Paderborn

Credo: Fähig sein zur Muße

Josef Pieper diagnostiziert eine „Überbewertung der Arbeit“ und erklärt, warum Muße für den Einzelnen wie für die Gesellschaft unabdingbar für ein gutes Leben ist.    

Arbeit
Josef Piepers Schrift "Muße und Kult"(1948) richtet sich gegen den "Anspruch der totalen Arbeitswelt". Im Bild. Ein Elektriker bei der Arbeit. Foto: Julian Stratenschulte (dpa)

Was hindert daran, freie Zeit als erfüllte Zeitzu erleben, und weshalb ist Muße so wichtig für eine sinnerfüllte Existenz? Josef Pieper hat dazu unter dem Titel „Arbeit – Freizeit – Muße“ (1989) Erhellendes und Wegweisendes gesagt, das es wert ist, in Erinnerung gehalten zu werden. Seine Diagnose lautet, dass die lebenswichtige Balance zwischen Arbeit und anderen Tätigkeitsweisen gestört ist durch eine „Überwertung der Arbeit“. Weithin unverstanden ist heute, dass es zwei Arten sinnvoller Tätigkeit gibt: nutzbringendes Tun als Mittel zu einem außerhalb gelegenen Zweck, und ein Tun, das keiner weiteren Rechtfertigung bedarf, weil es in sich selbst bereits sinnvoll ist. 

Zwänge des Arbeitens

Soziologische Untersuchungen zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit bestätigen, dass viele Menschen Mühe haben, sich den inneren und äußeren Zwängen des Arbeitens zu entziehen. Jeder möchte zwar gerne hin und wieder „abschalten“ können. Doch es bleibt das unbestimmte Gefühl, dass die scheinbar endlose „To-do-Liste“ niemals abzuarbeiten sein wird. Selbst die arbeitsfreie Zeit wird dann nach dem Muster des Arbeitsprozesses durchorganisiert unter dem Diktat der Effizienz. Freizeit ohne Muße gerät so endgültig zur „inneren Fesselung an den Arbeitsprozess“. Um jedoch wieder mußefähig zu werden, muss einer zuerst einmal loslassen können vom Diktat der Aktivität. Erst dann, in einem „Zustand der schweigenden Geöffnetheit“, wird die Seele ansprechbar sein für die Urspungsdimension der Welt. Solche Offenheit für das Sein ist gemeint in der philosophischen These vom Vorrang und Glück des Schauens. Christliche Theologen haben diesen Primat keineswegs zurückgenommen, sondern noch vertieft. Wenn alle Wirklichkeit von Gott geschaffen ist und geliebt, dann besteht zwischen „Glück und Kontemplation“ (1957) ein notwendiger Zusammenhang, eben weil das im liebenden Erkennen Gegenwärtige selber liebenswert ist und glücklich macht. Auch die erfüllte Begegnung mit Gott jenseits des Todes wird nur zu denken sein als beseligende Schau, worin endliche Liebe sich der unendlichen Liebe öffnet. Mußefähigkeit ist aber nicht bloß individuell, sondern auch kulturell bedeutsam. Die Identität abendländisch-christlicher Kultur beruht auf dem Vorrang der Muße vor der Arbeit. Pieper zeigt dies mit letzter Konsequenz bereits in seiner international meistgelesenen Schrift „Muße und Kult“ (1948).

Anspruch der totalen Arbeitswelt

Sie richtet sich gegen den „Anspruch der totalen Arbeitswelt“, deren innere Verschlossenheit für alles Nicht-Welthafte er vorgebildet sieht bei den Vätern der neuzeitlichen Philosophie, insbesondere bei Kant. Wenn es nur diskursive Erkenntnis als „geistige Arbeit“ geben soll, bleibt kein Raum mehr für das „Übermenschliche der Kontemplation“, auch nicht für Religion, musische Kunst und Philosophie. Muße haben bedeutet aber gerade, dass inmitten aller notwendigen Aktivität ein innerer Freiraum existiert für die „Entrückung aus dem ,eigentlich Menschlichen‘“. Äußere Platzhalter dieses Freiraums sind die wiederkehrenden Festtage, vor allem die (noch) arbeitsfreien Sonntage. Auf Freizeitaktivitäten reduziert, sind diese längst zu Indikatoren wachsender Unfähigkeit zur Muße geworden. In einer geschlossenen Welt, die sich technisch und kulturell allein menschlicher Aktivität verdankt, ist prinzipiell nicht zu klären, woher die Muße „ihre letzte innere Ermöglichung und zugleich ihre tiefste Legitimierung“ beziehen soll. Eine Herleitung aus dem sozialen Nutzen, wie dies höchstrichterlich zum Schutz des Sonntags versucht wurde, greift da zu kurz. Was Alltag und Feiertag im Letzten unterscheidet, ist der Bezug auf den außermenschlichen Sinngrund der Welt, in dessen festlicher Bejahung auch der Sinngrund der Muße besteht. Muße als „feiernde Haltung“ lebt aus der „Zustimmung zu Welt“ (1963). Ihre tiefste Wurzel ist Gottes unbedingtes Ja zum Menschen, das in der kultischen Feier in heiligen Zeichen und heiligen Handlungen für uns gegenwärtig wird. Ohne dem, „abgetrennt vom Kult, wird Muße müßig und Arbeit unmenschlich.“ 

 


Die Reihe zu Josef Pieper wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt. 

 

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