Bischof von Südarabien: Lage im Jemen „prekär“

400 000 Cholera-Verdachtsfälle in drei Monaten – 80 Prozent der Kinder auf sofortige humanitäre Hilfe angewiesen

Zürich/Abu Dhabi (DT/KAP) Der für Südarabien zuständige katholische Bischof Paul Hinder (75) hat auf die dramatische Lage im Jemen aufmerksam gemacht. Das Gesundheitssystem sei „kriegsbedingt weitgehend zusammengebrochen“ und auch die Ernährungssituation in vielen Teilen des Landes „prekär“, sagte er in einem Interview mit dem Schweizer katholischen Nachrichtenportal „kath.ch“ am Wochenende. Der weiteren Ausbreitung der aktuellen Cholera-Epidemie im Jemen sei unter diesen Bedingungen kaum Grenzen gesetzt. Der Schweizer Kapuziner Hinder ist Apostolischer Vikar des Südlichen Arabien mit Sitz in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Sein Zuständigkeitsbereich umfasst mit den Emiraten, Oman und Jemen einen der flächengrößten katholischen Verwaltungsbezirke weltweit. Er selbst könne derzeit nicht in den Jemen reisen und müsse die Kontakte dorthin telefonisch aufrechterhalten, berichtete er in dem Interview. Es sei zum einen „technisch schwierig, ins Land zu gelangen“, so der Bischof: „Zweitens möchte ich weder der Kirche noch dem zuständigen Schweizer Botschafter eine mögliche Entführung zumuten.“

Hilfe für die Menschen im Jemen leisteten in diesen Tagen das Internationale Rote Kreuz oder die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, berichtete Hinder. Die Kirche sei aufgrund der aktuellen Situation nicht in der Lage, substanziell vor Ort aktiv zu werden. Die einzige Möglichkeit, in bescheidenem Rahmen Notleidenden Unterstützung zukommen zu lassen, bestehe kirchlicherseits über die „Schwestern von Mutter Teresa“ (Missionarinnen der Nächstenliebe), die nach wie vor in der Hauptstadt Sanaa und in Hodeidah tätig sind. Neben der „Solidarität im Gebet“ achte er darauf, „dass der Konflikt im Jemen öffentlich nicht vergessen geht“, so der Bischof.

Dramatische Cholera-Epidemie

Im Jemen, dem ärmsten Land der arabischen Halbinsel, liefern sich seit Jahren schiitische Huthi-Rebellen und die sunnitisch geprägte Zentralregierung einen Machtkampf. Seit 2015 beteiligt sich auch Saudi-Arabien mit Luftangriffen gegen die Rebellen. Unterstützung für Saudi-Arabien kommt aus weiteren arabischen Staaten sowie den USA, Großbritannien und Frankreich.

Die aktuelle Cholera-Epidemie im Jemen bezeichneten die Vereinten Nationen vor wenigen Tagen als den „schlimmsten Cholera-Ausbruch der Welt inmitten der größten humanitären Krise der Welt“. Allein in den vergangenen drei Monaten seien 400 000 Cholera-Verdachtsfälle und rund 1 900 Todesfälle verzeichnet worden, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung des UN-Kinderhilfswerks Unicef, des Welternährungsprogramms WFP und der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Während des Kriegs seien zahlreiche Krankenhäuser zerstört worden, Millionen Menschen hätten keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Dies seien die „idealen Voraussetzungen“ für die Ausbreitung von Krankheiten. Zudem hätten mehr als 30 000 Angestellte im Gesundheitssektor seit mehr als zehn Monaten kein Gehalt mehr erhalten. Die Vereinten Nationen riefen die Regierung im Jemen auf, sie zu bezahlen. Vielen Menschen, die durch ihre Hilfe überleben könnten, drohe sonst der Tod, hieß es.

Zugleich stehe das Land am Rande einer Hungersnot. Mehr als zwei Millionen Kinder seien akut unterernährt und damit besonders anfällig für Cholera und andere Krankheiten. Rund 80 Prozent aller Kinder im Jemen seien auf sofortige humanitäre Hilfe angewiesen.

Die UN-Agenturen appellierten an die internationale Gemeinschaft, ihre Unterstützung für den Jemen zu verdoppeln. Die Regierung des Landes forderten sie auf, humanitären Helfern den Zugang zu gewähren und alles für eine politische Lösung des Konflikts zu tun.

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