Aus den Zeitschriften

Nahezu euphorisch preist Otto Hermann Pesch in den Stimmen der Zeit (8/2008 Verlag Herder Freiburg) den zweiten Band der Autobiographie von Hans Küng „Umstrittene Wahrheit“ (2007) an: „Ich empfehle dringend ... das Buch als Darstellung eines Kapitels der Kirchen- und Theologiegeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu lesen. Und als eine Geschichte des Bewusstseinswandels in der Kirche dazu.“ Pesch, Jahrgang 1931, emeritierter Systematiker am Evangelisch-Theologischen Fachbereich der Universität Hamburg, steht hinsichtlich des Entzugs der Lehrbefugnis ganz auf der Seite von Küng. Unkritisch übernimmt Pesch darum wohl auch so manche Selbststilisierung des Tübinger Weltethikers, etwa wenn er Küng einen „von Papst Paul VI. ziemlich unverhohlen auf die Schiene zum Kurienkardinal eingeladenen Konzilstheologen“ nennt.

Unkritisch ist auch die Haltung von Pesch zur Generalabrechnung mit Joseph Ratzinger, die Küng, sekundiert von seinem Schüler Hermann Häring, den gesamten Band hindurch betreibt. Pesch begnügt sich hier mit der Wiedergabe einer Beteuerung von Küng: „Umso wichtiger ist, dass Küng von Anfang an klarstellt: Der gegenseitige Respekt, ja die gegenseitige Hochachtung auch in der scharfen theologischen Kontroverse ist nie erloschen.“ Küng lässt keine Gelegenheit aus, sich mit Ratzinger zu vergleichen. Obwohl der Berichtszeitraum der Autobiographie von 1968 bis 1980 reicht, gipfelt Küngs Ratzinger-Kritik im Verriss der Rede des Papstes in Regensburg („Irrtümliches über den Islam verbreitet“; „Reformation wie Aufklärung als Enthellenisierung seines eigenen (hellenistisch-römischen) Christentums diskreditiert“). Von „ruinöser römischer Kirchenleitung“ spricht Küng im Blick auf das bisherige Pontifikat von Benedikt XVI. Widersprechen muss man Pesch, wenn er als Anstoß für das Buch „Christ sein“ (1974) die Begegnung Küngs mit den Konflikten zwischen Christen, Juden und Moslems in Beirut ausmacht. Eindeutig antwortet Küng mit „Christ sein“ auf den Bestseller „Einführung in das Christentum“ (1968) seines Tübinger Kollegen Ratzinger. Küng selbst lässt sich von Hermann Häring, dessen Vergleich der „Einführung“ mit „Christ sein“ er abdruckt, zum eindeutigen Sieger erklären.

Eine Abweichung Küngs vom Christusbekenntnis der Kirche kann Pesch, der 2003 die Laudatio zum 75. Geburtstag von Küng gehalten hat, nicht erkennen. Mit einem einzigen Küng-Zitat („Der wahre Mensch Jesus von Nazaret ist für die Gläubigen des einen wahren Gottes wirkliche Offenbarung und in diesem Sinne sein Wort, sein Sohn ... Im Wirken und in der Person Jesu begegnet in einmaliger und definitiver Weise Gott selber“) kann Pesch diesen Beweis nicht überzeugend führen. Man findet bei Küng genügend Belege für seine „eindeutige Zweideutigkeit“ hinsichtlich des Christusglaubens. So etwa wenn Küng schreibt: „Würde die Gottessohnschaft auch heute wieder in ihrem ursprünglichen Verständnis vertreten, so bräuchte, scheint es, auch heute vom jüdischen oder islamischen Monotheismus her wenig Grundsätzliches eingewendet zu werden.“ Jüdischer und islamischer Monotheismus schließen allerdings die Präexistenz des Logos, Inkarnation, Gottessohnschaft Jesu, sowie den Trinitätsglauben kategorisch aus. Darum kann es für Küng auch keine Anbetung Jesu gegeben: Nachfolge Jesu „soll weder in Imitation noch Anbetung bestehen“ sondern „vielmehr soll sich jeder Mensch auf Jesu Weg einlassen und nach seiner Weisung seinen eigenen Weg ... gehen.“ Umso erstaunlicher ist es, dass Pesch dann doch unter der verharmlosenden Überschrift „kollegiale Grübeleien“ gravierende Einwände gegen Küng formuliert: Nie hätte ihm (dem Christusbekenntnis der Alten Kirche) der Vorwurf der ,Hellenisierung‘ dieses Zeugnisses gemacht werden dürfen. Vielmehr handelt es sich um die Überwindung typisch griechisch-philosophischer Einwände gegen das Christuszeugnis mit griechisch-philosophischen Mitteln und mit griechischen Begriffen und Worten ...“.

