Credo: Der Sprung über den Graben

Wer Christus im Evangelium finden will, darf nicht nur analysieren, sondern braucht ein hörendes Herz. Die „lectio divina“ verbindet beides: gründliches Textstudium und Offenheit für Gottes persönliches Wort. Von Bruno Rieder OSB

„Christus ist das Herzstück der Mission und des Lebens der Kirche, der Angelpunkt der gesamten Evangelisierung“, so Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Redemptoris Missio“.

Wer das Evangelium weitertragen will, kann dies also nur, wenn er in einer vertrauten Gemeinschaft mit Christus lebt. So wird er fähig, andere Menschen einzuführen „in das Geheimnis der Liebe Gottes, die zu einer persönlichen Beziehung in Christus ruft“ („Ad Gentes“, 13). Mit jemandem in inniger Beziehung sein kann ich nur, wenn ich ihn tiefgehend kenne und mit ihm in lebendigem Austausch stehe. Wie soll dies mit Christus möglich sein, wenn uns doch „ein garstiger, breiter Graben“ (G. E. Lessing) von ihm trennt?

Moderne Exegese lässt in weiten Teilen nur noch Fragmente von der Gestalt Jesu übrig. Dessen „ipsissima verba“ haben sich verflüchtigt im Säurebad der historischen Kritik. Statt das „Wort des lebendigen Gottes“ zu vernehmen, trifft der Christus suchende Mensch bloß noch auf Texte, mehr oder weniger tote Buchstaben. „Viele moderne Exegeten betrachten die Bibel als ein Buch, das sie interessiert, aber sie nicht betrifft“ (Henri de Lubac).

Wenn ich als Benediktiner die Heilige Schrift lese, stehe ich in der Tradition der Kirchen- und Mönchsväter. „Wenn die Väter die Bibel lasen, lasen sie nicht Texte, sie lasen den lebendigen Christus und Christus sprach zu ihnen.“

Diese Aussage des orthodoxen Theologen Paul Evdokimov bringt prägnant auf den Punkt, welche Grundhaltung den Zugang zum Wort Gottes prägt, den die Benediktsregel „lectio divina“ nennt. Diese Weise, die Heilige Schrift zu lesen, eröffnet den Weg zu einer Quelle lebendigen Wassers, wo vorher trockene Buchstabenwüste war.

Was die geistliche Lesung von einem bloß historisch-philologischen Zugang unterscheidet – obwohl gründliches Textstudium für die lectio unerlässlich ist –, das führt eine Passage aus dem Prolog der Benediktsregel vor Augen: „Stehen wir also endlich einmal auf, da uns die Schrift mit den Worten weckt: ,Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf‘. Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschreckten Ohren, was uns die göttliche Stimme jeden Tag mahnend zuruft: ,Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht‘.“ Die Schrift ist hier eine Person, die mit den Worten der Bibel den Hörer „weckt“. Diese Person ist das „göttliche Licht“ und die „göttliche Stimme“ ist also Christus. So vernommen, wirkt die Bibel evangelisierend: Sie ruft zur Umkehr, zur Öffnung des Herzens für das „Wort, das im Anfang bei Gott war“ (vgl. Johannes 1, 1–2).

Wer die lectio divina praktiziert, hat zunächst einen Text vor sich. Aber dieser verweist auf ein „mehr“, ist Zeichen und Werkzeug, also Sakrament.

Die „Göttliche Lesung“ heißt so, weil die gelesenen Worte als ihren eigentlichen Autor Gott haben. Nicht insofern dieser den Text diktiert hätte, sondern Christus spricht jetzt aktuell durch die Worte der Schrift: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört.“ Das Lauschen meines Herzens-ohrs gilt dem göttlichen Logos selber.

„Lesung“ bezeichnet nicht nur den Gegenstand der Lektüre, sondern auch das Lesen selber. Auch dieses ist „göttlich“, insofern der Leser in der gnadenhaft vermittelten Haltung des Glaubens der Bibel begegnet, so dass „die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde“ („Dei Verbum“, 12).

Erst ein solches sakramentales Verständnis der Schriftlesung ermöglicht, den Graben zu überwinden und in eine vertraute Beziehung zu Christus zu finden. Deshalb bezeichnet ein Mönchstheologe die lectio divina als „Sakrament unserer Freundschaft mit Gott“.

Der Autor ist Benediktiner in Kloster Disentis in der Schweiz.

Die nächste Folge dieser Serie erscheint am 17. Januar 2019