Christi Gestalt freilegen

Eine Tagung über Guardinis „Vom Geist der Liturgie“ in Stift Heiligenkreuz. Von Gudrun Trausmuth
Blick auf das Stift Heiligenkreuz
Foto: DB Christian Fürst (dpa) | Blick auf das Stift Heiligenkreuz, aufgenommen im Mai 2007 im Wiener Wald. Das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz ist eines von 30 österreichischen Stiften und wurde im Jahr 1133 vom Heiligen Leopold von Österreich ...

Romano Guardini (1885–1968), dessen Seligsprechungsprozess am 16. Dezember eröffnet wird, gilt als einer der bedeutenden Denker des 20. Jahrhunderts. Wie Guardini-Biographin und Vorstand des EUPHRat-Instituts Hanna Barbara Gerl-Falkovitz ausführte, bedeutete das Jahr 1920 eine Wende für Guardini, den Beginn der Arbeit mit der katholischen Jugendbewegung Quickborn auf Burg Rothenfels, was der Priester als seine „innerste Profession“ empfand. Es müsse auch einmal „laut gesagt werden“, so Gerl-Falkovitz, dass Guardini für die Nazis eine ungeheuer gefährliche Person gewesen sei, weil er so zentral für jene junge Generation war, die dann nach der Katastrophe des Dritten Reichs, als Erwachsene, neue geistige und politische Wege für Deutschland spuren sollte. Der Grazer Theologe Philipp Harnoncourt, der 1952/53 als Student Guardini sowohl in München als auch auf Rothenfels erlebte, bezeugte die Strahlkraft Guardinis aus persönlicher Erfahrung: „Er hat mein Denken und Glauben geprägt.“

Wesentlich für Guardini war ein Arbeiten zwischen und über den Disziplinen und ein Hereinnehmen verschiedenster Ansätze in sein Denken. Auch Guardinis liturgiewissenschaftliches Arbeiten geschah in diesem Geist; vielleicht liegt darin das Geheimnis der Anziehungskraft seiner Texte, ihre Zugänglichkeit und die Meisterschaft einer zugleich glasklaren wie farbigen, sensiblen wie bildgewaltigen Sprache. Wie Stefan K. Langenbahn aus Maria Laach in seinem Vortrag „Neue Forschungen zur Entstehungsgeschichte und zum Adressaten des Werkes „Vom Geist der Liturgie“ ausführte, „spräche wenig dagegen, die Entstehung von ,Vom Geist der Liturgie‘ bereits im November/Dezember 1906 beginnen zu lassen“, als nämlich Guardini mit seinem Freund Josef Weiger in Beuron Liturgie in einer geradezu mystischen Weise erlebte, was Guardinis „lebenslanges Nachdenken über Liturgie auslöste“.

Langenbahn führte aus, wie eng die Entstehung des im Januar 1918 zum Druck vorgelegten Werkes mit dem Maria Laacher Benediktiner Kunibert Mohlberg und dem dortigen Abt Ildefons Herwegen zusammenhing und zitierte aus Guardinis Erinnerungen „Berichte über mein Leben“: „Damals wurde in Laach die Frage einer Reihe allgemein verständlicher Veröffentlichungen über liturgische Dinge erörtert und es kam zur Gründung der Sammlung ,Ecclesia orans‘. Meine Kapitel aber wurden, als sie die nötige Zeit erreicht und sich zu einem Ganzen abgerundet hatten, als erstes Stück der Reihe genommen und erhielten den oben genannten Titel ,Vom Geist der Liturgie‘.“

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz stellte in ihrem Vortrag „Leibhaftes Spiel. Zur Anthropologie der Liturgie“ dar, dass in der Liturgie hinsichtlich der Dimension des Leibes nicht nur ein Spannungsgefüge von Innen und Außen (der Leib „äußere das Innere“) existiere, sondern ein Zug auch nach „Oben“ hin („Sursum corda!“). Der Leib sei in der Liturgie performativ: „Was gesagt wird, ist zugleich Wirklichkeit.“ Liturgie bei Guardini, so Gerl-Falkovitz, sei vom Vorrang des Gedanken gegenüber dem Gefühl geprägt: Liturgie spiele die Wirklichkeit Gottes und sei bestimmt vom Eintritt in die göttliche Wahrheit. Der Einzelne sei dabei von einer Tiefenströmung getragen: „Das große Wir der Kirche ist selbstverständlicher Grund des Betens.“ Nach Guardini sei Liturgie „leibhaftes Spiel dessen, was den Menschen zutiefst angeht und wo er andernorts keine Sprache habe“.

