Beten lehren, eine Aufgabe

Streiflichter auf die Heilige Schrift mit Papst Franziskus und Rabbi Skorka (Teil IV): Das Gebet von José García

„Das Hebräische kennt für das Verb ,beten‘ einen Reflexiv-Modus. In diesem Fall ist Gegenstand der Handlung derselbe Handelnde. Das bedeutet: Ehe der Mensch ins Gespräch mit Gott kommt, muss er sich selbst beobachten, über sich selbst urteilen.“ Diesen Worten von Rabbi Skorka stimmt der damalige Erzbischof von Buenos Aires zu. Jorge Bergoglio geht im vierten TV-Dialog Bergoglio-Skorka jedoch einen Schritt weiter: „Das Gebet ist kein Monolog, sondern ein Dialog. Die Antwort Gottes kann zwar jetzt oder später kommen. Zur Gebetshaltung gehört es aber, dass der Betende offen für eine Antwort ist.“ Liturgische Gebete seien eine gemeinschaftliche Form, sich dem Herrn zu öffnen. „Wenn jemand aber persönlich betet und in der Stille, in der Gegenwart Gottes sein Herz öffnet, dann schaut er mich an. Ich weiß, dass er mich anschaut. Und ich schaue ihn an, und erwarte eine Antwort auf das, was mein Herz sagt. Wir beten, aber auch er betet, weil es ein Dialog ist.“

In diesem Zusammenhang benutzt Bergoglio ein Wort, auf das er seit seiner Papstwahl immer wieder zurückgreift: Parrhesia. Parrhäsie steht bei Paulus hoch in Kurs. Bergoglio übersetzt es mit „Freimut“ oder einfach mit „Mut“. Für apostolische Werke der Evangelisierung ist Mut notwendig. „Im Gebet bedeutet Freimut, sich als Kinder anzusehen, die zum Vater sprechen. Es ist der Mut, der aus der Kindschaft entsteht.“ Der Mut gehe im Gebet aber Hand in Hand mit der Unterwerfung: „Der Beter wendet sich an den Vater mit Freimut. Gleichzeitig sagt er aber auch: ,Du bist der Vater, Du befiehlst und ich unterwerfe mich‘.“ Denn dies bedeute, den Ort anzuerkennen, der ihm vor Gott zusteht.

Rabbi Skorka weist darauf hin, dass im Judentum bei aller persönlicher Vorbereitung darauf die ideale Form des Gebets das gemeinschaftliche Gebet sei, weil dadurch der Einzelne die Gegenwart des anderen spürt. „Die Gebete haben ihren Augenblick der Einzahl. Die meiste Zeit sollen sie aber in der Mehrzahl formuliert werden“, damit das Gebet die Brüderlichkeit spüren lasse. In diesem Zusammenhang spricht Bergoglio von einem geistlichen Leiter, der ihm im Gebetsleben sehr geholfen habe. Sein Ratschlag: Immer wenn er mit jemand Probleme habe, wenn er sich mit jemand gestritten habe, solle er für ihn beten.

Das Gebet soll auch dazu führen, fügt Skorka hinzu, dass der Beter den Egoismus, die Ichbezogenheit überwindet: „Viele Menschen, die beten, durchbrechen nicht einen Teufelskreis. Dies bedeutet, dass manchmal diese Gebete fehlerhaft sind.“ Das Beten will auch gelernt sein. „Daher die Bedeutung des Lehrens, der Einführung in das Gebet“ – so der damalige Erzbischof von Buenos Aires. Und Bergoglio fügt hinzu: „Ich spüre immer wieder, dass unsere Kultur, unsere Zivilisation in dieser Dimension des menschlichen Herzens Defizite hat. Wir sollen junge Menschen in das Beten einführen, ihnen beibringen, dass es einen Vater im Himmel gibt, an den sie sich wenden können, der uns alle als Geschwister eint. Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit besteht darin, beten zu lehren.“ Dieses vordringliche Anliegen bedeute, den Menschen den Weg zu Gott zu erschließen. So können sie ihn suchen und finden, aber auch sich suchen und finden lassen.

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