Würzburg

Credo: Denken und glauben mit Spaemann

Ein Streifzug durch die Werke Robert Spaemanns zeigt, wie inspirierend seine Einsichten sind. Die Einführung in die neue Credo-Reihe klärt das Verhältnis von Philosophie und christlichem Glauben.

Requiem für Robert Spaemann
Robert Spaemann war es wichtig, dass bei seiner Beerdigung von einer Laudatio abgesehen wird. Foto: Marijan Murat (dpa)

Ein Streifzug durch die Werke Robert Spaemanns zeigt, wie inspirierend seine Einsichten sind. Die Einführung in die neue Credo-Reihe klärt das Verhältnis von Philosophie und christlichem Glauben.

Robert Spaemann war ein tiefgläubiger katholischer Christ und ein Philosoph. Aber er hat sich immer dagegen gewehrt, als katholischer Philosoph bezeichnet zu werden. Der Grund ist klar: Philosophie ist Erkenntnisbemühung allein mit Hilfe der Vernunft, Glaube dagegen greift auf die übernatürliche Offenbarung Gottes zurück. Ein gläubiger Christ kann philosophieren, aber er muss dabei methodisch streng von seinem Glauben abstrahieren. Dennoch hat er einen Heimvorteil ähnlich einem Mathematiker, der eine mathematische Aufgabe auf streng mathematischem Weg zu lösen hat, aus anderer Quelle aber das Endergebnis schon kennt. Er hat damit noch nicht die Lösung, denn diese besteht immer auch im richtigen, nachvollziehbaren Beweisgang, aber er hat ein Kriterium für sie, über das der Nichtgläubige nicht verfügt. Da der gläubige Christ weiß, dass sich Vernunft und Offenbarung nicht widersprechen können, kann er sich ganz unbefangen und gelassen auf das Abenteuer der Philosophie einlassen. Diese unbefangene Gelassenheit habe ich bei Spaemann stets bewundert.

Den Dogmatismusvorwurf braucht ein philosophierender Christ nicht zu fürchten. Denn auch andere Philosophen bringen ihre eigenen vorphilosophischen Überzeugungen - ihre “Vorurteile” im wörtlichen Sinne - mit, von denen sie beim Philosophieren abstrahieren müssen. Keiner fängt am Nullpunkt an. Aber auch sogar in dieser Hinsicht ist der Gläubige im Vorteil. Denn der Christ, der sich in einer Zeit wie der heutigen zu seinem Glauben bekennt, hat ihn normalerweise reflektiert und ist sich seiner Glaubensüberzeugungen bewusst, so dass ihm die geforderte Abstraktionsleistung leichter fällt als z.B. manchem wissenschaftsgläubigem Naturalisten, der sich seiner Vorurteile nicht bewusst ist. Es ist noch lange nicht ausgemacht, wie zwischen Christen und Nichtchristen die zwei Menschentypen verteilt sind, von denen Chesterton spricht: “Es gibt zwei Arten von Menschen: solche, die ein Dogma haben und es auch wissen, und solche, die ein Dogma haben und es nicht wissen.”

Es gibt aber auch das Umgekehrte, nämlich Theologen, die im Bemühen um einen philosophischen Zugang zum Glauben so sehr von der Existenz Gottes abstrahieren, dass, nachdem sie etwa eine autonome Ethik ohne Gott konzipiert haben, Gott in der Ethik nur noch das fünfte Rad am Wagen ist. Um anschlussfähig zu bleiben, scheuen sie sich, das Erkenntnispotenzial der Offenbarung für die Lösung existentieller Fragen richtigen und gelungenen Lebens zu nutzen. Wenn ich in der Philosophie den Atheismus nicht nur für eine vorläufige Methoden-, sondern für eine Systemfrage halte, wird der Gottesgedanke für alle Vernunfterkenntnis folgenlos. Um ihn doch noch zu retten, bleibt dann nur noch seine Abschiebung ins Irrationale. Was dabei herauskommt, können wir an manchen Schriftenständen katholischer Kirchen beobachten: Da liegt seichte Spiritualitätsliteratur a la “Wort der Freude für jeden Tag” mit einem Tröstergott fürs Gemüt friedlich neben theologischen Aufklärungsbüchern, die alles Übernatürliche hinterfragen und aufs “Normal-Menschliche” herunterzurren. Glaube und Vernunft verhalten sich dann zueinander wie tröstlicher Mythos und trostlose Aufklärung.

Nicht so bei Spaemann. Vor allem in seinem Psalmenkommentar, wo er gewissermaßen aus dem Vollen schöpft, zeigt er, wie gläubige Gesinnung und philosophische Kompetenz sich gegenseitig befruchten und eine wunderschöne Symbiose eingehen können. Wir wollen uns in zwangloser, unsystematischer Folge von den Einsichten, die wir in seinen Werken finden, für unser Denken und Glauben inspirieren lassen.

Die Reihe über Robert Spaemann wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt