Würzburg

Exercitium: Vom Strukturproblem der ewig Linken

Eine übersehene Spur der Wahrheit: Der linke Philosoph Walter Benjamin schrieb selbsternannt-prophetisch von „Gottes Zorn im Sturm der Vergebung“.

Aristoteles
Statue von Aristoteles, einem großen griechischen Philosophen. Foto: Lefteris Damianidis (50029495)

Die Linke, und vor allem die linke Intelligenz, hat manchmal in der Sache recht, aber niemals in den Gründen. Deshalb wird sie auf lange Sicht unterliegen. Denn immer ist selbst ihren besten Ideen etwas beigemischt, womit sie sich selbst ein Bein stellt. Es ist eine Art Umerziehungs-Sehnsucht; auch ein Strafbedürfnis gegen die Mehrheitsbevölkerung des eigenen Landes, und wenn die Leute dieses Gewürz herausschmecken, wird ihnen das ganze schön aufgetischte Gericht vergällt.

Der Philosoph Walter Benjamin, bestimmt einer der feinsten Köpfe, die die Linke je hatte, schrieb im August des Krisenjahres 1930 über Max Kommerells Buch „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“, das schon 1928 erschienen war, in der „Literarischen Welt“ mit großer Bewunderung.

Aber er sah in dem von Stefan George inspirierten Werk des jungen Gelehrten eine „Heilsgeschichte der Deutschen“. Und nun kommt sein fundamentaler Einwand: „Nicht eher als gereinigt kann diese Erde wieder Deutschland werden und nicht im Namen Deutschlands gereinigt werden.“ Gemeint ist eine rituelle Reinheit und, ohne dass es eigens ausgesprochen wird: das Land, die Erde selbst ist moralisch befleckt, geschändet. Inwiefern? Das bleibt offen.

Skizze über Sturm der Vergebung

Zwei Jahre später, im Sommer 1932, formulierte Benjamin es deutlicher in der autobiographischen „Berliner Chronik“, als er sich an die Zeit unmittelbar nach dem Selbstmord seines Freundes Heinle im Sommer 1914 erinnert: „Das waren Tage, welche mich für die Einsicht reif machten, der ich später begegnete und die mir die Überzeugung gaben, dass auch die Stadt Berlin nicht um die Narben eines Kampfes um die bessere Ordnung herumkommen wird.“

Mit der „Reinigung“ und den „Narben“ werden Strafgerichte angedroht. Gut zehn Jahre zuvor, um 1920, hatte Benjamin diesen Gedanken noch ganz theologisch gefasst, in einer historisch-theologischen Skizze mit dem Titel „Die Bedeutung der Zeit in der moralischen Welt“, in der er vom „Sturm der Vergebung“ spricht: „Dieser Sturm ist nicht nur die Stimme, in der der Angstschrei des Verbrechers untergeht, er ist auch die Hand, welche die Spuren seiner Untat vertilgt, und wenn sie die Erde darum verwüsten müsste. Wie der reinigende Orkan vor dem Gewitter dahinzieht, so braust Gottes Zorn im Sturm der Vergebung durch die Geschichte, um alles dahinzufegen, was in den Blitzen des göttlichen Wetters auf immer verzehrt werden müsste.“

Wieder die Erde! In Sätzen, die er niederschrieb, als ihm im deutschen und internationalen Revolutionsgeschehen eine Spur Gottes aufgehen wollte. Das Verwüsten der Erde, das Benjamin ausdrücklich nennt – und wem würde es beim Lesen dieser Stelle nicht unheimlich zumute –, ist die prophetische Drohung schlechthin: „Euer Land ist verwüstet,/ eure Städte sind in Flammen aufgegangen“, lautet das Strafgericht über Juda nach Jesaja 1, 7.

Überlegungen des Philosophen überhört

Was Benjamin das „göttliche Wetter“ nennt, ist in Jesaja 9, 18 die „Zornesglut des Herrn der Herrscharen“, die „das Land versengt“. Mit dem „Besen der Verwüstung“ wird der Herr Babel hinwegfegen (Jesaja 14, 23). „Reinigung“ und „Verwüstung“ waren, aus Benjamins Mund, Bürgerkriegsdrohungen in theologischer Sprache.

Wo andere womöglich von Heimat sprechen, da spricht Benjamin von etwas zu Reinigendem, weil offenbar Geschändetem, von einem Strafgericht, das eines Tages kommen wird, vom Zorn Gottes. Die Prophetenrolle war angemaßt, und gerade sie verhinderte, dass man aus den Überlegungen des Philosophen etwas heraushörte, was darin womöglich vernünftig war. Das, glaube ich, ist das Strukturproblem der ewigen Linken.

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