Exercitium: Ein neuer Dialekt verarmt die Sprache

Edelwörter ohne Inhalt haben sich in unsere Sprache eingeschlichen. Sie täuschen Seele und persönliche Anteilnahme vor, stammen aber teilweise aus Therapeutenjargon. Ein Plädoyer für eine ehrlichere Umgangssprache. Von Lorenz Jäger

„LG“ steht am Ende der E-Mail, dann folgt der Name, manchmal nur der Vorname der Absenderin (denn bei Männern scheint diese intime, Nähe anpeilende, gefühlige Form seltener vorzukommen, aber das mag täuschen). Bedeuten sollen die beiden Buchstaben „Liebe Grüße“, also: sei versichert, dass Du mir viel bedeutest – was sie aber in Wirklichkeit signalisieren, ist das Gegenteil: Ich hatte leider gar keine Zeit mehr, die beiden Worte auszuschreiben. Ich musste arbeitssparend verfahren, Du verstehst. Diese Nachricht an Dich ist dem furchtbaren Arbeitsstress gerade mal so abgerungen.

Worte und Sätze umgeben uns, deren Inhalt etwas versichern will, was ihre Form gerade verneint. Am Schlimmsten daran ist eine Pseudo-Spiritualität, das Vortäuschen von Beseeltheit, von höheren Weihen für praktische Alltagsverrichtungen. Auch die früher unproblematische schlichte Zustimmungsbekundung steigert sich in olympische Höhen: Der Kellner nimmt nicht nur die Bestellung entgegen, sondern tut dies seit einigen Jahren „sehr gerne“.

Die sprachlichen Formeln werden immer persönlicher, die tatsächlichen Leistungen immer standardisierter. „Wertschätzung“ gehört auch zu diesem neuen Dialekt – denn man hört das Wort inzwischen häufiger. Jeder und jede kann Wertschätzung beanspruchen und im Zweifelsfall deren Erhöhung fordern, auch jede Alters- und Berufsgruppe oder soziale Schicht. Jetzt kommt man auch dem Ursprung dieser Formel näher. Sie stammt aus bestimmten amerikanischen therapeutischen Schulen, dort wird von „bedingungsloser positiver Wertschätzung“ gesprochen, die man dem Klienten entgegenbringen möge. In dieser, aber auch nur in dieser Situation kann die Empfehlung ihren guten Sinn haben. Aber das gesellschaftliche Leben sollte sich nicht daran ausrichten. Warum ist das so? Die Wertschätzung soll allgemein und gleich verteilt werden, grundsätzlich allen und jedem zukommen – aber eben damit verliert sie das, was sie zu sein behauptet: die Anerkennung des Besonderen. Etwas Ähnliches ist mit dem Wort „Respekt“ geschehen: Es wurde von jedem Bezug zu einer bestimmten Leistung entkoppelt, es wurde sogar zur unverschämten Forderung nach ehrerbietigem Verhalten gegenüber der Nicht-Leistung, für bloßes Dasein. Nun schielt „Wertschätzung“ auch noch nach Höherem, denn in der allgemeinen Ansicht sind „Werte“ das unbedingt zu Erstrebende und zu Sichernde, fast das Rettende. Krisen sollen mit „Werten“ bewältigt werden, die auch meistens „gemeinsame“ sind. Und schon sind wir in der durchschnittlichen Sprache der Politik.

Pseudo-Intimität und Pseudo-Spiritualität sind unter den gegenwärtigen Formen verkehrter Wirklichkeit die entscheidenden. Es gibt aber noch eine dritte, die sich vielleicht mit einer gewissen Notwendigkeit hier anschließt: Es ist die Pseudo-Gleichheit. Man beobachtet vor allem in Sozialberufen, dass zwischen dem Chef oder Chefin einerseits und den Angestellten andererseits das „Du“ die Regel ist und Gleichheit aller Beteiligten suggeriert. Aber in jedem Krisenfall, wo etwa über Gehälter oder Entlassungen entschieden werden muss, ist die wirkliche Ungleichheit sofort wieder da – in Wahrheit war sie nie weg.

Vielleicht übertreibe ich meine Eindrücke, vielleicht handelt es sich um Formeln, die helfen, Reibungsverluste im sozialen Kontakt zu vermeiden. Es gibt ja schon genug Hass und Wut in Deutschland, übrigens keineswegs nur auf der einen Seite des politischen Spektrums, wie uns oft versichert wird. Und doch glaube ich auch, dass mit solchen vermeintlichen Edel-Wörtern nicht wirklich geholfen ist. Vor fünfzig und mehr Jahren erlebten wir das mit Redewendungen, die inzwischen außer Kurs gekommen sind, „echte Begegnung“ gehörte dazu und war beliebt in Kreisen von Volkshochschul-Ethikern. Die Absicht dabei war schon ganz die heutige: Verhältnisse als beseelt und persönlich erscheinen zu lassen. Aber wir sind kein Kollektiv von Therapie-Klienten und das Leben soll kein Sanatorium werden. Wertschätzung gibt es nicht auf Rezept; wer sie haben will, soll sie sich erkämpfen.