Würzburg

Exercitium: Bedingungslose Hingabe

Kaum ein Thema bringt die Leute mehr auf die Palme als die kirchliche Sexualmoral. Dabei ist Sex zwischen Mann und Frau am schönsten, wenn beide die grundsätzliche Offenheit haben, miteinander Kinder zu bekommen.

Bettszene
Die katholische Sexualmoral sollte nicht als Sammlung von Verboten, sondern als Ermöglichung verstanden werden. Foto: Christophe Gateau (dpa)

Ich träume von einem Buch, das den ganzen Inhalt des Glaubens einmal in die Sprache der Lebenserfahrung übersetzte – ohne die überirdische Herkunft der Lehre zu verdunkeln. Vielleicht wäre es, ganz entfernt, so etwas wie das biblische Buch Jesus Sirach, das zur Weisheitsliteratur des Alten Testaments gehört: „Wer den Vater hoch schätzt, wird viele Tage sehen/ wer auf den Herrn hört, erweist seiner Mutter Ehre.“ (3, 4) Oder: „Eine gute Frau – ein glücklicher Mann, die Zahl seiner Tage verdoppelt sich.“ (26, 1) Solche Sprüche kommen aus dem Glauben, sagen aber nicht: „Das sollst du glauben“, sondern eher: „Wenn du mal ein bestimmtes Alter erreicht hast, wirst du es begreifen.“

Ermöglichung statt Verbote

Die Kirche und die Sexualmoral: Gibt es ein Thema, das die Leute zuverlässiger auf die Palme brächte? Ich lese im Katechismus: „Die Fruchtbarkeit ist eine Gabe, ein Zweck der Ehe, denn die eheliche Liebe neigt von Natur aus dazu, fruchtbar zu sein. Das Kind kommt nicht von außen zu der gegenseitigen Liebe der Gatten hinzu; es entspringt im Herzen dieser gegenseitigen Hingabe, deren Frucht und Erfüllung es ist.“ Das wird oft vom Verbotsaspekt her kritisiert: Keine Pille, keine Abtreibung. Wo denn da die Freiheit bleibe?

Ich sehe diese Lehre als Ermöglichung. Wenn ich eine Erfahrung im Leben gemacht habe, dann ist es die: Der Sex ist am schönsten, wenn das Vertrauen der beiden so innig ist, dass es jedenfalls die grundsätzliche Bereitschaft einschließt, zusammen Kinder zu haben. Die gibt der Beziehung eine Tiefe, die auf keine andere Weise zu bekommen ist. Das ist wie die Süße einer sonnengereiften Frucht gegenüber dem Süßstoff.

Zur Sexualität überhaupt sagt der Katechismus: „Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten.“ Auch das muss man sich nur in die Sprache der Erfahrung übersetzen, und man erkennt die Wahrheit. Es gibt ein Glück, das der One-Night-Stand niemals schenken kann, und solches Glück wird möglich, wenn beide irgendwie empfinden, dass sie noch auf eine andere als bloß irdische Art verbunden sind.

Es reicht, als Gegenprobe einmal einen Roman zu lesen, in dem der pure Sex regiert. Einen hatte ich zur Hand, es geht um eine junge krebskranke Schauspielerin, die noch Jungfrau ist und vor ihrem Tod unbedingt mit jemandem, fast egal mit wem, schlafen will. Mit diesem Wunsch ist eine erste Entscheidung gefallen. Alles Mögliche kommt in diesem Roman vor, Masturbation, Abenteuer für eine Nacht, unfreiwilliger Voyeurismus, aber alles ist unangenehmer bad sex, an dem weder die Beteiligten noch die Leser viel Freude haben. Kinder (oder auch nur der Kinderwunsch) tauchen naturgemäß nicht auf. Diese Menschen leben unter einem metaphysisch verhangenen Himmel, es gibt in dem ganzen Buch keine Passage, die dich anlächelt.

Katholische Ehelehre statt bad sex

So kam mir dieser Roman gerade gelegen, dessen berührende, bewegende Kraft gegen Null geht. Er erschien mir als der sozusagen auskomponierte bleierne Hintergrund, vor dem sich die Lebensfarben der katholischen Ehelehre und die tiefen Glücks-Glockenklänge einer Sexualität abheben, die in der Liebe gründet. Erst dieses Vertrauen, diese bedingungslose Hingabe geben die Chance, sich den (sagen wir: kosmischen) Energien in der Umarmung hinzugeben, ohne dass das Bewusstsein, wie es seine Art ist, bedenkenträgerisch reinredet.

Erklär es den Leuten auf indisch, mit Tantra und Chakra, und sie werden an deinen Lippen hängen. Nur wenn „katholisch“ draufsteht, werden sie kopfscheu. Das sollte sich ändern.