Brücken zwischen Gott und Mensch

Diskussionsforum anlässlich des Ludgerus-Jahres in Essen: „Heiligenverehrung ökumenisch“

Essen-Werden (DT) Im vollbesetzten Saal des evangelischen Gemeindezentrums „Haus Fuhr“ in Essen-Werden haben sich am Dienstagabend evangelische und katholische Christen zu einem Podiumsgespräch über ein Thema getroffen, zu dem beide Konfessionen unterschiedliche Zugänge haben: „Heiligenverehrung ökumenisch“ – so der Titel des Forums.

Eingeladen hatte die Katholische Akademie im Bistum Essen „Die Wolfsburg“ anlässlich der Ludgerus-Festwoche im Gedenkjahr zum 1 200sten Todestag des heiligen Missionars und Klostergründers Liudger. Und so diskutierten der katholische Propst in Werden, Johannes Kronenberg, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, sowie Karlheinz Peter, ehemaliger evangelischer Pfarrer in Werden, zusammen die Frage, inwieweit es heute eine Annäherung beider Konfessionen beim Thema Heiligenverehrung geben kann – und bereits gibt.

Der Diplomtheologe Dirk Ansorge, Referent an der „Wolfsburg“ und Moderator dieses Podiums, verwies eingangs auf eine Passage aus dem Katechismus der katholischen Kirche von 1993: „Die Zeugen, die uns in das Reich Gottes vorausgegangen sind, betrachten Gott, loben ihn und sorgen unablässig für jene, die sie auf Erden zurückließen ... Ihre Fürbitte ist ihr höchster Dienst an Gottes Ratschluss. Wir können und sollen sie bitten, für uns und die ganze Welt einzutreten.“

Luther verehrte Maria

Zugleich wies Ansorge darauf hin, dass auch Martin Luther, großgeworden im katholischen Brauchtum, in den ersten Jahren nach Veröffentlichung seiner Thesen von 1517 gerade an der Marienverehrung festgehalten und dazu aufgerufen habe, „alle Heiligen und Schutzengel anzurufen“. Erst später habe Luther teilweise gegen die damals herrschende Praxis in der katholischen Kirche polemisiert.

Die evangelische Sicht findet in dem – durch Vermittlung des um Verständigung bemühten Philipp Melanchthon zustande gekommenen – „Augsburger Bekenntnis“ von 1530 ihren Ausdruck. Im Artikel 21 wird dazu aufgerufen, der Heiligen zu gedenken, „damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen.“

Heilige sind also – aus katholischer wie auch aus evangelischer Sicht – zunächst und vor allem Vorbilder im Glauben und in der christlichen Lebenspraxis. Das machte Johannes Kronenberg beispielhaft an der Person des heiligen Liudger deutlich, der für alle Christen in Werden von großer Bedeutung sei: Durchdrungen von der Liebe Gottes und dem Wunsch, dass viele Menschen an der Frohen Botschaft Christi und der Gemeinschaft der Glaubenden teilhaben sollten, habe der in Utrecht geborene und in England ausgebildete Sohn eines friesischen Adelsgeschlechts in den sächsischen Missionsgebieten das Evangelium verkündet. „Liudger war ein bedeutender Glaubenszeuge“, unterstrich der Propst. „Und wenn ein solcher Zeuge, beseelt von der Liebe Gottes, uns zum Vater vorangegangen ist, dann ist es doch tröstlich, ihm meine Sorgen und Nöte anvertrauen zu können, damit er bei Gott für mich eintrete. Das bezeichnen wir aus katholischer Sicht als Fürbitte.“

Entscheidend sei, so Kronenberg, dass es im Kern der Heiligenverehrung immer um Beziehungen gehe. Denn: „Mit dem physischen Tod eines Menschen endet – aus christlicher Perspektive – nicht meine innere Beziehung zu ihm. Verstorbene werden ja nicht einfach vergessen, nur weil sie nicht mehr körperlich anwesen sind.“ Von daher könne ein gläubiger Mensch eine Beziehung zu einem verstorbenen Heiligen entfalten, ohne dass darum von Christus – als Zentrum des christlichen Glaubens – abgelenkt werde. Im Kern gehe es um die Communio, die Gemeinschaft aller Gläubigen – Lebende und Verstorbene. „In den Heiligen wird Gottes Geist in besonderer Weise lebendig.“

