Würzburg

Credo: Betroffenheit ist kein Privileg

Sollte man Männern verbieten, sich über Abtreibung zu äußern? Warum das Gewissen auch jenseits der Betroffenheit funktioniert.

Euthanasie in Neuseeland
2/3 der Neuseeländer sprachen sich in einem Referendum für die Euthanasie aus. Foto: Guo Lei (XinHua)

„Wer nicht betroffen ist, hat auch keine Meinung“, lautet eine in Debatten viel zu hörende Aussage. Sie wird auch immer wieder bei theologischen und ethischen Streitpunkten vorgebracht, etwa beim Thema Abtreibung. In diesem Zusammenhang soll damit dann ausgedrückt werden, dass Männer zu diesem Thema überhaupt keine Meinung haben können, da sie nicht betroffen seien. In der aktuellen politischen Abtreibungsdebatte in Neuseeland wurde sogar ernsthaft vorgeschlagen, die männlichen Abgeordneten sollten im Parlament auf ihr Stimmrecht verzichten.

Ethische Positionen haben nichts mit eigener Betroffenheit zu tun

Nun ist die genannte Aussage beim Thema Abtreibung gleich doppelt falsch. Zum einen, weil nicht die Frauen die wahren Betroffenen einer Abtreibung sind, sondern die ungeborenen Kinder, deren stumme Schreie jedoch bedauerlicherweise niemand hören kann. Zum andern, und das ist der eigentliche Denkfehler, weil ethische Positionen mit der eigenen Betroffenheit nicht das Geringste zu tun haben. Dieser Denkfehler liegt, wie so oft, in der Verwechslung beziehungsweise Vermischung verschiedener Kategorien begründet. Es gibt ja durchaus Fälle, in denen uns die eigene Nichtbetroffenheit zu Stillschweigen bewegen sollte. Um bei dem Beispiel der Schwangerschaft zu bleiben: Selbstverständlich kann ein Mann die besonderen Umstände einer Schwangerschaft nicht nachempfinden und sollte sich daher mit klugen Bemerkungen zu den üblichen Begleiterscheinungen wie Schmerzen oder Übelkeit zurückhalten. Die ethische Bewertung eines gewaltsamen Abbruchs einer Schwangerschaft ist jedoch von der eigenen Person und in diesem Fall vom eigenen Geschlecht unabhängig. Wäre sie es nicht, dann könnten sich Frauen beispielsweise auch kein ethisches Urteil über Militäreinsätze erlauben, da sie ja nicht aktiv an diesen beteiligt sind. Persönliche Betroffenheit ist in ethischen Fragen kein Vorrecht, mitunter nicht einmal ein Vorteil. Sie kann zu Befangenheit führen und so das ethische Urteil geradezu vernebeln.

Das Gewissen, unsere innere Instanz zur ethischen Beurteilung, funktioniert jenseits unserer Person, unseres Geschlechts, unserer Nationalität, unserer sozialen Stellung, ja sogar unabhängig von unserer Religionszugehörigkeit. Paulus weist darauf in seinem Brief an die Römer hin: „Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab“ (2, 14–15). Zu Recht weist der große Immanuel Kant darauf hin, dass ihn das moralische Gesetz in ihm mit ebenso großer Ehrfurcht erfüllt wie der bestirnte Himmel über ihm, und dass beides mit dem Bewusstsein seiner Existenz verknüpft ist. Das Gewissen orientiert sich an etwas jenseits seiner selbst, es ist unser innerer Kompass, der uns dabei hilft, unser Leben auf den Himmel, auf Gott und seine Gebote auszurichten. Es ist somit weder subjektiv noch relativ, sondern, um mit Kant zu sprechen, kategorisch.

Das Gewissen kann irren

Die Tatsache, dass Menschen zu unterschiedlichen Gewissensentscheidungen kommen, widerspricht dem nicht. „Nicht selten jedoch geschieht es, dass das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt“, heißt es in der Enzyklika Gaudium et spes (Art. 16). Das Gewissen kann irren, so wie ein Kompass falsch kalibriert sein kann. Das ändert aber nichts daran, dass sich der Polarstern immer an derselben Stelle befindet.

Die Reihe zu theologischen Denkfehlern wird im nächsten „Credo“ fortgesetzt

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