Würzburg

Exercitium: Die Welt und das Heilige

Glauben hat es in der Literatur nicht immer leicht: Brigitte Kronauer gelingt in ihrem Roman "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" ein situatives Wechselspiel zwischen Objektivität und Subjektivität.

Gruenewald, Isenheimer Altar, Kreuzigung - Gr}newald / Isenheim Altar, Crucifixion -
Verlassenheit und Vereinsamung stehen am Beginn der Leidensgeschichte: Isenheimer Altar von Matthias Grünewald in Colmar. Foto: AKG Pressebild

Das Verhältnis des Romans zum Glauben war immer schwierig. Entweder wird das Bekenntnis zum bloß ästhetischen Reiz, wie vor zweihundert Jahren bei manchen Romantikern, oder die Literatur predigt und wirbt, das ist auch wieder nicht jedermanns Sache. Oder das Literarische und das Mystische erscheinen mehr verschraubt als legiert. Die kürzlich verstorbene Brigitte Kronauer hat eine andere Form gefunden. In ihrem letzten Buch, einem Roman aus Geschichten mit dem Titel „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“, schaut die völlig profane, unideale Welt auf die Heilsgeschichte und empfängt ihrerseits den Blick des Heiligen.

Der Autorin gelingt Außergewöhnliches

Über diese vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin hört man zuweilen schroff Kritisches. Ihre Figuren seien zu künstlich, ihre Prosa zu kunstgewerblich, zu gebastelt: Um Anspielungsliteratur handle es sich, um Literaturliteratur, von Kritikern geliebt. Aber das stimmt nicht. Zunächst einmal nehmen in ihren Geschichten Glück und Trauer die intensivsten, leuchtendsten, tiefsten Farben an; Wärme strahlt hier warm in den Leser, Kälte macht ihn frieren. Stimmungen kommen zu ihrer höchsten Erscheinung und bleiben keine nur beschworenen und versicherten Fremdkörper. Brigitte Kronauer ist etwas Außergewöhnliches gelungen. Gehalte des Glaubens werden niemals missionierend eingeführt, nur aus der Situation heraus ergeben sie sich.

Die meisten der Geschichten kann man übrigens für sich lesen. „Grünewald“ heißt die letzte, sie ist herzzerreißend schön. Der Titel bezieht sich auf den Maler Matthias Grünewald und den berühmten Isenheimer Altar in Colmar. Ein Mann, der die neunzig überschritten hat, lange schon verwitwet, ehemals Literaturprofessor, freundet sich langsam mit Frau Schmetz an, die bei ihm nach dem Rechten sieht. Als Kind hatte er ein Papp-Modell des Isenheimer Altars geschenkt bekommen, der dann in gewisser Weise sein Leben bestimmte.

„Der Geist“, so glaubt er von Grünewald zu wissen, „ist ohne Rücksicht auf seine arme Menschlichkeit in ihn gefahren und hat mit ihm gemacht, was er wollte. Anders ist es nicht vorstellbar.“ Frau Schmetz dagegen scheint sich nur für das Biographische zu interessieren. Aber das erweist sich als ein ebenso fruchtbarer Weg: „Weshalb er wohl den Kopf so nach oben wendet“, fragt sie angesichts eines Selbstporträts: „Was sieht er? Auch schon als junger Mann betrachtet er etwas, das wir nicht erkennen können. Er verrät es nicht. Aber seine Gedanken sind dort, das spürt man genau.“ Beim heiligen Eremiten Paulus sieht sie eine andere Nuance: „Auch habe ich jetzt das Gefühl, als würde er gar nicht etwas ansehen, sondern als fiele ein Schein auf sein Gesicht, dem er sich zuwendet. Das muss für ihn lebenswichtig gewesen sein, sonst hätte er sich nicht so gemalt, der Grünewald.“

Die eigene Lebensgeschichte wird zum Schlüssel

Der gelehrte Herr Waldenburg und die nur scheinbar naive Frau Schmetz finden etwas in diesen Bildern, das sich nur ihnen offenbart – warum? Weil sie (das ist die Pointe dieser Geschichte) ihre eigene Situation nicht verkennen. Sie sind nicht „objektiv“, auch nicht einfach nur „subjektiv“: Sie können das Wechselspiel zwischen den beiden Polen in Gang setzen. So kommen sie dazu, ihre Lebensgeschichten zum Schlüssel der Bilder zu machen, die ihren Gehalt nun erst, und nur ihnen, eröffnen.

Am Ende betrachtet der Greis den „abgezehrten, wurzelhaften Greisenarm“ des Eremiten Paulus. Das ist nun eine Sprache, die er versteht wie kein anderer. „Sie schließt mich in meiner gegenwärtigen Verfassung nicht aus als Zweifelnden, sie drückt aus, was mein Herz, das Herz eines sehr Einsamen, so heftig bewegt.“