Botschaften als Pforten zu Christus

Muss ein Katholik an die Marienerscheinungen von Fatima glauben? Die Richtlinien der Kirche über die Bedeutung prophetischer Botschaften. Von Manfred Hauke
Foto: dpa | Was an einer Privatoffenbarung dran ist, zeigt sich daran, ob sie dem Willen des Erlösers entspricht. Die Aufnahme zeigt Fatimapilger vor einem Kreuz.

Ohne prophetische Offenbarung verwildert das Volk; wohl ihm, wenn es die Lehre bewahrt.“ Mit diesem Kernsatz kennzeichnet das Buch der Sprüche (29, 18) die lebenswichtige Bedeutung der Propheten. Aufgabe eines Propheten ist es, die Botschaft Gottes mitzuteilen, die zuvor durch eine Offenbarung (durch Vision oder Audition) empfangen wurde. Der prophetische Dienst, übernommen von Männern und Frauen, setzt ein besonderes Einwirken des Heiligen Geistes voraus, das unsere Aufmerksamkeit einfordert. Paulus schreibt dazu: „Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetische Reden nicht! Prüft alles, und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5, 19–21).

Die göttliche Offenbarung in Jesus Christus ist bereits ergangen und vom Wesen her abgeschlossen mit dem Ende der apostolischen Zeit. Das den Aposteln anvertraute Glaubensgut ist zwar der Reifung und Ausfaltung bedürftig, braucht aber als solches keine inhaltliche Ergänzung. Denn was könnte noch hinausgehen über die Offenbarung Gottes in Jesus Christus? Der Hebräerbrief schreibt: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn …“ (Hebr 1, 1f). Der heilige Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz kommentiert diese Schriftstelle folgendermaßen: Was Gott „einst stückweise den Propheten sagte, das hat Er ganz ausgesprochen, da Er uns das Ganze gab in seinem Sohn. Wer demnach jetzt noch Gott befragen oder irgendeine Vision oder Offenbarung wünschen wollte, beginge nicht nur eine Torheit, sondern fügte Gott eine Beleidigung zu, da er die Augen nicht ganz auf Christus richtet, ohne etwas anderes oder Neues zu verlangen“ (Aufstieg auf den Berg Karmel, III, 22, 5). Die göttliche Offenbarung ist also abgeschlossen, weil Gott sich in Jesus Christus selbst vollkommen geoffenbart hat. Über den menschgewordenen Sohn Gottes hinaus kann nichts wirklich Neues mehr kommen.

Die Gnadengabe der Prophetie erlischt freilich nicht mit der Offenbarung in Jesus Christus, sondern gehört zum Weg der Kirche bis ans Ende der Welt. Die prophetischen Botschaften bereiten allerdings nicht mehr das Christusereignis vor (wie im Alten Testament), sondern bringen es zur Geltung. Gängigerweise unterscheiden die Theologen die „allgemeine“ oder „öffentliche“ Offenbarung von der „besonderen“ oder „privaten“ Offenbarung“. „Allgemeine Offenbarung“ meint die göttliche Botschaft, die für die gesamte Kirche aller Zeiten gilt; diese Offenbarung ist abgeschlossen mit dem Wirken Jesu auf Erden. Eine göttliche Offenbarung, die von der Kirche als solche vorgelegt wird, wird auch als Dogma bezeichnet, als Lehre, die zum Glaubensschatz gehört. „Privatoffenbarung“ meint dagegen, dass die göttliche Botschaft sich an einen beschränkten Empfängerkreis wendet, zum Beispiel an eine Einzelperson, eine Gruppe oder auch an die gesamte Kirche in einer besonderen Situation ihres geschichtlichen Weges. Das Eigenschaftswort „privat“ meint hier nicht unbedingt ein bloß persönliches Interesse, das mit der Gemeinschaft der Kirche nichts zu tun hätte, sondern unterstreicht nur den Unterschied zur allgemeinen Offenbarung. Thomas von Aquin schreibt: die prophetischen Botschaften nach der apostolischen Zeit werden nicht gegeben, „um eine neue Glaubenslehre vorzubringen, sondern zur Lenkung der menschlichen Unternehmungen“ (STh II–II q. 174 a. 6 ad 3).

In diesen Rahmen sind auch die Marienerscheinungen anzusetzen. Sie bringen keine neue Glaubenslehre, sondern rufen in Erinnerung, was wir aus Schrift und Überlieferung längst wissen sollten, und geben eine Wegweisung für die konkrete geschichtliche Situation. Nehmen wir als Beispiel die Botschaften der Gottesmutter an die Seher von Fatima: Die „Höllenvision“ erinnert an das Gebet für die Bekehrung der Sünder und die schreckliche Wirklichkeit, dass viele Seelen auf ewig verlorengehen, weil sie unbekehrt in der schweren Sünde sterben; die Gefahr der ewigen Verdammnis wird heute allerdings so oft verleugnet, dass die Erinnerung von Seiten Mariens überaus hilfreich ist. Was die „Lenkung der menschlichen Unternehmungen“ anbetrifft (um die Formulierung des hl. Thomas zu gebrauchen), so ermuntert Maria ganz konkret unter anderem zum Gebet des Rosenkranzes und zur Weihe an ihr Unbeflecktes Herz. Dabei wird wenige Monate vor der Oktoberrevolution die Bedeutung Russlands hervorgehoben, um dessen Bekehrung gebetet werden soll. Das Einwirken Mariens ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Hilfe einer Mutter bei den Hausaufgaben ihres schulpflichtigen Kindes: Der Lehrer hat ganz bestimmte Hausaufgaben gestellt, aber am Nachmittag hat das Kind andere Dinge im Kopf; es macht sich erst dann an die Arbeit, wenn die Mutter fragt: „Hast Du schon Deine Hausaufgaben gemacht?“ Prophetische Botschaften und Marienerscheinungen dürfen nicht leichtgläubig aufgenommen werden. Es ist Aufgabe der kirchlichen Autorität, vor allem des zuständigen Bischofs, über die Glaubwürdigkeit eines solchen Phänomens zu urteilen.

Der bekannte Kanonist Prosper Lambertini und spätere Papst Benedikt XIV. schreibt in seinem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Standardwerk über die Prozesse der Seligsprechung und Heiligsprechung: „Solchen Offenbarungen, auch wenn sie (von der Kirche) approbiert sind, dürfen und können wir keine Zustimmung des katholischen Glaubens geben, sondern nur eine Zustimmung menschlichen Glaubens nach den Regeln der Klugheit, welche unterscheiden, ob die genannten Offenbarungen … glaubwürdig sind“ (De servorum Dei beatificatione 2, 32, 11). „Katholischer“ Glaube bedeutet hier die Zugehörigkeit zum Glaubensschatz der Kirche.

„Menschlicher Glaube“ dagegen meint ein Urteil der Klugheit, das sich auf glaubwürdige Zeichen und Zeugen berufen kann. Er begründet eine echte Gewissheit, ist aber formal nicht gleichzusetzen mit der göttlichen Tugend des Glaubens, die von Gott selbst geschenkt wird und sich auf ihn selbst unmittelbar bezieht.

Als katholische Christen sind wir also nicht verpflichtet, an Marienerscheinungen zu glauben. Wohl dürfen wir sie dankbar als Hilfe für unser Glaubensleben annehmen, wenn die Kirche sie als glaubwürdig anerkannt hat. Das gilt besonders dann, wenn eine prophetische Kundgabe der Gottesmutter in der Liturgie der Weltkirche rezipiert wird, wie die Erscheinungen von Guadalupe, Lourdes und Fatima. In diesem Fall mag es ratsam sein, anstelle von „Privatoffenbarung“ (die als bloße „Privatsache“ missverstanden werden kann) eher von „speziellen“ oder „partikulären“ Offenbarungen zu sprechen im Unterschied zur „allgemeinen Offenbarung“. Das Konzil von Trient spricht von „revelatio specialis“ (vgl. DH 1540; 1566).

In seinem Schreiben nach der Bischofssynode über das Wort Gottes geht Papst Benedikt XVI. auch auf die Bedeutung der „Privatoffenbarungen“ ein. Dabei schreibt er: „Der Wert der Privatoffenbarungen ist wesentlich unterschieden von der einzigen öffentlichen Offenbarung: Diese fordert unseren Glauben an, denn in ihr spricht durch Menschenworte und durch die Vermittlung der lebendigen Gemeinschaft der Kirche hindurch Gott selbst zu uns. Der Maßstab für die Wahrheit einer Privatoffenbarung ist ihre Hinordnung auf Christus selbst. Wenn sie uns von ihm wegführt, dann kommt sie sicher nicht vom Heiligen Geist, der uns in das Evangelium hinein- und nicht aus ihm herausführt. Die Privatoffenbarung ist eine Hilfe zu diesem Glauben, und sie erweist sich gerade dadurch als glaubwürdig, dass sie auf die eine öffentliche Offenbarung verweist. Die kirchliche Approbation einer Privatoffenbarung zeigt daher im wesentlichen an, dass die entsprechende Botschaft nichts enthält, was dem Glauben und den guten Sitten entgegensteht; es ist erlaubt, sie zu veröffentlichen, und den Gläubigen ist es gestattet, ihr in kluger Weise ihre Zustimmung zu schenken. Eine Privatoffenbarung kann neue Akzente setzen, neue Weisen der Frömmigkeit herausstellen oder alte vertiefen. Sie kann einen gewissen prophetischen Charakter besitzen (vgl. 1 Thessalonicher 5, 19–21) und eine wertvolle Hilfe sein, das Evangelium in der jeweils gegenwärtigen Stunde besser zu verstehen und zu leben; deshalb soll man sie nicht achtlos beiseiteschieben. Sie ist eine Hilfe, die angeboten wird, aber von der man nicht Gebrauch machen muss. Auf jeden Fall muss es darum gehen, dass sie Glaube, Hoffnung und Liebe nährt, die der bleibende Weg des Heils für alle sind“ (Verbum Domini 14).

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