Nach dieser grundsätzlich richtigen Kritik an Küngs Grundthese bleibt es allerdings unverständlich, wie Pesch dann doch Küng wieder in Schutz nehmen kann: „Mit Recht wehrt er sich gegen eine Absolutsetzung der hellenistischen Gestalt des Christusbekenntnisses, als gehöre diese für immer zum Wesen des Christentums, wie der Theologe Joseph Ratzinger und der Papst Benedikt XVI. es bis heute vertritt ...“ Hier sei Pesch die Lektüre von „Jesus von Nazareth“ mit dem Nachweis der Übereinstimmung des biblischen Zeugnisses mit dem Christusdogma empfohlen. Pesch kritisiert Küngs Traditionsverständnis: Bei ihm erscheine Tradition immer nur als Gefährdung des ursprünglichen biblischen Zeugnisses. Bezüglich der Hermeneutik warnt Pesch Küng davor, mit dem Anspruch, sich „an der ursprünglichen Botschaft, Gestalt und Geschichte Jesu“ messen zu wollen, nicht einer Illusion zu unterliegen: „Wir hören das biblische Zeugnis immer nur und immer schon als ein interpretiertes Zeugnis.“

Demgegenüber lohnt wieder ein Blick in „Jesus von Nazareth“ mit der Grundthese: Die Deutung Jesu, wie sie in der Gesamtheit der neutestamentlichen Schriften vorliegt, gibt ein authentisches Bild der Gestalt Jesu Christi. Auch Küngs wissenschaftstheoretische Lieblingstheorie vom Paradigmenwechsel wird zu Recht angezweifelt: „als formale Theorie erbringt sie als solche kein Kriterium der Wahrheit. Hat sich nicht oft gezeigt ... dass das ,alte‘ Paradigma Wahrheit speicherte, die man nur zum eigenen Schaden verabschiedet hat?“ Pesch bescheinigt Küng eine „ihm eigene Direktheit, die nie ausfällig wird.“ Gegenbeweise finden sich auf fast jeder Seite. Hier sei nur an die Karl Rahner zugeschriebene, unbewiesene Äußerung erinnert, dass dieser nicht traurig gewesen wäre, wenn das Messerattentat auf Paul VI. in Manila erfolgreich gewesen wäre (vgl. S.138). Wenn Pesch mit „Lehramtsfundamentalisten“ alle diejenigen meint, für die Theologie das Mitdenken mit der Kirche ist, sollte er sein Verständnis von Kirchlichkeit überprüfen.

Auf die Rede, die Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg gehalten hat, haben 138 muslimische Gelehrte und geistliche Führer mit einem Brief vom 13. Oktober 2007 geantwortet, den sie auch an Repräsentanten der anderen christlichen Konfessionen gerichtet haben. Wenn im November im Vatikan das erste Treffen des Katholisch-Muslimischen Forums stattfinden wird, wird dieses Schreiben auch Gegenstand der Gespräche sein. In der Herder Korrespondenz (8/2008 Verlag Herder Freiburg) analysiert der Islamexperte Christian W. Troll SJ eingehend den Brief der islamischen Unterzeichner, deren Zahl inzwischen auf 250 angestiegen ist. Nicht vertreten sind die bedeutendsten islamischen Denkschulen in Kairo und im Iran. Gegenstand des Briefes ist die behauptete Übereinstimmung zwischen Islam und Christentum bezüglich der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Pater Troll fällt auf, dass durchweg eine christliche Terminologie gebraucht wird, die eine Vergleichbarkeit der Inhalte von islamischer Lehre und Christentum vorgibt. Demgegenüber stellt der Pater fest: „Von Liebe zu Gott zu sprechen, wie der Brief es in Bezug auf den Kern der koranischen und islamischen Botschaft tut, ist in jedem Fall eine Neuigkeit.“ Ebenso wird durch die positive Zitation der Bibel der Eindruck erweckt, als ob die Heilige Schrift im Islam als Wort Gottes anerkannt werde. Dies ist aber nicht der Fall: Nach islamischer Lehre haben Juden und Christen die biblischen Texte verfälscht. Dies bedeutet, dass allein der Koran vorgibt, was die „wahre“ biblische Botschaft ist. Im Brief wird diese gültige islamische Auslegungsmethode der Bibel weder erwähnt noch als überholt bezeichnet. Im Brief wird vom Koranvers „und wir werden ihm keine Partner zuschreiben“ (oder „wir werden ihm nicht beigesellen“ 3:64) gesagt, er beziehe sich auf die Einheit Gottes. Der Verfasser weist allerdings darauf hin, dass die islamische Auslegung diesen Vers als Ablehnung der Gottheit Jesu und des Dreifaltigkeitsglaubens interpretiert. Pater Troll macht auf wichtige Implikationen aufmerksam, die die christliche Seite des Dialogs vor Illusionen und der leichtfertigen Preisgabe des zentralen Glaubensinhaltes, dem Glauben an den dreifaltigen Gott, bewahrt. Auch die oben besprochene Augustnummer der „Stimmen der Zeit“ enthält einen Beitrag zum christlich-islamischen Dialog, allerdings fehlen die beiden ersten Seiten (der Aufsatz über die Hauptschule ist dafür zweimal abgedruckt und der „Schweizer Katholizismus im Umbruch“ ist – beim Umbruch? – ganz verschwunden). Michael Karger

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