Würzburg

Credo: Hat die Kirche Mitschuld an der Sklaverei?

Ein Rückblick in die Geschichte zeigt, dass es gerade die katholische Kirche war, die von Anfang an gegen die Sklaverei angekämpft hat.

"Vom Winde verweht"
Als erste Afroamerikanerin hat Hattie McDaniel (rechts) für ihre Nebenrolle in "Vom Winde verweht" einen Oscar erhalten. Nun hat die US-Streamingplattform HBO Max den Filmklassiker im Zuge der aktuellen Rassismusproteste aus dem Programm genommen. Foto: akg-images

Hat die Kirche Sklavenhaltung geduldet? Womöglich gar gefördert? Ist die Kirche mit schuld an der Sklaverei? Jene Sympathisanten der „BLM“-Bewegung, die in den USA Statuen von Missionaren umstürzten und Anschläge auf Kirchen verübten, würden das sicher ohne Weiteres bejahen. Auch populärwissenschaftliche Film- und Buch-Autoren, die sich gern mit reißerischen Thesen über die Geschichte Lateinamerikas und der Sklaverei verbreiten, stellen es so dar – damit alte anti-kirchliche Klischees wie selbstverständlich übernehmend. Wahr ist daran allerdings nichts. Schon die ersten Christen unterminierten mit ihrer Haltung, dass alle Menschen, ob Freie oder Sklaven, ob Juden oder Heiden gleichermaßen geliebte Kinder Gottes seien, die Grundlagen der antiken Sklavenhaltergesellschaft. So tiefsinnig und weise die griechische Philosophie auch war, so konsequent und abgewogen die römische Rechtslehre – weder im antiken Griechenland noch im klassischen Rom war Platz für so „subversive“ Gedanken, und damit war man nicht nur in der Antike „auf der sicheren Seite“. Denn in einem stimmten letztlich alle Kulturen der Welt überein, von Nordeuropa bis zum indischen Subkontinent, von der islamischen Welt bis zum präkolumbischen Amerika und von China bis ins Subsahara-Afrika (auch das vor-koloniale): dass Sklavenhaltung selbstverständlich sei. Einzige relevante Ausnahme: das Christentum, anknüpfend an seine jüdisch-alttestamentliche Grundlage.

Verurteilt vom Aquinaten

Besonders markant und schlüssig ist die theologisch fundierte Verurteilung der Sklaverei bei Thomas von Aquin – und das, obwohl es im hochmittelalterlichen Europa keinen Sklavenhandel mehr gab. Seine Schriften waren in dieser Hinsicht wahrhaft prophetisch, so als habe er kommen sehen, welches barbarische Ausmaß die Wiederkehr der Sklaverei annehmen würde. Und sobald sich dieser grauenhafte Menschenhandel wieder zeigte, wurde er von der Kirche verurteilt und unter Androhung der Exkommunikation von den Päpsten bekämpft. Schon 1435 setzte Papst Eugen IV. ein Zeichen mit seiner Enzyklika „Sicut dudum“, in der er die Versklavung der „schwarzen Ureinwohner“ der Kanaren anprangerte. Ihm folgten in langer Reihe seine Nachfolger, von Pius II. im 15. bis zu Leo XIII. im 19. Jahrhundert.

Aufklärer fallen unangenehm auf

Nun mag man fragen: Wie kommt es dann, dass auch unter angeblich „katholischen“ Herrschern in Lateinamerika der Sklavenhandel ebenso blühte wie im Nahen Osten und Nordafrika? Die Antwort liegt auf der Hand: Weder Herrscher noch Untertanen scherten sich um die Verbote der Kirche – wie ab und zu auch ein ungetreuer Geistlicher. Der Papst war fern, und man tat das, was alle taten. Keine unserer Zeit so fremde Haltung – wenn man etwa bedenkt, welche tatsächliche Beachtung heutzutage die kirchliche Verurteilung der Abtreibung findet.

Ein Rückblick in die Geschichte zeigt, dass es gerade die katholische Kirche war, die von Anfang an gegen die Sklaverei angekämpft hat, mit den Worten des Evangeliums gegenüber den Katholiken und mit naturrechtlichen Argumenten für alle Anderen. Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts und ihre Nachfolger fallen demgegenüber eher unangenehm auf. Was zum Beispiel Montesquieu oder Voltaire über „die Schwarzen“ zu sagen hatten, klingt in unseren Ohren erschreckend und abstoßend. Soviel nur am Rande zu dem Klischee, das Menschenrecht sei generell von den Aufklärern gegen die Kirche erkämpft worden.

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