Würzburg

Credo: Schluss mit Sünde?

Ist der Begriff der Sünde zu negativ? Oder kann er zu einer realistischen Selbsteinschätzung verhelfen? Warum wir Sünde nicht wollen, aber trotzdem brauchen.

Die Bedeutung der Sünde
Im richtigen Sinne verstanden ist das christliche Sündenbewusstsein alles andere als hinderlich, sondern verhilft im Gegenteil zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Foto: fotolia.de

„Da hat er eben leider recht, die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.“ Mit dieser banalen und zugleich fundamentalen Erkenntnis aus Brechts Dreigroschenoper ist das Phänomen der Sünde recht gut umschrieben. Doch mit ebendiesem Konzept tun sich einige Kirchenvertreter heutzutage schwer. „Schluss mit Sünde!“, fordert gar ein Würzburger Theologieprofessor, womit er nicht etwa eine Welt ohne Sünde meint – wer wollte das nicht? –, sondern ein Christentum ohne den Begriff der Sünde. Der Haupteinwand gegen den Gebrauch dieses Begriffs liegt in seiner Negativität, die so gar nicht zum modernen Konzept der Selbstoptimierung passen will. Wer an die Macht der Sünde glaube, so der Einwand, mache es sich in seiner Schwachheit bequem und verweigere die Besserung mit dem Hinweis, man sei ja machtlos gegen die Sünde.

Als Resultat wahr, als Voraussetzung falsch

Nun ist es zweifellos richtig, dass all unser menschliches Tun letzten Endes umsonst ist und wir immer der Gnade Gottes bedürfen. Ob eine Erkenntnis aber nützlich oder schädlich ist, hängt zuweilen von der Situation ab, in der sie gewonnen wird. Der legendäre Faust beispielsweise kam zu der Erkenntnis: „Ich sehe, dass wir nichts wissen können“, aber er kam zu ihr am Ende einer lebenslangen Suche nach Wissen. Würde dieser Satz hingegen von einem Schulanfänger ausgesprochen, so wäre er nicht vielmehr als eine Ausrede für die eigene Lernunwilligkeit. Es kann also sein, dass ein und dieselbe Aussage als Resultat wahr, als Voraussetzung jedoch falsch ist. Diese Konstellation finden wir auch bei Aussagen über die Sünde vor. Wenn Paulus nach einer gescheiterten Existenz als gesetzestreuer Pharisäer zu der Erkenntnis kommt, dass der Mensch aus eigener Leistung nicht vor Gott gerecht werden kann, so ist das etwas anderes, als wenn jemand diese Erkenntnis als Freibrief für ein sündiges Leben betrachtet.

Im richtigen Sinne verstanden ist das christliche Sündenbewusstsein alles andere als hinderlich, sondern verhilft im Gegenteil zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Natürlich darf eine entsprechende Selbstbetrachtung nicht einseitig auf die Sünde fixiert sein. Jedem Menschen sind auch gewisse Talente anvertraut, mit denen er nach bestem Wissen und Gewissen wuchern soll. Sein Talent aus Angst in der Erde zu vergraben, ist für einen Christen keine ernstzunehmende Option, aber andererseits hält ihn das Bewusstsein der eigenen Verführbarkeit davon ab, von der Erde abzuheben und mit künstlichen Flügeln zur Sonne aufsteigen zu wollen.

Christliche Theologie erkennt Sünde im Einzelnen

Dieselbe Mäßigung legt ein Christ auch bei gesellschaftlichen Experimenten an den Tag. Denn im Gegensatz zu manch modernen Weltbildern erkennt christliche Theologie die Sünde im Einzelnen, nicht in anonymen Strukturen. Deshalb war die Kirche auch immer kritisch gegenüber kollektivistischen Ideologien. Alle diese Systeme wollen einen neue, eine bessere, eine perfekte Gesellschaft erschaffen, sei es durch Auflösung der Klassen, durch Züchtung der Rasse oder was auch immer. Sie vergessen dabei aber einen ganz entscheidenden Umstand. Jede menschliche Gesellschaft besteht am Ende immer noch aus Menschen. Somit bleibt nur die bittere Ironie: Die schlimmsten Sünden der Menschheit wurden begangen, weil man die angeborene Sünde des Menschen ignoriert hat. Wie schreibt Brecht: „Wer wollt auf Erden nicht ein Paradies? Doch die Verhältnisse, gestatten sie's?“

Die Reihe zu theologischen Denkfehlern wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

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