Der neue Studiendekan der Hochschule Heiligenkreuz, Pater Kosmas Thielmann, schloss mit Überlegungen zu „Logos vor Ethos? Ein Blick auf weitreichende Folgen, über Liturgie hinaus“ an: Im letzten Kapitel von „Vom Geist der Liturgie“ führt Guardini den Primat des Logos vor dem Ethos aus; Thielmann zeigte demgegenüber auf, dass heute die Faustische Formel „Am Anfang ist die Tat“ vielfach einen Anspruch an die Liturgie bestimme und eben nicht zuerst gelte „Am Anfang ist die Wahrheit“. Der Zisterzienser skizzierte die doppelte Gefahr, einerseits die Absichtslosigkeit der Liturgie zu verkennen und zu sittlichen Appellen zu kommen, und andererseits die Gefahr einer Ästhetisierung der Liturgie. Thielmann wandte sich Ratzingers Deutung von Guardinis 1923 erschienenem „Gespräch vom Reichtum Christi“ zu, das in der Erkenntnis mündet: „Unendlich kostbar ist jeder Zug der Evangelienwirklichkeit, aber wir sehen sie nur richtig im Licht der wesenhaften Wahrheit, wie sie aus der Ewigkeit durch die Kirche zu uns spricht.“ Nach einem Blick auf die „partizipative Theonomie“ von Johannes Paul II. als Überschreiten des Gegensatzes zwischen autonomer und heteronomer Moral, kehrte Thielmann zu Guardini zurück, der sich „für einen Primat der Wahrheit, aber in Liebe“ ausgesprochen habe.

Der Berliner Theologe Markus Zimmermann brachte im Folgenden Guardinis Text mit Benedikt XVI. und Papst Franziskus in Zusammenhang: Ratzingers Text „Der Geist der Liturgie“ fuße in vielem auf Guardinis Text, führe ihn zum Teil aber völlig anders weiter. Ratzinger, so Zimmermann, leiste einen „dogmatischen Durchblick durch die liturgische Gestalt“. Von Papst Franziskus liege noch kein wesentlicher liturgischer Text vor, es sei aber eine gewisse Verlagerung von theologischer Rationalität in Richtung einer barmherzigen Mystik feststellbar.

Pater Philemon Dollinger, Zisterzienser des von Heiligenkreuz neu besiedelten Zisterzienserklosters Neuzelle, sprach über „Gotteswort in Menschenwort“ und wandte sich einem Brieftext Guardinis „an einen jungen Freund“ zu, der über das Predigen handelt. Homiletik gehöre zur Mitte des Denkens Guardinis, führte Dollinger aus, es gehe Guardini immer um ein Freilegen der Gestalt Christi durch alle Verdunklungen hindurch, was er von der Kanzel und im Hörsaal unternommen habe. Der Anspruch „Ganz, ganz aus dem Herzblut der Kirche leben“, gelte auch für Guardinis Predigt.

Pater Johannes Paul Chavanne OCist, Assistent des Rektors der Hochschule und kürzlich im Fach Liturgiewissenschaft promoviert, skizzierte im Folgenden Antworten Romano Guardinis auf die Frage „Was ist systematische Liturgiewissenschaft?“ Für Guardini sei Liturgie objektiv verbindliches Geschehen im Heiligen Geist. Das Ziel der Liturgiewissenschaft seien nicht Riten und Abläufe, sondern ein Verstehen der Kirche und ihres Glaubens von der Liturgie her. Dieser „liturgischen Theologie“ gehe es um ein Durchdringen des übernatürlich Mitgeteilten, um theologische Erkenntnis.

Die Tagung schloss mit Reflexionen über „Liturgie und Seele. In welche Tiefen führt Liturgie?“ von Pater Bernhard Vosicky, Liturgiewissenschaftler der Hochschule Heiligenkreuz. Vosicky legte seinen Ausführungen Guardinis Reflexionen über das Weihwasser zugrunde: Die Kirche habe „das Wasser rein gemacht von den dunklen Gewalten, von Mächten und Gewalten der Finsternis, die in diesem Wasser schlummern, und dies ist kein leeres Wort“; nun sei das gesegnete Wasser Gnadenmittel. Anhand eines Gedichts von Karol Wojtyla, vermittelte Vosicky das Wasser als Bild für die menschliche Seele: Bei der Begegnung am Jakobsbrunnen verschmelzen in der größten Tiefe die Seelen Jesu und der Samariterin ineinander. Liturgie führe die Seele in der Taufe und in der Beichte in diese tiefste Tiefe, legte Vosicky weiter aus; nur Christus habe im Letzten Zugang zum Eigentlichen des menschlichen Daseins: „Will einer dorthin sprechen, muss er durch ihn kommen, durch den Menschensohn.“

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