Berlin erwartet Europas Jugend

Zum Jahreswechsel findet in der deutschen Hauptstadt das 34. Europäische Taizé-Treffen statt. Von Vera Rüttimann
Foto: Rüttimann | Die Tür der Berliner Marienkirche steht weit offen für Beter.
Foto: Rüttimann | Die Tür der Berliner Marienkirche steht weit offen für Beter.

Berlin (DT) „Beati voi poveri“, „Adoramus Te Domine“ oder „Magnifikat“. Solche Taizé-Melodien dringen seit September aus der evangelischen Marien-Kirche in Berlin-Mitte. Täglich treffen sich dort Brüder aus Taizé, Berliner und Touristen zu einem Mittagsgebet. Der Chorraum ist ausgestaltet mit den typischen Symbolen aus Taizé: Der Freundschaftsikone, der Kreuzikone aus Russland und Teelichtern. Berlin freut sich auf Taizé. Das Jugendtreffen der burgundischen Kommunität findet erstmals in der deutschen Hauptstadt statt. Die Einladung wurde von katholischer und evangelischer Seite sowie vom Senats der Stadt Berlin ausgesprochen.

Unter den Gebetsteilnehmern sind auch Jugendliche, die seit September gemeinsam mit Freres und Andreas-Schwestern das Jahresendtreffen organisieren. Das Taizé-Vorbereitungszentrum befindet sich in der Max-Brunnow-Straße 4 in Lichtenberg. In diesem tristen Bau, in dem sich früher ein Gefängnis befand, hat sich das Team häuslich eingerichtet. Überall hängen Fotos und Plakate, die das burgundische Dorf zeigen. In einem der Räume wurde eine Haus-Kapelle eingerichtet, die im Taizé-Stil gestaltet ist. Ein großer Teil der Jugendlichen, die hier mithelfen lebt schon seit längerem im Dorf Taizé und unterstützt die Arbeit der Brüder. So wie Laura Weber, Studentin für soziale Arbeit und Diakonie aus Hamburg. Sie sagt: „Das ist kein normaler Job, den wir hier machen. Wir versuchen die Spiritualität von Taizé auch in unseren Alltag hier in Berlin zu integrieren.“

In den Messehallen am Funkturm werden in diesen Tagen Kabel verlegt, Übersetzungsanlagen installiert und in einem eigens geschaffenen Chorraum orange Tücher gespannt. Alles soll bereit sein, wenn sich hier zweimal täglich zehntausende Jugendliche zum Gebeten und Gesängen treffen. Auch die „Silence“-Schilder aus Taizé sind schon da. Jugendliche wie Laura Weber sind damit beschäftigt, in Gemeinden zu fahren, um dort mit Flyer, DVD und CDs weiter Werbung für das Treffen zu machen.

Oberste Priorität hat die Quartiersuche. Es kommen zwar 500 Schlafplätze täglich hinzu, dennoch fehlen noch Schlafplätze. „Manche Berliner können nicht begreifen, dass sich viele Jugendlichen wirklich nur mit einer Iso-Matte, Schlafsack auf wenig Raum zufriedengeben“, sagt Laura Weber. Ihre Kollegin Annemarie fügt hinzu: „Die Leute hier denken, alles muss perfekt sein. Dabei gewinnen die Treffen gerade aus ihrer Einfachheit ihre Tiefe.“ Manchmal, sagt die Niederländerin, geschehen jedoch kleine Wunder. Sie denkt dabei wohl an die Baptistengemeinde in Wedding, die ihr gesamtes Kirchengebäude als Quartier zur Verfügung stellt. Quartierwerbung geschieht in diesen Tagen auch in Zeitungen, Fernsehen und im „Berliner Fenster“ der U-Bahn. Christian Zeiske, Pfarrer an der Gethsemane-Gemeinde glaubt, „dass noch viele Berliner ihre Wohnungstüren öffnen werden“.

Viele Gespräche, die Christian Zeiske mit älteren Berlinern führt, handeln dieser Tage vom Besuch von Frere Roger im Jahr 1986 in Ost-Berlin, wo Gebete in der katholischen Hedwigs-Kathedrale und der evangelischen Marienkirche stattfanden. Linda, ein Gemeindeglied der Gethsemanekirche, zeigt in ihrer Wohnung Interessierten alte Schwarzweiß-Bilder davon. Sie ist eine gefragte Zeitzeugin. Das Taizé-Gebet, zu dem sich Ost-Berliner ab 1986 regelmäßig in der Marienkirche trafen, findet heute in der Segenskirche jeden Freitagabend statt. Frere Richard sagt: „Dieses Taizé-Treffen jetzt holt bei vielen Berlinern Erinnerungen an eine Zeit hervor, in der es für DDR-Christen oftmals ums Ganze ging.“ Gehen oder bleiben? Widerstand leisten oder stillhalten? Diese Fragen hörte damals auch Frere Alois, der Prior von Taizé. Der Deutsche war bei wichtigen Besuchen Frere Rogers in der DDR dabei. „Wir haben sehr viel erhalten durch diese Treffen. Besonders das Bewusstsein, dass Christ-Sein eine Entscheidung ist“, sagt er.

Angesichts der weltwirtschaftlichen Erschütterungen erwarten die Freres ein intensives Treffen. Frere Alois ruft in seinem Brief „Auf dem Weg zu einer neuen Solidarität“ zu einem neuen menschlichen Miteinander auf. Dieser Brief dient während des Berliner Taizé-Treffens als Diskussionsgrundlage.

Die Jugendlichen werden von nahezu 150 Gemeinden empfangen. Sie treffen sich an den Vormittagen in den Gemeinden zu Gebeten und Gesprächen und besuchen danach in der Stadt „Orte der Hoffnung“. Freres und Jugendliche freuen sich auf ein hochkarätiges Begleitprogramm: An den Nachmittagen des 29. und 30. Dezembers stehen fünfzehn verschiedene Thementreffen zur Auswahl: In der Golgathakirche können die Teilnehmer vor Ort Zeugen aus der Zeit der Berliner Mauer begegnen und anschließend die Bernauer-Straße besuchen. In den Messehallen erzählen Freres über das Leben ihres verstorbenen Priors Frere Rogers. Jugendliche können einen Freiwilligendienst für Flüchtlinge kennenlernen oder sich im „Bode Museum“ Kunstschätze ansehen. Frere Richard wird in der Zionskirche über Dietrich Bonhoeffer und die Bedeutung seiner Theologie im Heute sprechen. Treffen-Besucher können zudem im Reichstag mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages über die Folgen der Finanzkrise diskutieren. Am Nachmittag des 31. Dezember treffen sich die Jugendlichen zum „Nationentreffen“. Den Silvester verbringen sie traditionell in ihren Gastgemeinden- und Familien. Höhepunkt werden die gemeinsamen Gebete und Gesänge in den vier Messehallen sein. Sie werden Kraft und Zuversicht spenden in stürmischer Zeit.

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