Aus den Zeitschriften

Zeitgleich mit der Israelreise des Papstes hat Karl-Heinz Menke, Dogmatiker in Bonn, in der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (2/2009 Schwabenverlag Ostfildern) Joseph Ratzingers Theologie des Judentums vorgestellt. Menke erinnert daran, dass es eine langjährige Verbindung Ratzingers zur „Katholischen Integrierten Gemeinde“ gibt, deren großes Anliegen die gelebte Verwurzelung des Christentums im Judentum darstellt. Den Band „Die Vielfalt der Religionen und der eine Bund“ mit grundlegenden Aufsätzen zur Theologie des Judentums veröffentlichte Ratzinger darum wohl nicht zufällig 1997 im Verlag der Integrierten Gemeinde in Bad Tölz. Für Menke geht es Ratzinger bei der Verhältnisbestimmung des Christentums zum Judentum immer um die Christologie, „die mit dem Festhalten an der Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi das Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott Israels sowie zur Einzigkeit des auserwählten Volkes verbindet.“ Die Heilsuniversalität Israels werde im Neuen Testament nicht aufgehoben, sondern näher bestimmt. Dies verdeutlicht Ratzinger am Beispiel der von Jesaja prophezeiten Völkerwallfahrt zum Zion (Jes 66, 19), die durch die Weisen aus dem Morgenland (Mt 2, 2–12) ihre Konkretisierung erfahre. Die sogenannte Substitutionstheorie, die Lehre, dass die Tora durch das Evangelium, die Heilsbedeutung Israels durch die Heilsbedeutung Christi, der Mose-Bund durch den Christus-Bund ersetzt worden seien, führt Ratzinger auf die reformatorische Rechtfertigungslehre zurück. Mit der Theorie von der völligen Ablösung des Gesetzes durch das Evangelium sei der Weg auch für die Forderung Adolf von Harnacks bereitet worden, der die gänzliche Abtrennung des Alten Testamentes forderte. Dies geschah dann durch eine Bibelauslegung, die in Jesus einen liberalen Toralehrer sah, der gegen den Legalismus der Gesetzesfrömmigkeit ankämpfte. Für Ratzinger ist Christus die „Tora in Person“: Die Tora ist eine Deutung des ewigen Logos, aber der menschgewordene Logos ist keine bloße Personifizierung der Tora. In seinem Buch „Jesus von Nazareth“ habe der Papst sehr deutlich gezeigt, dass es im Streit mit den jüdischen Autoritäten seiner Zeit immer um seinen Anspruch geht, mit göttlicher Autorität zu lehren und zu handeln.

Besonders zentral ist die Bundestheologie: Grundlegende Bedeutung hat der Abrahamsbund, der für die Aufnahme aller Menschen in die Gemeinschaft mit Gott steht. Demgegenüber wurde der Mosebund ausschließlich mit Israel geschlossen. Nach dem Scheitern des Mosebundes wurde eine neue Heilsinitiative Gottes notwendig. Allerdings werde der Alte Bund durch den Neuen Bund nicht aufgehoben. Was zum Beispiel innerhalb des Tempelkultes symbolisch dargestellt wurde, ist mit Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Der Mosebund werde nicht durch den Christusbund ersetzt, sondern ergänzt, damit er so doch noch sein Ziel erreicht. Darum wird er zwar deutlich überboten, aber nicht abgelöst. Menke fasst zusammen: „Die Tora bleibt ... kanonisierte Interpretation des Willens Gottes, den der Johannesprolog als präexistenten Logos beschreibt. Deshalb sind die Juden, die Jesus nicht als den Christus bekennen, zumindest dann in Gemeinschaft mit Christus, dem Fleisch gewordenen Logos, wenn sie dem Mose-Bund durch die Befolgung der Tora treu sind.“ Daraus leitet Menke die These ab, dass die nachkonziliare Formulierung der Karfreitagsbitte für Israel gegenüber der vorkonziliaren und der neu für die außerordentliche Form des römischen Ritus formulierten Fassung den Vorzug verdiene: „Denn hier endlich wird vorausgesetzt, dass die Juden nicht trotz, sondern in ihrer Treue zur Tora den Weg zum Vater finden, der aus christlicher Sicht identisch ist mit Jesus Christus.“