Die katholische Kirche, hob der Propst hervor, sei stets bemüht gewesen, der Gefahr von Auswüchsen bei der Heiligenverehrung entgegenzuwirken. So habe auch das Konzil von Trient (1545–1563) darauf hingewiesen, dass die „Heiligenverehrung gut und nützlich, aber nicht heilsnotwendig sei“. In der katholischen Liturgie würden die Heiligen bei zentralen Anlässen im Leben eines Menschen – unmittelbar vor der Taufe und vor der Priesterweihe – angerufen. „Wenn ich mich mit einer Fürbitte an einen Heiligen wende – auch das ist ein evangelisches Missverständnis, dann bedeutet das nicht, Gott etwas vorzuschreiben, ihn geradezu zwingen zu wollen, meinen Wunsch zu erfüllen. Sondern ich zeige im Bittgebet nur meine Überzeugung, dass es Menschen gibt, die sich mit meinen Ängsten und Nöten solidarisieren und meine Bitte vor Gott tragen.“ Der Gedanke der Solidarität, des Verstehens und Mitfühlens sei ein wesentlicher Kern der Heiligenverehrung und komme im Bittgebet zum Ausdruck.

Demgegenüber verdeutlichte Präses Schneider die evangelische Sicht: Für evangelische Christen sei die katholische Sichtweise von Heiligen als Fürsprecher problematisch. „Wir neigen eher der paulinischen Sicht zu. Paulus leitet ja einen seiner Briefe an die Gemeinde von Korinth mit der Anrede ein: ,An die Heiligen von Korinth...‘. Und in dieser Gemeinde – da können wir sicher sein – fanden sich sehr unterschiedliche Menschen: vorbildliche und weniger vorbildliche.“ Grundsätzlich also, das mache Paulus sehr deutlich, seien alle Christen zur Heiligkeit berufen – unabhängig von ihrer letztendlichen Lebensleistung. Eine unterschiedliche Wertigkeit, eine Art „Hierarchie der Heiligen“, festzulegen – eine solche Perspektive sei evangelischen Christen darum fremd. „Wo wir aber mit Katholiken übereinstimmen: Heilige, Glaubenszeugen vergangener Zeiten, sind auch für uns eine Brücke zwischen Mensch und Gott – diese Dimension können wir auch als evangelische Christen akzeptieren. Und in diesem Sinne erscheint dann sogar der Begriff der Fürbitte nicht mehr unangemessen.“ Nicht Fürsprache – im Sinne einer besonderen Hervorhebung eines Heiligen – aber Fürbitte als Ausdruck einer Gemeinschaft der Christen.

Zur Prozession kommen alle

In Werden hat sich im Laufe der Jahre eine gemeinsame Praxis des Gedenkens an Liudger herausgebildet. Einmal im Jahr, am ersten Septemberwochenende, wird der Schrein mit den Gebeinen des Heiligen in einer Prozession durch den Essener Stadtteil getragen. Seit 1995 gibt es auch eine Statio im Park vor der evangelischen Kirche: Die Prozession mit dem Schrein hält dort an – die evangelische Gemeinde kommt heraus, schließt sich der Gemeinschaft an. „Liudger als Glaubensbote, der das Evangelium in unserer Region gesät hat, gehört zu unserer gemeinsamen Vergangenheit als Christen“, sagte der evangelische Pfarrer Karlheinz Peter. „Wir empfinden Dankbarkeit für sein Lebenswerk – ebenso wie für das Glaubenszeugnis so vieler anderer bedeutender Menschen.“ Und dann erinnerte Pfarrer Peter an ein Ereignis vor 150 Jahren, als am Ludgerus-Sonntag des Jahres 1859 der damalige evangelische Pfarrer in einer Ansprache zum Gedenken an den „frommen Glaubensbruder Ludgerus“ aufgerufen habe. Damals schon habe der Pfarrer seine Gemeinde zur Dankbarkeit gegenüber den „katholischen Brüdern und Schwestern“ ermahnt – wegen ihrer vielfältigen „Liebesdienste“ bei den Vorbereitungen des Festes.

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