Bewegte Kirchengeschichte

90 Jahre Wiederbesiedelung der Abtei Grüssau – Eine Erinnerung an ein Zentrum der liturgischen Bewegung in Schlesien

2009 jährt sich zum neunzigsten Mal ein Jahrestag, an dem im niederschlesischen Bergland eine jahrhundertealte Tradition aufgenommen und zur neuen Blüte geführt wurde. 1919 nämlich, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, mussten deutschsprachige Benediktinermönche ihr angestammtes Kloster Emmaus in Prag verlassen. Sie fanden eine neue Heimat in den Gebäuden der alten Zisterzienserabtei Grüssau, jetzt heruntergekommen und seit der Säkularisation von 1810 aufgegeben. Was sie fanden, waren Mauern mit der Tradition eines halben Jahrtausends, eine Barockarchitektur, die ihresgleichen suchte und sich fast fremdartig in die Landschaft des westlichen Riesengebirges eingefügte. Was mit der Besiedlung begann, war die zweite Blüte der Abtei, angesichts der Tradition und des jähen Endes freilich ein bloßes Intermezzo, dass doch Früchte getragen haben dürfte.

Seit dem 13. Jahrhundert gab es die Abtei Grüssau, die dort ansässigen Zisterzienser beherrschten in der Blütezeit den gesamten Landstrich mit über 40 Dörfern. Die Schrecken der Hussitenkriege und des dreißigjährigen Krieges verschonten auch die Abtei nicht, doch gelang des dem charismatischen Abt Bernhardus Rosa (1624–1696), das Kloster wieder aufzubauen. In der Folgezeit entstand eine imposante barocke Klosteranlage samt Gymnasium. 1810 wurde das Kloster durch die Preußen aufgehoben und siechte fortan dahin. 1919 kamen die Prager Mönche und etablierten sich rasch. Das Kloster wurde 1924 zur Abtei erhoben – für rund zwanzig Jahre. Fast vergessen ist heute die Bedeutung, die die Abtei Grüssau im Rahmen der Liturgischen Bewegung spielen sollte.

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Grüssau nach Aussage seines langjährigen Chronisten Ambrosius Rose OSB (1911–2002) zur „Ausgangsbasis für die liturgische Erneuerung in Schlesien“. Einen wesentlichen Anteil daran hatte Abt Albert Schmitt (1889–1970). Er gehörte zu den Befürwortern der liturgischen Erneuerung trotz Widerspruches auch in der Beuroner Kongregation. Schmitt notierte 1932 anlässlich eines Treffens mit dem Erzabt: „Der Erzabt will keine liturgischen Neuerungen – Stimmung einzelner Patres gegen Maria Laach, [...]. Schade. Geduld.“ Der Grüssauer Abt pflegte enge Beziehungen zu Odo Casel und stellte sich in dessen Auseinandersetzungen mit bischöflichen und benediktinischen Stellen innerhalb der Beuroner Kongregation eindeutig auf seine Seite. „Man wollte bewusst im Sinne des hl. Papstes Pius X. der Erneuerung der Kirche aus dem Geist der Liturgie dienen. Es war kein ,Hobby‘ weniger Mönche, sondern Ziel und Aufgabe der ganzen Abtei“, schreibt Pater Ambrosius Rose in der Rückschau.

Die Abtei Grüssau war eng verknüpft mit der Pfarrei, in der die volksliturgischen Arbeiten erprobt werden konnten. Die beim Kloster angesiedelte Pfarrei wurde zum „liturgischen Studio“ (A. Rose). Die liturgische Bildungsarbeit war gleichsam basisorientiert und über die Grenzen des Ortes hinaus wirksam. Die Mönche der Grüssauer Abtei gaben 1931 ein Büchlein mit dem Titel „Gregorianische Messgesänge für das Volk“ heraus. Diese Schrift ist vermutlich hervorgegangen aus dem Versuch der Abtei, in der Grüssauer Pfarrei den gregorianischen Choral einzuführen. „Der Erfolg war ein so guter, dass von nun an die Gemeinde jeden Sonn- und Feiertag mitsingt. Wir glauben durch die Teilnahme des Volkes einen wesentlichen Fortschritt in der liturgischen Erneuerung unserer Gemeinde erreicht zu haben“, heißt es in der Chronik der Abtei Grüssau von 1928. Es blieb nicht bei der einen Schrift. Zum zweiten Standbein der liturgischen Volksbildung wurden die Kurse, die durch Mönche der Abtei in Schlesien gehalten wurden. Zielgruppen des katechetischen Wirkens waren Lehrer und Jugendliche, aber auch Theologiestudenten, Priester und Ordensleute, die ihrerseits die Mönche zur Mission in ihre Gemeinden holten.

Der Beitrag der Abtei Grüssau zur liturgischen Bewegung ist damit durch zwei Punkte gekennzeichnet: In der direkten liturgischen Bildung der Katholiken in Schlesien und in der Veröffentlichung liturgischer Kleinstschriften. Bildung und liturgische Schriften wollten zu einem tieferen Verstehen des Gottesdienstes beitragen. Die Abtei war somit das Zentrum für das monastisch-liturgische Apostolat in Schlesien. Ambrosius Rose resümiert: „Kloster Grüssau kann man mit Recht als die Ausgangsbasis für die liturgische Erneuerung in Schlesien bezeichnen.“ Damit kam der Abtei Grüssau die Aufgabe zu, die zeitgenössischen liturgisch-theologischen Entwicklungen in Europa in eine der damals größten deutschen Diözesen, eben Breslau, zu transformieren. Die Entwicklungen in der Liturgie wurden offen aufgenommen und in die Kirchengemeinden und katholischen Verbände Schlesiens weitergetragen.

Die Nationalsozialisten requirierten 1940 das Gebäude der Abtei. Die Mönche wurden auf einen kleinen Bereich zurückgedrängt. Flüchtlinge wurden in Grüssau untergebracht, Übersiedler, Sondergefangene und Juden, die von hier aus ins KZ Theresienstadt deportiert wurden. 14 Mönche starben an der Front. Die noch verbliebenen wurden am 12. Mai 1946 zusammen mit der Wohnbevölkerung des Ortes vertrieben. Sie siedelten sich nach einer einjährigen Odyssee in Bad Wimpfen am Neckar an und führten den Namen Abtei Grüssau weiter. Allein ein Mönch, der Italiener Nikolaus von Lutterotti, durfte bleiben; er starb 1955. Die Abtei wurde 1947 von ebenfalls vertriebenen Benediktinerinnen aus Lemberg übernommen und wird bis heute von ihnen geführt. Die große barocke Klosterkirche ist erst jüngst umfassend renoviert worden. Im Jahr 2000 wurde die Abtei Grüssau in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen.

Die „Abtei Grüssau“ in Bad Wimpfen wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufgehoben und in die Abtei Neuburg in Heidelberg integriert. 2008 schließlich starb der letzte Abt von Grüssau. Was bleibt, sind die Geschichte, das Erinnern und ein Einfluss, der vielleicht nicht messbar, aber noch spürbar ist. Flüchtlinge und Vertriebene trugen nicht nur die Erinnerung an ihre Heimat mit in die Fremde, sondern auch ihren Glauben und ihre Liturgie. Diese Erfahrungen wirken auch noch neunzig Jahre nach der Wiederansiedlung von Mönchen als Teil der Kirchengeschichte und als Teil individueller Glaubensbiografien weiter.

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