Exercitium: Ausrichtung auf Gott

Sonnenuntergang im Allgäu
Es gibt keine Religion, die Gottes Walten so unmittelbar, so schlicht-evident mit dem Leben der Menschen verbinden würde, wie das Christentum. Foto: Felix Kästle (dpa)

Mit der Ehefrau, der Tochter und der Enkelin in der Nahe-Region, im Bad Sobernheimer Freilichtmuseum: Ein langer Spaziergang durch die Vergangenheit. Altes Gerät ist zu betrachten, das die Arbeitsvorgänge von Früher anschaulich machen kann. Man geht in einem der liebevoll wieder aufgebauten Häuser ein paar Stufen abwärts und findet Schwarz-Gusseisernes: Stolze Öfen aus dem siebzehnten, achtzehnten und noch aus dem neunzehnten Jahrhundert, vor allem aber reich verzierte Ofenplatten.

Der Mensch wird in jedem Lebensalter auf Gott ausgerichtet

Biblische Szenen überwiegen. Lot, der von den beiden Engeln, die er vor der rasenden Menge geschützt hatte, nun seinerseits aus der Stadt hinausgeleitet wird, die schon der Vernichtung preisgegeben ist. Die Verkündigung des Engels an Maria. Die Hochzeit zu Kana, mit der Verwandlung des Wassers in Wein. Man möchte sich die Menschen vorstellen, die noch die alltäglichen Dinge zu etwas Kostbarem machten und sinnreich aus der Sphäre des bloß Nützlichen heraushoben. Aber man kann nicht zurück: Ein Heizkörper von heute mit aufgedruckten biblischen Figuren wäre ein Unding. Wir müssen andere Wege finden.

Ein paar Schritte und wir sind in der freundlichen kleinen Wegekapelle, die ursprünglich aus Linz-Ockenfels stammt. Man schaut auf den auferstandenen Christus, darunter sieht man Jesus als Kind, dann auf dem Tisch eine Pieta-Figur mit dem toten Christus. Und mit diesem einen Blick glaubt man, das Wesen unseres Glaubens erfassen zu können: Der Mensch wird in jedem Lebensalter auf Gott ausgerichtet. Als neugeborenes Kind empfängt er die Taufe, später, schon mit Bewusstsein, die Firmung. Im Gebet und in der Beichte tritt er vor Gott, und noch sein Ende legt er, in den Sterbesakramenten, in den Blick Gottes. Und ihm wird geantwortet.

Gestaltenreichtum und Situationsfülle sind, was uns andere Religionen vorwerfen

Es gibt keine Religion, die Gottes Walten so unmittelbar, so schlicht-evident mit dem Leben der Menschen verbinden würde. Gott ist Mensch geworden, er hatte in Maria eine Mutter, er stirbt den qualvollsten Tod. Es gibt überhaupt keine Lebenstatsache, die den biblischen Erzählungen grundsätzlich fremd wäre. Eine kaum übersehbare Fülle von Namen und Gestalten erscheint vor uns, ein ungeheurer Zug: Sünderinnen und Sünder, Gerechte, Könige, ins Elend Gestürzte, Starke und Kranke, Brautleute und Ehebrecher. Der Mensch, der sich auf Gott ausrichtet, antwortet ja nur dem Gott, der sich schon auf einzigartige Weise dem Leben der Menschen zugewandt hat und ihre Herzen kennt.

In dieser Lebens-Sympathie, dieser Liebe zum Konkret-Menschlichen, in der Bevorzugung noch des unscheinbarsten Details – sagen wir, eines Linsengerichts – treffen sich Altes und Neues Testament und erscheinen als wirkliche Religion zum Beispiel gegenüber der bloßen Weisheit und Erleuchtungstechnik Asiens. Dieser Gestaltenreichtum und diese Situationsfülle sind es, die uns andere Religionen vorwerfen: Die Zeugen Jehovas, der Islam, auch der Buddhismus. Um es einmal als Bekenntnis zu sagen: Christlich ist der Glaube, ist die Hoffnung, dass Mensch und Gott in dieser Hinwendung zueinander stehen, die gar nicht intensiv und dicht genug gedacht werden kann: Nämlich als Liebe. Und plötzlich mag es schwerer erscheinen, hier noch zweifeln, als zu glauben. Andere Religionen, vielleicht alle, mögen das Selbe ersehnen, aber sie erreichen es nicht.

Sofort sieht man auch die Abwege: Wird ausschließlich die Hinordnung des Menschen auf Gott betont, dann kommt man zu einem überscharfen Fundamentalismus. Im entgegengesetzten Fall, bei einseitiger Betonung des Menschlichen in der Bibel, käme man zu einer humanistischen Verflachung und Verdünnung.