Paderborn

Credo: Alles Glück ist Liebesglück

Reine Liebe oder reine Lust? Bedürftigkeit oder Selbstlosigkeit? Josef Pieper beschreibt das Wesen der Liebe und rückt ihre Aspekte ins richtige Verhältnis.

Pärchen im Regen
Der Sinn der Liebesbegegnung im Ganzen: das Hinaustreten aus der eigenen Begrenzung und Ichhaftigkeit durch das Einswerden mit einer anderen Person. Foto: Sina Schuldt (dpa)

Ist Liebe selbstlos und Sexualität ein Gut an sich? Der moderne Blick auf das Phänomen Liebe ist durch die Fragmentierung zusammengehöriger Sinngehalte und den Gegensatz von bedürfender Liebe und selbstloser Liebe bestimmt. Auf die seit langem als besonders christlich geltende Theorie der reinen Liebe folgt heute die wiederum von christlichen Theologen erwogene Theorie der reinen Lust. Josef Piepers Buch „Über die Liebe“ (1972) liest sich wie ein moderner Gegenentwurf, der Zusammengehöriges anthropologisch begründet und Engführungen vermeidet. Wer die Abwertung der bedürfenden Liebe zu bloßer Selbstliebe vertritt, muss sich fragen lassen, „ob nicht vielleicht jene generelle Diskreditierung des Geliebt-werden-wollens eine der hundert Masken des menschlichen Gottähnlichkeitsanspruchs sein könnte“. Müsste man nicht Gott sein, „um fähig zu sein, nur zu lieben, ohne aufs Geliebt-werden angewiesen zu sein?“ Anthropologisch wie schöpfungstheologisch schlüssig ist dagegen die These, dass die bedürfende Liebe die „Grundgestalt aller Liebe“ ist.

Gutheißung und Bejahung des Geliebten

Das naturhafte Verlangen nach dem Geliebten, „das gar nicht außer Kraft zu setzen ist, durchwirkt natürlicherweise sämtliche Regungen und auch alle bewussten Entscheidungen, vor allem aber unsere liebende Zuwendung zur Welt und zu anderen Menschen“. Die Erfüllung dieses Verlangens geschieht in der Gutheißung und Bejahung des Geliebten, die in der Tat selbstlos und ohne Berechnung sein muss. „Gut, dass es dich gibt“, ist keine bloße Feststellung, sondern ein Akt des Willens, der darauf gerichtet ist, dass der geliebte Mensch existiert und lebt. Ihrer tiefsten Intention nach meint Liebe die „Zuerteilung des Lebensrechts, Daseinsermächtigung und sogar Negation des Todesschicksals“. Eine solche absolute Daseinsermächtigung übersteigt zwar das Vermögen der Liebenden. Sie ist darum aber keine bloße Utopie, ist sie doch als Ermächtigung unserer Liebe grundgelegt im Erschaffensein durch Gott.

Seine existenzsetzende Liebe ist „die äußerste Gestalt der Bejahung, die überhaupt gedacht werden kann“. Weil Seinsmitteilung solchermaßen zum Wesen der Liebe gehört, darum ist das „Paradigma von Lieben überhaupt“ die erotische Liebe von Mann und Frau. In ihrer Liebe, die Erfüllung und Leben schenkt, verbinden sich sexuelle Anziehung und „Öffnung des Daseinsraums“. Erfüllte menschliche Sexualität ist so nicht ablösbar von der Leiblichkeit des Menschen als Mann und Frau. Vorstellungen von einer selbstdefinierten Sexualität und geschlechtsneutralen Personalität gehören zu den Spätfolgen einer dualistischen Anthropologie, die zugleich Ausdruck spiritualistischer Selbstüberhöhung und materialistischer Selbsterniedrigung ist. Wird die Fiktion einer Sexualität „als solcher“ propagiert, tendiert eine „in solchem Sinn ,absolute‘ Sexualität dahin, die Liebe, auch die erotische, gerade zu blockieren und die Menschen als personale Wesen einander zu entfremden“. Von hier aus ist leicht zu sehen, worin das eigentlich Schlimme und Hoffnungslose der sogenannten „freien Liebe“ und des bloßen Sex-Konsums besteht.

Wiederherstellung der Freiheit ist nicht ohne Keuschheit möglich

Es wird „genau das vereitelt, was den Sinn der Liebesbegegnung im Ganzen des Daseins gerade ausmacht: das Hinaustreten aus der eigenen Begrenzung und Ichhaftigkeit durch das Einswerden mit einer anderen Person.“ Wenn die Praxis reiner Sexualität ein Zeichen unfreier Selbstfixierung ist, dann werden Erhalt und Wiederherstellung der Freiheit nicht ohne Keuschheit möglich sein. Deren Sinn ist nicht, „die Sexualität zu unterdrücken“, wohl aber „sie zu ordnen“, um so die Existenzmitte der Person, ihre Fähigkeit zu lieben, zu bewahren und zu stärken. Und wie die Ehe, so ist auch die „gottgeweihte Ehelosigkeit“ angelegt „auf eine unendliche Stillung, die ,hier‘ gar nicht zu haben ist“. Beide Lebensformen sind „auf das gleiche Geheimnis bezogen, von dem her auch die Würde der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Frau ihre letzte Begründung erfährt“. Und schon jetzt wie in alle Zukunft gilt: „Alles Glück ist Liebesglück“. (1992).

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .