Charismatische Figur des sudetendeutschen Katholizismus

Festakt zum 100. Geburtstag von Pater Paulus Sladek in München

München (DT) „Not ist Anruf Gottes“ ist der Titel einer Festschrift zum Wirken des Flüchtlings- und Vertriebenenseelsorgers Paulus Sladek, der die sudetendeutsch-katholische Ackermann-Gemeinde im Jahre 1946 gemeinsam mit dem bayerischen Landespolitikerpolitiker Hans Schütz gründete. Am 28. Januar 2008 wäre der Augustinerpater Sladek 100 Jahre alt geworden. Daher lud die Ackermann-Gemeinde am Montag Abend zu einem Festakt ins Sudetendeutsche Haus nach München ein.

Als Ehrengast sprach der junge tschechische Historiker Jaroslavebek aus Prag über die „Sudetendeutschen Katholiken in turbulenten Zeiten“. Als Spezialist der jüngeren Kirchengeschichte Böhmen und Mährens arbeitetebek in der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag. Sein Vortrag ging vor allem auf die turbulenten Zwischenkriegsjahre ein, die in der Tschechischen Republik allgemein als die „Erste Republik“ bezeichnet wird. Diese Zeiten prägten Paulus Sladek tief. Als Mitbegründer der Ackermann-Gemeinde predigte und lebte er Versöhnung – trotz aller nationalen Paradigmen. Als engagierter Priester und Seelsorger stand er vielen der Vertriebenen und Flüchtlingen in ihrer Not gerade in den ersten Jahren der Nachkriegszeit bei und bewahrte sie so vor Hass.

Während des Festaktes würdigte der Benediktinerpater Angelus Waldstein aus Ettal den Aufbau der „Kirchlichen Hilfsstelle“ in München als erste Anlaufstelle für die Heimatvertriebenen und die Ackermann-Gemeinde als „bergenden Freundeskreis“ als „das“ Werk von Paulus Sladek.

Das Leben Pater Sladeks war schon seit früher Jugend an mit dem Schicksal der sudetendeutschen Gläubigen verbunden, soebek. In der Nähe des nordböhmischen Leitmeritz (heute: Litomice) als Friedrich Sladek geboren, wuchs er in Böhmisch Leipa (heute:eská Lípa) auf, wo er 1920 mit dem neugegründeten Bildungs- und Wanderbund „Staffelstein“ in Berührung kam. Ihren Namen bezogen die „Staffelsteiner“ aus Viktor Scheffels Frankenlied, sie waren das deutschböhmische Pendant des im Deutschen Reich vorhandenen katholischen Jugendbundes „Neudeutschland“. Die Situation der Katholiken in der Ersten Republik war sehr kompliziert, weil sie sich einer stetig anwachsenden Säkularisierung und moralischen Krise gegenüber sahen. Außerdem kam, soebek, die antikatholische Welle immer offensichtlicher zum Tragen und kam in der Tschechoslowakei in Mitteleuropa am stärksten zum Ausdruck. Allerdings verbanden sich die Katholiken unterschiedlicher Nation nicht, um ihre Positionen im tschechoslowakischen Staat und der Öffentlichkeit deutlich zu machen, sondern verharrten in nationalen katholischen Vereinigungen.

Seit Gründung der Ersten Republik am 28. Oktober 1918 prägten zwei Phänomene den sudetendeutschen Katholizismus: die sogenannte „geistliche Wiedergeburt“, die der Säkularisierung und Materialisierung des Lebens entgegenwirkte und die nationale Dimension im kirchlichen Bereich, soebek. Bedeutend sei in diesem Zusammenhang das Schlagwort „Volkstum und Glaube“ wie es der intellektuelle Vorreiter des sudetendeutschen Katholizismus Eduard Winter in den 20-er Jahren formulierte. Für den Prager Professor für Kirchengeschichte an der theologischen Fakultät waren diese beiden Begriffe keine Gegensätze, sondern konnten verbunden werden.

Als Novize im fränkischen Münnerstadt und beim Theologiestudium in Prag war Sladek aufgeschlossen den volksliturgischen Bewegungen, die der aus Mähren stammende Augustinerchorherr Pius Parsch im österreichischen Stift Klosterneuburg prägte. Ursprünglich entstand die „liturgische Bewegung“ mit dem Wunsch nach einem besseren Verständnis und würdigeren Zelebration der Liturgie, bekannt wurde sie jedoch vor allem durch den Einsatz der Volkssprache in der Messe.

Am 28. Juni 1931 empfing er die Priesterweihe und wurde nach Kaplansjahren in Böhmisch Leipa in Prag promoviert, dann habilitiert und Dogmatikprofessor. Der tschechische Historikerebek betonte die „charismatische Erscheinung“ Sladeks, unter dessen Einfluß sich in Prag intellektuelle katholische Eliten heranbildeten, die das sudetendeutsch-katholische Denken in der Zwischenkriegszeit bis in die Nachkriegszeit prägten. Darunter befänden sich „Persönlichkeiten wie Franz Lorenz, Eugen Lemberg, Hans Schmidt-Egger, Hans Nittner oder auch der langjährige Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, Josef Stingl“.

Mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland und des ständig zunehmenden Einflusses der Sudetendeutschen Partei in der Tschechoslowakei wurde auch das katholische Milieu immer mehr in die nationalistischen Wirren hineingerissen. Die sich steigernden Dissonanzen zwischen tschechischen und sudetendeutschen Katholiken machten auch vor Ordensgemeinschaften und Priesterseminaren keinen Halt, soebek. Mit dem Münchener Abkommen im Jahr 1938 gipfelte die Konfrontation und Zerrissenheit in der deutsch-tschechischen Koexistenz auch auf kirchlichem Gebiet. Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden kirchliche Schulen geschlossen, ebenso das Jesuitenseminar in Mariaschein und der Unterricht an theologischen Fakultäten wurde massiv eingeschränkt.

Die Erfahrungen als Sanitätssoldat im Zweiten Weltkrieg und bei der Vertreibung der Sudetendeutschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges prägten Sladeks zweite Lebenshälfte. Aber auch in der Not sah er einen Anruf Gottes, wie er selbst schrieb. Den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen galt fortan sein ganzes Engagement in seiner neuen Heimat Bayern. Als Flüchtlings- und Vertriebenenseelsorger und 35 Jahre als geistlicher Beirat der Ackermann-Gemeinde stand er an der Spitze derer, die trotz der leidvollen Erfahrungen und des Kalten Krieges auf einen deutsch-tschechischen Dialog setzten. Legendär wurde seine Predigt am 5. August 1955 auf dem Dreisessel an der bayerisch-tschechischen Grenze, als er im Namen seiner Landsleute um Verzeihung für das den Tschechen angetane Unrecht bat. Der Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde, Adolf Ullmann, fasste dies beim Festakt mit den Worten zusammen: „Versöhnung beginnt nicht mit Schuldzuweisung, sondern mit Schuldeingeständnis wie es uns Pater Paulus Sladek lehrte.“

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