Würzburg

Credo: Entwicklung ist nicht Veränderung

Die Kirche dringt immer tiefer in die Wahrheit ein. Deshalb kennt sie Entwicklung, aber keine Veränderung. Über zwei entgegengesetzte Denkfehler.

Maria 2.0: Bereits im Namen verraten sie ihre Methode.
"Die Zeiten ändern sich, also muss sich auch die Kirche ändern", lautet das Motto von Bewegungen wie Maria 2.0. Bereits im Namen verraten sie ihre Methode. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Wir alle haben in der Schule den Unterschied zwischen den Vorsilben ,end-‘ und ,ent-‘ gelernt, wobei uns beigebracht wurde, dass Wörter, die etwas mit ,Ende‘ zu tun haben (endlos, Endergebnis et cetera) mit ,end-‘ geschrieben werden, die anderen nicht. Allerdings haben auch viele der mit ,ent-‘ beginnenden Wörter etwas mit dem Vergehen eines früheren Zustands zu tun, was daran liegt, dass sich diese Vorsilbe von dem griechischen ,ant-‘ (gegen, entgegen) ableitet – und nicht etwa von der Ente, wie manche Spaßvögel meinen. Wenn etwas entdeckt wird, ist es nicht länger verdeckt, wenn ich enttäuscht bin, habe ich mich zuvor getäuscht, wenn ein Gebiet entmilitarisiert wird, ist das Militär abgezogen. Dasselbe gilt für das Wort Entwicklung. Wenn sich etwas entwickelt, so war es zuvor eingewickelt oder verwickelt. Mit der Zeit aber vergeht dieser Zustand, und das wahre Wesen einer Sache kommt in immer größerer Fülle zum Vorschein. So verhält es sich auch mit der Entwicklung der Kirche.

Die Trinitätslehre ist im Neuen Testament enthalten

Diese Erkenntnis ist ein wertvoller Schild gegen gleich zwei, ironischerweise entgegengesetzte, Denkfehler. Da wäre zum einen die These, dass nur solche Lehren Anspruch auf Wahrhaftigkeit haben, die bereits von den ersten Christen vertreten wurden. Befürworter dieser These lehnen beispielsweise die Trinitätslehre ab, da sie nicht im Neuen Testament enthalten sei. Nun ist es zunächst einmal richtig, dass sich die Ausformulierung der Trinitätslehre, wie sie auf den ökumenischen Konzilen beschlossen wurde, im Neuen Testament nicht findet. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht darin enthalten ist.

Im Neuen Testament finden sich überhaupt keine theologischen Lehrsysteme, auch nach einer Erlösungslehre, einer Rechtfertigungslehre oder ähnlichem wird man dort vergeblich suchen. Auch wenn sich dort bereits Ansätze theologischer Reflexion zeigen, so ist das Neue Testament doch in erster Linie Zeugnis, Zeugnis der Offenbarung. Die Lehre der Trinität stellt somit tatsächlich eine spätere Entwicklung dar, aber sie ist die gesunde und folgerichtige Entwicklung der neutestamentlichen Zeugnisse. Was dort über den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist unter dem Eindruck unmittelbarer Offenbarung gesagt ist, lässt sich nur so verstehen, wie es die Väter formuliert haben. Für diese Entwicklung dürfen wir dankbar sein. Niemand sollte die Kirche daran hindern wollen, weiser zu werden.

Ganz bewusst Brüche angestrebt

Während die einen also die natürliche Entwicklung der kirchlichen Lehre verkennen und daher Widersprüche zwischen ihr und dem biblischen Zeugnis zu entdecken meinen, streben andere ganz bewusst diese Brüche an. „Die Zeiten ändern sich, also muss sich auch die Kirche ändern“, lautet das Motto von Bewegungen wie Maria 2.0. Bereits im Namen verraten sie ihre Methode. Sie wollen keine Entwicklung, sondern eine neue Version, eine menschengemachte Veränderung. Maria kann sich nicht zu einer 2.0-Version ihrer selbst entwickeln, dieser Schritt kann nur durch äußere Gewalt erfolgen. Eben diese gilt es zu verhindern.

„Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.“ (Markus 4,28) Nicht ohne Grund vergleicht unser Herr das Gottesreich immer wieder mit einem Samen, der in die Erde gepflanzt ist. Nichts kann sich aus ihm entwickeln, was nicht bereits in ihm angelegt wäre. Wir dürfen und sollen diese Saat in ihrer Entwicklung pflegen und begleiten. Aber der Griff zur Sichel steht uns nicht zu.

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