Christliche Mystik und griechischer Geist: ein fauler Kompromiss?

Eine Fachtagung in Heiligenkreuz befasste sich mit der Lehre Platons und seinem Einfluss auf das theologische Denken. Von Michaela Starosciak

Heiligenkreuz (DT) „Christliche Mystik und das Erbe des Platonismus“, lautete das Thema einer wissenschaftlichen Fachtagung an der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“, die Ende März mehr als hundert Teilnehmer in den Wienerwald lockte. Philosophische Reflexion und die Begrifflichkeit der Metaphysik habe einen wesentlichen Beitrag für die Entwicklung des theologischen Denkens geleistet. Platon hat vorgedacht, was das Christentum vollendet hat. Die abstrakte Vorstellung des Absoluten weiche im Christentum dem Gott, der sich in der Geschichte offenbart, „denn es ist die Religion des fleischgewordenen Wortes“, so der Rektor der Hochschule, Pater Karl Wallner, zu Beginn der Tagung. Die Wahrheit im Christentum sei keine Idee, sondern die Verkörperung der göttlichen Person, Jesus Christus.

Grundsätzlich ist die Philosophie Platons laut dem Bonner Professor Theo Kobusch keine abstrakte Erkenntnistheorie. Vielmehr sei sie die Suche nach dem wahren Selbst und das Erwachen aus der Bewusstlosigkeit des verschlafenen Subjektes, unterstrich Kobusch. Durch Leidenschaften verunstaltet komme der Mensch allein durch die Annäherung an das Göttliche zur Vollendung. Wobei das göttliche Dasein schon in der Tiefe einer jeden menschlichen Innerlichkeit vorhanden sei. In diesem Zusammenhang habe Platon mithilfe des Bildhauergleichnisses die Seele mit einer materiellen Statue verglichen, die vom Selbst bearbeitet werden muss. Die Metaphysik vom inneren Menschen stamme aus der platonischen Tradition und gerade diesen Gedanken greife die Mystik auf. Der spätmittelalterliche Mystiker Meister Eckhart verfasste das „Traktat vom edlen Menschen“, das sich mit der Enthüllung des göttlichen Verborgenen beschäftigt. Eine Differenzierung zwischen philosophischer und christlicher Mystik besteht dennoch.

Im Höhlengleichnis Platons erscheine die Wirklichkeit im Licht der Sonne, führte die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz aus. Es handelt von gefesselten Menschen, die von der Realität ihrer Schattenwelt überzeugt sind. Gelingt es einem der Gefesselten, sich zu befreien, kann er nicht fassen, dass es eine Welt außerhalb der Höhle gibt. Das göttlich Gute, für das die Sonne steht, ist aber durch eine Wahrnehmungsgrenze des Menschen von ihm getrennt. Ebenso wie die Sonne die Grundlage seiner Erkenntnis ist, bleibt sie selber zugleich ungesehen, weil sie den nach Erkenntnis Suchenden blendet. Das Nicht-Begriffene wird so zur Grundlage des Begriffenen. Bei dem Gleichnis werde deutlich, dass es sich bei Platon um eine Ideenlehre handelt, die die Existenz einer unsichtbaren Welt hinter der sichtbaren vertritt, doch zwischen dem Menschen und dem absolut Guten findet keine Begegnung statt. Gregor von Nyssa zufolge kommt es zur Gottesbegegnung, weil „Christus bereits den blinden Höhlenmenschen erschienen ist“, betonte die bekannte Philosophin.

Nach Zisterzienserpater Wolfgang Buchmüller, der die Tagung initiierte, führt der Aufstieg des Geistes aber nur bis zur Schwelle der Unbegreiflichkeit Gottes. Die Mystik von Gregor verband Platons Philosophie mit dem christlichen Gedanken vom Menschen als Abbild Gottes, indem er nicht auf Vereinigung, sondern auf eine Verähnlichung mit Gott zielte. Dabei erlangt der Mensch aber nie die Erfüllung seines Verlangens nach dem Höchsten, denn jede Erfüllung wird zum Ausgangspunkt einer noch tieferen Sehnsucht. Nikolaus von Kues, ein deutscher Theologe und Philosoph des 15. Jahrhunderts, bewahrte eine Distanz zu Platon, dachte Beziehung aber auch platonisch, indem er sagte: „Das Unberührbare wird unberührbar berührt“. Gerl-Falkovitz sieht „Platon durchaus als Vater der abendländischen Mystik, aber das Höhlengleichnis macht deutlich, dass ein inkarnatorisches Moment fehlt“.

Eine Parallele von Platon und Papst Franziskus zog der aus Salzburg stammende und in den Vereinigten Staaten von Amerika lehrende Theologe Michael Waldstein. Beide bemängeln die Unterdrückung der Wesenseigenheiten des Menschen, der die spezifische Fähigkeit besitze, sein Herz auf das Unendliche hin zu öffnen. In seiner Politeia habe Platon schon vor der Ausrichtung des Wissens auf Macht gewarnt, wie dies auch Bergoglio tat, als er sagte: „Das Drama der heutigen Welt ist nicht nur eine Folge der Abwesenheit Gottes, sondern auch und vor allem der Abwesenheit des Menschen.“ Damit bezog er sich zwar besonders auf die technische Macht, die dem Menschen erlaubt, auch einmal „Gott zu spielen“, aber in gleicher Weise auch auf die Fähigkeit zu transzendieren und sein Menschsein wirklich zu leben, wie es Platon ausführt.

Wie bewusst oder unbewusst Platon in das christliche Gedankengut eingegangen ist, stellte der Philosophiehistoriker Rolf Schönberger aus Regensburg dar. Der Nicht-Platoniker Thomas von Aquin habe gar nicht geahnt, wie platonisch er war. Denn damals waren die Schriften von Platon noch nicht so verbreitet, wodurch häufig nur ein lückenhaftes Bild von ihm entstehen konnte. So habe Thomas viele Einwände gegen die platonische Seelenlehre gehabt, aber auch seine Begriffe an vielen Stellen verwendet, ohne es zu wissen. Die christliche Theologie habe sich im Licht der griechischen Philosophie entwickelt, und tue es noch immer. Das Erbe Platons wirke fort.

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