In der Herder Korrespondenz (4/2009 Verlag Herder Freiburg) hat der Chefredakteur der Kirchenzeitung des Bistums Freiburg, Klaus Nientiedt, eine nützliche Zusammenschau der Entstehungsgeschichte der Priesterbruderschaft Pius X. und ihrer Entwicklung bis heute veröffentlicht. Der aus Nordfrankreich stammende promovierte Theologe Marcel Lefebvre (1905–1991) war nach seiner Priesterweihe durch Achille Lienart, den Bischof von Lille, in den Missionsorden der Väter vom Heiligen Geist (Spiritaner) eingetreten. Er wirkte als Dozent im Priesterseminar im afrikanischen Libreville. Der als guter Organisator bekannte Lefebvre wurde 1947 zum Bischof geweiht und zum Apostolischen Delegaten für alle französischsprachigen Gebiete Afrikas ernannt. Als Generaloberer seines Ordens nahm er am Konzil teil, wo er sich als Vertreter der konservativen Minderheit einen Namen machte. Nach heftigen ordensinternen Kontroversen über den nachkonziliaren Weg der Kirche trat Erzbischof Lefebvre von seinem Amt zurück und gründete 1970 in der Schweiz die Priesterbruderschaft Pius X. Bereits 1971 fand eine erste unerlaubte Priesterweihe statt. Erst 1974 erfolgte eine römische Visitation des Priesterseminars in Ecône. Nientiedt fasst in drei Thesen die Grundhaltungen Lefebvres zusammen: 1. Der von den Päpsten vielfach verurteilte Liberalismus sei in die Kirche eingedrungen. 2. Durch seine „Mehrdeutigkeit“ habe das Konzil der Leugnung von Glaubenswahrheiten Vorschub geleistet. 3. Die nachkonziliare Krise der Kirche könne nur durch die Rückkehr zu den Gewissheiten der Vorkonzilszeit überwunden werden. Gesprächsversuche mit Rom scheiterten 1975. Daraufhin wurde 1976 eine unbefristete Beugestrafe verhängt: Jegliche Sakramentenspendung wurde strikt untersagt. Trotzdem breitete sich die Bruderschaft immer weiter aus. Im Interview mit Vittorio Messori sagte der Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger 1985 zur Traditionalistenproblematik: „Es ist klar, dass man alles tun muss, damit diese Bewegung nicht in ein eigentliches Schisma hineingerät, das dann gegeben wäre, wenn Msgr. Lefebvre sich zu einer Bischofsweihe entschließen würde ... Wenn wir heute in der Ökumene beklagen, dass man in früheren Zeiten nicht mehr getan hat, um aufsteigende Spaltungen durch ein Höchstmaß an Versöhnungsbereitschaft und ein Verstehen für die betroffenen Gruppen zu verhindern, so muss das natürlich auch eine Handlungsmaxime für uns in der Gegenwart sein. Wir müssen uns um Versöhnung bemühen, solange und soweit es irgend geht, und alle Chancen dafür nutzen.“ Als ersten Schritt kann man die 1984 erfolgte Wiederzulassung der Messfeier im tradierten römischen Ritus auf dem Wege eines päpstlichen Indultes ansehen. Ein mit Kardinal Ratzinger 1988 ausgehandeltes „vorläufiges Vertragsprotokoll“ wurde von Lefebvre in Rom unterschrieben. Einen Tag später widerrief er von der Schweiz aus seine Unterschrift. Im Jahr 1988 trat ein, was Kardinal Ratzinger verhindern wollte: Lefebvre weihte vier Priester zu Bischöfen. Daraufhin wurden die Neugeweihten und Lefebvre exkommuniziert. Im selben Jahr gründete Papst Johannes Paul II. die Kommission „Ecclesia Dei“, die zum Ansprechpartner für diejenigen wurde, die Lefebvre nicht in das Schisma folgen wollten. So entstand im Oktober 1988 auf der Grundlage der von Lefebvre ausgeschlagenen Einigungsbemühungen die Priesterbruderschaft St. Petrus, die ein eigenes Priesterseminar in Wigratzbad im Bistum Augsburg unterhält.

Bereits das Interview von 1985 macht deutlich, dass der Kurienkardinal Ratzinger äußerste Anstrengungen zur Versöhnung mit den Traditionalisten für geboten hielt. Die beiden Initiativen der Zulassung des alten Ritus als außerordentliche Form des römischen Ritus und der Aufhebung der Exkommunikation der Traditionalisten-Bischöfe zeigt, dass Benedikt XVI. diesen Weg weitergeht, auch wenn bisher die Antworten der anderen Seite der Größe der Geste des Papstes in keiner Weise angemessen erscheinen. Michael Karger

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