gottesliebe besitzt und so auch die Hinwendung zum anderen in der Gutheißung seiner Existenz durchformt.  Der Liebe gebührt darum der Vorrang vor allen Tugenden. Glaube, Hoffnung und Liebe sind von Gott gewirkte Tugenden, die ohne seine Hilfe nicht in der Macht des Menschen stehen, und das ebenso wenig, wie die Überwindung einer tief verwurzelten Anfälligkeit für das Böse.

Leben aus Umkehr zu Gott

In der christlichen Tugendlehre ist darum das Paradox stets mitzudenken, dass wir aus eigenem Willen schuldhaft verfehlen können, was wir auch weiterhin naturhaft wollen: Freundschaft mit uns selbst, mit anderen, mit Gott. Dabei ist „diese Rede von der Natur des Menschen nur etwas Vorläufiges und sozusagen Provisorisches“.

Tugend als naturgemäßes Richtigsein des Menschen „im vollen Sinn“ bedeutet: „Verwirklichung des in der Kreatur eingekörperten göttlichen Entwurfs“, – die eigene Realisierung dessen, was mit jedem von uns „kraft der Erschaffung gemeint ist“. Tugend ist so an ihrer tiefsten Wurzel ein Leben aus Umkehr zu Gott und darin Umkehr zu uns selbst.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.