Würzburg

Credo: Warum Palmwedel nicht ewig halten

Menschen sind wankelmütig, ihre Launen wechselhaft. Emotionen sind daher keine gute Basis für eine dauerhafte Beziehung. Das gilt auch für den Glauben.

Karfreitagsprozession in Lohr
Die Kirche ruht auf dem Fels in der Brandung, nicht auf den Stürmen des Meeres. Im Bild: Karfreitagsprozession in Lohr am Main. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Es dauerte nicht mal eine Woche. Nicht einmal sieben Tage vergingen zwischen Palmsonntag und Karfreitag, zwischen dem Tag, an dem Jesus jubelnd empfangen wurde, und dem Tag, an dem er am Kreuz endete. Aus einem „Hosianna“ wurde ein „Kreuzige ihn!“. Offenbar braucht es dafür nicht viel. Es sollte beachtet werden, dass die Begeisterung des Palmsonntags keineswegs gespielt, sondern durchaus echt war. Niemand, am allerwenigsten Jesus selbst, hatte die Menge zu einer solchen Aktion aufgefordert, es gab weder Anheizer noch Vorklatscher. Ob es sich bei der Gruppe, die wenige Tage später die Freilassung des Barrabas anstelle Jesu fordert, um dieselben Leute handelt, die zuvor ihre Palmwedel geschwungen haben, ist zwar unter Exegeten nach wie vor umstritten, aber der Hinweis, dass sie von den jüdischen Hohepriestern dazu überredet werden mussten, lässt zumindest darauf schließen, dass es nicht um Anhänger des Barrabas gehandelt hat.

Emotionen sind schlechte Basis für dauerhafte Beziehungen

Menschen sind wankelmütig, ihre Launen wechselhaft. Begeisterung kann in Verachtung umschlagen, Vorfreunde in Angst, Liebe in Hass. Genau aus diesem Grund sind Emotionen zumeist eine schlechte Basis für dauerhafte Beziehungen. Eine Ehe, die nur auf dem starken Gefühl des ersten Verliebtseins aufbaut, steht unter einem schlechten Stern. Natürlich muss sich dieses Verliebtsein nicht zwangsläufig irgendwann in Hass wandeln, aber die Erfahrung lehrt, dass solche Gefühle nicht von ewiger Dauer sind. Vergehen sie, wird die Beziehung, wenn sie denn kein anderes Fundament hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit absterben.

Mit dem Glauben verhält es sich ebenso, denn Glaube ist Beziehung, nicht einfach nur ein Fürwahrhalten bestimmter Inhalte. Deshalb sollte auch der Glaube nie ausschließlich gefühlsbetont sein. Diesen Denkfehler begehen heutzutage insbesondere viele charismatisch geprägte Christen. Sie feiern ihr Glaubensleben und auch ihre Gottesdienste als großes Event, bei dem vor allem die Emotion hervorgehoben wird, weniger Vernunft und Reflexion. Starke Gefühlsausbrüche gelten als glaubwürdigstes Zeichen des Wirkens des Heiligen Geistes. Nun stößt die charismatische Bewegung zweifelsohne in eine Lücke, die ein zuweilen stark entemotionalisiertes westliches Christentum hinterlassen hat. Diese Wiederentdeckung des spirituellen Elements des Glaubens ist überaus wohltuend. Doch es wäre gefährlich, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Mit geöffneten Händen vor Gott stehen

Natürlich ist es völlig in Ordnung, im Gottesdienst seine Hände gen Himmel zu strecken, aber es tut auch gut, sich daran zu erinnern, dass dies nicht zwingend notwendig ist, und dass man auch einfach mit geöffneten Händen vor Gott stehen kann, in Stille und Ehrfurcht, als der demütig Empfangende. Ein Glaube ohne Gefühl ist tot, aber ein Glaube, der nur Gefühl ist, hat nicht lange zu leben. Der Bestsellerautor und anglikanische Theologe C. S. Lewis drückte es einmal, etwas frech aber doch recht treffend, so aus: „Letztlich ist es mit dem Glaubensleben wie mit dem Sexualleben. Ob es Frucht bringt, hängt nicht davon ab, wie viel Spaß man dabei hat.“

Die Kirche ruht auf dem Fels in der Brandung, nicht auf den Stürmen des Meeres. Freude, Begeisterung, Euphorie – alles schön und gut, aber es bleibt die Mahnung der Karwoche. Palmwedel vertrocknen früher oder später. Mit der Begeisterung ist es oft ähnlich.

Die Reihe zu theologischen Denkfehlern wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

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