Würzburg

Exercitium: Die große Nettigkeit

Wenn Löwe und Ente gleich sind: Ein Kinderbuch gibt Einblick in eine verdrehte Welt, in der das Königliche verschwinden und seichte Nettigkeit regieren soll.

Der königliche Löwe
Das Kinderbuch "Ganz einfach Löwe" vermittelt ein Bild des Löwen, das verlogen und erkünstelt wirkt. "Wir haben es mit einem Betrug zu tun", meint Lorenz Jäger. Foto: fotolia.de

Ein großformatiges bebildertes Buch für die Enkelin gekauft, nach einer Besprechung in einer Tageszeitung, die sich gut anhörte. Auch der Schwierigkeitsgrad passte offenbar zu ihren bald fünf Jahren. Aber nicht im Laden kaufte ich es, wo man einen eigenen Eindruck hätte gewinnen können, sondern bei Amazon. Viereinhalb Sterne bedeuten eine gute Bewertung. Hätte ich doch nur vorher die Kommentare der Kunden gelesen!

Ganz auf die Vermittlung einer Lehre konzentriert

„Ganz einfach Löwe“ heißt das Buch, verfasst und gestaltet wurde es von Ed Vere. Ich glaube, er war einmal ein Edward, hat aber seinen Namen ins Kumpelhafte und nun wirklich Aller-allgemeinverständliche vereinfacht. Das Buch erzählt nicht, es ist ganz auf die Vermittlung einer Lehre konzentriert. Unter den Löwen haben sich nämlich falsche Ansichten breitgemacht: „Manche sagen, es sei ganz klar, wie Löwen sind. Sie sagen, Löwen sind furchterregend. Wenn sie dich kriegen, fressen sie dich auf. Schnapp, mapf, Schmatz! Sie sagen, ein Löwe kann nicht nett sein. Sie kennen eben Leonard nicht.“ Nun sieht man den freundlichen Ausnahme-Löwen, wie er wohlwollend den Bienen zuschaut. Der graphische Stil ist grob-emotional, Feinheiten der Zeichnung (die in meinen Kinderbüchern noch die Regel waren, wenn ich mich richtig erinnere) gibt es nicht.

Dieser sensible Löwe ist ein Lyriker. Er „spielt mit Wörtern. Setzt sie zusammen, mal so herum, mal anders herum – bis ein Gedicht entsteht“. Einmal trifft Leonard beim Dichten auf eine Ente namens Marianne. Er beruhigt die Erschrockene und grüßt freundlich: „,Ich mache gerade ein Gedicht‘, sagte Leonard. ,Aber ich komme nicht weiter. Magst du mir helfen?‘ ,Du hast Glück‘, sagte Marianne. ,Ich bin nämlich eine einfallsreiche Ente.‘“ Sie freunden sich an und unternehmen nun alles gemeinsam: sie lesen, fahren Roller oder Skateboard, sprechen miteinander. Nachts beobachten sie Sternschnuppen. Eines Tages brechen andere, furchterregende Löwen in die Idylle ein: „,Was ist hier los?‘. knurrten sie. ,Warum wurde diese Ente nicht längst gefressen?‘“ Die Unholde, in der Zornesfarbe Rot dargestellt, predigen den Hass: „,Wenn du wirklich ein Löwe sein willst, Leonard – dann darfst du nicht nett sein!‘“ Die Ente aber redet ihrem Freund gut zu. Wieder fabrizieren sie ein Gedicht: „Alle Tiere sind meine Freunde,/ Und das macht mich froh. (…) Niemand soll sagen/ Nur ein Weg sei fein./ Du kannst auf vielerlei Arten/ Du selber sein.“

Individuelle Selbstverwirklichung ist die Lehre

Individuelle Selbstverwirklichung ist die Lehre, Eigensinn soll sich gegen die Normen des Kollektivs geltend machen können. In Maßen: Meinetwegen! Aber hier vergeht sich die Lehre gegen die Lebenstatsachen. Ernähren sich gute Löwen denn vegan? Auf solch übersüßen Gedanken kann kein Segen liegen. Da mag die säkular-humanistische reine Moral noch so gutartig erscheinen; sie zeigt sofort etwas Verlogenes, Erkünsteltes (das auch Kinder schnell durchschauen), wir haben es mit einem Betrug zu tun.

Was ist das Wesen des Löwen? Doch wohl das Königliche, die Pracht (schon das Kind kennt dieses Wort, wenn es nur an die Mähne des Löwen denkt), die Stärke, das Gewaltige. Die Würde und der Stolz. Der Rang. Das königliche Amt eines Schutzes der Schwachen erfordert auch die Fähigkeit, den Feinden einen Schrecken einjagen zu können. Hier aber soll das Löwenhafte so weit wie möglich heruntergedimmt werden, das Königliche aus der Welt verschwinden. Denn darum geht es hier: Den Löwen mit der Ente gleichzustellen. Ist das erreicht, dann kehrt die große Nettigkeit ein – nur die Natur ist verdorben. Dies ist kein Buch der Erziehung, sondern der Umerziehung.