Bequem und luftig gut versorgt

Das „Domus Sanctae Marthae“: Die Unterkunft der Kardinäle für die Dauer des Konklave. Von Ulrich Nersinger
Foto: Nersinger | Fünf Stockwerke, 105 Suiten, 26 Einzelzimmer, ein großes Appartement: Das Gästeheus „Domus Sanctae Marthae“ in Rom.
Foto: Nersinger | Fünf Stockwerke, 105 Suiten, 26 Einzelzimmer, ein großes Appartement: Das Gästeheus „Domus Sanctae Marthae“ in Rom.

Wenn die Wähler des künftigen Oberhauptes der katholischen Kirche in das „Domus Sanctae Marthae“, das Gästehaus des Vatikans, übersiedeln, wird sich ihre Unterkunft deutlich von der unterscheiden, mit der sich die wahlberechtigten Kardinäle in früheren Zeiten begnügen mussten. Damals verhieß der Einzug ins Konklave den Abschied von den Annehmlichkeiten des gewohnten Lebens. Die Kardinäle erhielten durch Losentscheid „cellae“ zugewiesen – wobei der Begriff „Zelle“ durchaus wörtlich zu nehmen war. Aus Raumnot heraus wurden im Apostolischen Palast Wohnbereiche für die Purpurträger dadurch geschaffen, dass man Säle durch Holzwände ab- und unterteilte und sogar in ehemaligen Waffenkammern, Museumsfluchten und Abstellräumen Schlafstätten schuf. Noch bis in die Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Unterbringung der Papstwähler weder deren Rang noch den einfachsten menschlichen Bedürfnissen gerecht. Über die spartanische Einrichtung der Räumlichkeiten gab der Bischof und Augustinereremit Petrus Canisius J. van Lierde, der als Präfekt der Apostolischen Sakristei an den Konklaven der Jahre 1958, 1963 und 1978 teilnahm, Auskunft: „In jeder Zelle steht ein Bett, ein Nachttisch, drei Stühle, ein kleiner Tisch und ein Betstuhl, über dem ein Bildnis Unserer Lieben Frau vom Guten Rat angebracht ist.“

1922 merkte der belgische Kardinal Désire-Joseph Mercier über seine Unterbringung an: „Glücklicher- oder unglücklicherweise habe ich das Los Nr. 44 gezogen, das uns Gemächer bescherte, um die uns kein Zögling im dritten Stock unseres Großen Seminars beneiden würde. Der Weg hinauf und hinunter führte über eine halsbrecherische Treppe, die uns Gelegenheit gab, über die ernste Belehrung des heiligen Matthäus nachzudenken: ,Geht hinein durch das enge Tor ... denn eng ist das Tor und schmal der Weg, der zum Leben führt‘.“

Mehr als fünf Jahrzehnte später besaßen die Kardinäle diese Gelassenheit nicht mehr. Kardinal Léon-Joseph Suenens, der Erzbischof von Mechelen und Brüssel, berichtete nach dem Konklave vom August 1978: „Mein Zimmer war ein Ofen, eine Art Sauna. Man kann sich nur schwer vorstellen, was es heißt, in einem Ofen zu schlafen. Es gab nur ein Fenster, das aber versiegelt war. Am nächsten Tag gelang es mir, die Versiegelung mit der Kraft meiner Arme aufzubrechen. Welch göttliche Gabe, Sauerstoff und ein wenig Frischluft. Man lief wirklich Gefahr, krank zu werden.“ Und der italienische Kurienkardinal Silvio Oddi klagte: „Wir starben vor Hitze; ich glaubte zu ersticken und bemerkte, dass einige Kardinäle kurz davor waren, in Ohnmacht zu fallen. Ich protestierte, und kraft meiner Autorität als Mitglied des Überwachungskomitees des Konklave sagte ich: ,Ich weise sie an, die großen Fenster zu öffnen.‘ Einige antworteten: ,Eminenz, es ist nicht gestattet, die Fenster zu öffnen. Man könnte vom Staatssekretariat aus den Applaus hören.‘ Ich erwiderte: ,Und wenn man ihn hört?‘ Ich ließ die Fenster öffnen, und die Gesichter der Todgeweihten nahmen wieder Farbe an.“

Kardinal Karol Woijtila, der an den beiden Konklaveversammlungen des Jahres 1978 teilgenommen hatte, entschied Anfang 1992, das alte Gästehaus des Vatikans, das auf eine Gründung Leos XIII. (1878–1903) zurückging, abreißen zu lassen und einen Neubau anzuordnen. Es sollte erneut als Gästehaus zur Verfügung stehen, aber auch Bedienstete der Römischen Kurie als Dauermieter aufnehmen – und vor allem bei einem Konklave den wahlberechtigten Kardinälen als Unterkunft dienen. Mit der Ausführung der umfangreichen Bauarbeiten wurde die „Direktion für die Technischen Dienste“ der Verwaltung des Staates der Vatikanstadt betraut. Auf circa 3 000 Quadratmetern beherbergen fünf Stockwerke, 105 Suiten, 26 Einzelzimmer und ein großes Appartement. In dem Gebäude befindet sich eine Kapelle, die dem Heiligen Geist geweiht ist und nach Entwürfen des Architekten Astorino entstand. Am 31. Mai 1996 besuchte Johannes Paul II. den Neubau – das „Domus Sanctae Mar-thae“ – und weihte ihn ein.

In seiner Apostolischen Konstitution „Universi Dominici gregis“ vom 22. Februar 1996 bestimmte der Papst: „Zum festgelegten Zeitpunkt des Beginns des Vorgangs der Papstwahl müssen alle wahlberechtigten Kardinäle eine geeignete Unterkunft im sogenannten ,Domus Sanctae Marthae‘, das erst jüngst in der Vatikanstadt fertiggestellt worden ist, erhalten und bezogen haben. Wenn aus Gesundheitsgründen ein wahlberechtigter Kardinal eine Pflegeperson auch während der Wahlperiode bei sich haben muss und dies vorher von der zuständigen Kardinalskongregation bestätigt worden ist, dann ist dafür Sorge zu tragen, dass auch dieser Person eine geeignete Unterkunft zugesichert wird“ (UDG, Nr. 42). Johannes Paul II. fuhr in seiner Verfügung fort: „Vom Augenblick der Festsetzung des Beginns der Wahlhandlungen bis zur öffentlichen Bekanntmachung der erfolgten Wahl des Papstes oder jedenfalls bis zum Zeitpunkt, den der neue Papst festgelegt haben wird, werden die Räumlichkeiten des ,Domus Sanctae Marthae‘, insbesondere aber die Sixtinische Kapelle und die für die liturgischen Feiern bestimmten Räume für die nichtautorisierten Personen durch die Autorität des Kardinal-Camerlengo und unter der äußeren Mitwirkung des Substituten des Staatssekretariats geschlossen ... Insbesondere muss dafür Sorge getragen werden, dass die wahlberechtigten Kardinäle auf dem Weg vom ,Domus Sanctae Marthae‘ zum Apostolischen Palast im Vatikan von niemandem erreicht werden können“ (UGR, Nr. 43).

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann