Würzburg

Credo: „Höre auf dein Herz“?

Oft hört man den gut gemeinten Rat, man solle bei Entscheidungen dem Herzen folgen. Die Heilige Schrift und die Erfahrung zeigen jedoch, warum Christen einen anderen Kompass verwenden sollten.

Glückskeks mit Spruchband
„Folge dem, was Dein Herz Dir rät!“ Diese Weisheit hätte man auch auf einem kleinen weißen Zettelchen in einem chinesischen Glückskeks finden können. Foto: fotolia.de

„Folge dem, was Dein Herz Dir rät!“ So lautet der Titel der Biographie einer evangelischen Theologin. Man hätte diese Weisheit auch auf einem kleinen weißen Zettelchen in einem chinesischen Glückskeks finden können, aber sei es, wie es sei. Verwundern mag dieser Satz neben seiner Flachheit aber auch theologisch. Ist das Herz wirklich die entscheidende Richtschnur des Menschen? Heißt es im Buch Genesis nicht, das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens sei böse von Jugend auf? Doch tatsächlich gibt es eine biblische Grundlage für den genannten Buchtitel. Nach Aussage des Autors ist er an ein Wort aus dem Buch Jesus Sirach angelehnt, einer Spätschrift des Alten Testaments, die eigentlich in evangelischen Bibelausgaben gar nicht enthalten sein sollte.

Das eigene Herz nicht als höchste Autorität einsetzen

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass dieser Satz von der in der Biographie beschriebenen Theologin aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Schauen wir uns die betreffende Stelle einmal genauer an. Im 37. Kapitel des Buches Jesus Sirach, in dem sich das besagte Zitat findet, lesen wir: „Berate dich nicht mit einer Frau über ihre Nebenbuhlerin oder mit einem Ängstlichen über den Krieg oder mit einem Kaufmann über die Ware oder mit einem Käufer über den Preis. Berate dich auch nicht mit einem Missgünstigen über Dankbarkeit oder mit einem Unbarmherzigen über Barmherzigkeit, mit einem Faulen über die Arbeit oder mit einem Tagelöhner über das Ende der Arbeit oder mit einem trägen Hausknecht über zu viel Arbeit. Solche Leute frag nicht um Rat, sondern halte dich stets an einen Gottesfürchtigen, von dem du weißt, dass er die Gebote hält, der wie du gesinnt ist und Mitleid mit dir hat, wenn du strauchelst. Und bleibe bei dem, was dir dein Herz rät; denn du wirst keinen treueren Ratgeber finden. Denn mit seinem Herzen kann ein Mann mehr erkennen als sieben Wächter, die oben auf der Warte sitzen. Doch bei alledem rufe den Allerhöchsten an, dass er in Wahrheit deinen Weg ebne.“

Guter Rat ist teuer, sagt der Volksmund, und genau darum geht es hier: um eine Warnung vor ungeeigneten Ratgebern, verbunden mit dem Hinweis, dass der Rat des eigenen Herzens im Zweifel verlässlicher ist als der Rat eines Fremden. Dennoch, und das ist der gefährliche Denkfehler, darf das eigene Herz nicht als höchste Autorität eingesetzt werden. Deshalb weist der Abschnitt ja ausdrücklich den Gottesfürchtigen als wertvollen Ratgeber aus und schließt mit der eindringlichen Ermahnung, bei allen Entscheidungen den Allerhöchsten anzurufen, auf dass er den richtigen Weg weise. Petrus und die übrigen Apostel werden diesen Gedanken später in die eindringliche Formel fassen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5, 29) Eine Welt, in der jeder das tut, was er selbst für richtig hält, ist nach biblischen Maßstäben eine Horrorvorstellung.

Das Herz auf den König der Könige ausrichten

Besonders deutlich wird dies in den letzten Kapiteln des Buches Richter. Hier wird von einem Mann namens Micha berichtet, der nicht nur seine eigene Mutter bestiehlt, sondern auch einen persönlichen Gottesdienst erstellt, den er sich selbst zurechtgelegt hat. Diese Vorgänge werden folgendermaßen kommentiert: „Zu der Zeit war kein König in Israel, und jeder tat, was ihn recht dünkte“ (Richter 17,6). Wenn jeder nur auf sein eigenes Herz hört, enden wir in einem subjektivistischen Chaos. Wer sein Herz jedoch auf den König der Könige ausrichtet, kann seiner inneren Stimme vertrauen und sollte sich nicht durch Ratschläge anderer verwirren lassen.

Die Reihe zu theologischen Denkfehlern wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

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