Würzburg

Credo: Die Jesus-Projektion

Moralischer Lehrer, Inkarnation eines besseren Gottes, ein vorbildhafter Mensch: Glauben wir an den Jesus der Evangelien oder an ein persönliches Zerrbild?

Welches Jesusbild haben wir?
Man muss den kanonischen Darstellungen Jesu Glauben schenken oder man lässt es bleiben. Einen dritten Weg gibt es nicht. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa)

Seit es kanonische Darstellungen des Lebens und Wirkens Jesu gibt, haben sich Menschen daran gemacht, diese zu sezieren und so ihren eigenen persönlichen Jesus zu erschaffen. Der erste in dieser Reihe war der frühchristliche Häretiker Marcion (ca. 100–160). Er war davon überzeugt, dass sich in Christus nicht der Gott, von dem das Alte Testament spricht, offenbart habe, sondern ein neuer, besserer Gott. Daher strich er aus dem Evangelium sämtliche Stellen heraus, in denen ein positiver Bezug zwischen Jesus und dem Alten Testament hergestellt wird, da er davon überzeugt war, dass diese Stellen nachträglich in den Text eingefügt worden waren. Bis heute wird Marcion gerne von Theologen herangezogen, die das Christentum von seinen alttestamentlichen Wurzeln lösen möchten.

Das persönliche Evangelium des Thomas Jefferson

Zur Zeit der Aufklärung wurde, sofern man das Christentum nicht vollständig bekämpfte, versucht, Jesus von allen göttlichen Bezügen zu „befreien“, ihn aber als moralisches Vorbild zu erhalten. Thomas Jefferson (1743–1826), Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritter Präsident der Vereinigten Staaten, komponierte ebenfalls sein persönliches Evangelium, indem er aus den kanonischen Evangelien sämtliche Stellen herausstrich, die Jesus mit irgendeiner Form von „religiösem Aberglauben“ in Verbindung bringen, wozu Jefferson beispielsweise die Auferstehung zählte, sämtliche Wundergeschichten oder auch jedes Zeugnis, das in Jesus den Sohn Gottes erblickte.

Diese sogenannte Jefferson-Bibel erschien jüngst in neuer deutscher Übersetzung und erfreut sich durchaus einer gewissen Beliebtheit bei „kritischen Geistern“. Ganz so kritisch, wie sie sich fühlen, denken diese Leute freilich nicht, denn sonst wäre ihnen ein entscheidender Denkfehler aufgefallen. Wenn Jesus nicht der Messias, nicht der Sohn des lebendigen Gottes war, dann war er entweder ein Betrüger, der sich als Sohn Gottes ausgab, oder er war ein Verrückter, der sich für den Sohn Gottes hielt. In beiden Fällen würde er aber wohl kaum als moralisches Vorbild taugen.

Den Jesus hinter den Evangelien

Als vierte Möglichkeit bliebe natürlich noch die Hypothese, dass die Göttlichkeit Jesu einen späteren redaktionellen Zusatz bildet, ähnlich wie Marcion es mit den alttestamentlichen Bezügen angenommen hatte. Diese Möglichkeit wurde insbesondere innerhalb der sogenannten Leben-Jesu-Forschung populär, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam und bis heute weiterlebt. In dieser Schule sucht man den Jesus hinter den Evangelien, also den „echten“, den „historischen“ Jesus.

In diesem Sinne präsentiert etwa der evangelische Theologe Klaus Peter Hörns in seinem gleichnamigen Buch „notwendige Abschiede“ von traditionellen Glaubensaussagen, unter anderem vom Sühneopfer Christi: „Hätte Jesus den Lösegeld-Satz (Markus 10, 45) gesagt, hätte er hier noch das alte Gottesbild transportiert. Aber das passt nicht zu seiner vertrauensvollen Anrede ,Abba‘ im Vaterunser.“ Bei dieser Argumentation beißt sich die Katze in den Schwanz. Mal ganz davon abgesehen, ob hier tatsächlich ein Widerspruch vorliegt: Woher weiß Herr Jörns, dass das Vaterunser authentisch ist? Könnte nicht dieser Text spätere Einfügung sein und stattdessen die Rede vom Lösegeld ein Originalzitat?

„Wenn du in den Evangelien nur das glaubst, was du magst, und das ablehnst, was du nicht magst, dann glaubst du nicht ans Evangelium, sondern an dich selbst“, wusste schon der Heilige Augustinus. Man muss den kanonischen Darstellungen Glauben schenken oder man lässt es bleiben. Einen dritten Weg gibt es nicht.

Die Reihe zu theologischen Denkfehlern wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

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