Aus den Zeitschriften

Es ist mehr als bemerkenswert, um nicht zu sagen sensationell: Der amerikanische Jesuit Jared Wicks, ehemals Professor an der Gregoriana in Rom, nun tätig an der Jesuitenhochschule in Ohio, hat drei bisher unbekannte Texte Joseph Ratzingers aus seiner Zeit als Konzilstheologe gefunden und in der Universitätszeitschrift Gregorianum (2/2008) publiziert. Insgesamt handelt es sich sogar um sechs Texte, von denen drei der Fachwelt bekannt sind. Der englischsprachige Aufsatz bringt alle sechs Texte in englischer Sprache und im Anhang die deutschsprachigen beziehungsweise lateinischen Originaltexte.

Beim ersten Text handelt es sich um die berühmte Rede, die der Kölner Kardinal Frings in Genua 1961 über die Aufgaben des von Papst Johannes XXIII. angekündigten Konzils gehalten hat. Diese Rede, die Kardinal Frings auch im August 1961 vor den in Fulda versammelten deutschen Bischöfen vorgetragen hat, stammt vollständig vom seit dem Sommersemester 1959 in Bonn lehrenden Theologieprofessor Joseph Ratzinger. Bei einer Privataudienz Anfang des Jahres 1962 lobte Johannes XXIII. ausdrücklich den Kardinal für seine wegweisende Sicht auf das künftige Konzil. Frings hat den Vortrag dann auch in der Herder Korrespondenz unter seinem Namen veröffentlicht. Von diesem Zeitpunkt an wurde Professor Ratzinger immer mehr zum theologischen Berater des Kölner Kardinals.

Den zweiten Text, hier erstmals veröffentlicht, hat Ratzinger wohl im Auftrag von Kardinal Frings nach dem Mai 1962 verfasst: Erschreckt von der Vielzahl der von den römischen Instanzen vorgelegten Entwürfe, genannt Schemata, die vom Konzil behandelt werden sollten, schlug Frings die Einrichtung einer neuen Unterkommission vor, die eine einführende Konstitution erstellen sollte, in der die eigentlichen Ziele des Konzils formuliert werden sollten (Erneuerung der Kirche, pastorale Ausrichtung auf den Menschen in der Welt von heute). Alle römischen Textvorlagen sollten dann an diesen Kriterien gemessen werden, zugleich sollten die entwickelten Kriterien zur Vereinfachung und zur Zusammenfassung der Entwürfe führen. Den kaum mehr als zwei Seiten umfassenden lateinischen Text hat Wicks aus den Konzilsakten von Kardinal Döpfner in München bekommen.

Eine kritische Stellungnahme zu allen sieben Entwürfen, die im August 1962 an alle Konzilsväter versandt worden sind, stellt der dritte Text dar. Im Auftrag von Kardinal Frings sollte Ratzinger knapp feststellen, inwieweit die bisherigen Änderungswünsche an den Entwürfen tatsächlich in die Texte eingearbeitet wurden, welche Texte zurückgewiesen werden müssen und welche zu verbessern sind. Im lateinischen Originaltext bewertete Ratzinger nur zwei der sieben Entwürfe positiv: Das Dokument zur liturgischen Erneuerung, es wurde unabhängig von der Theologischen Kommission entworfen, weil man dort die liturgischen Fragen nicht für theologisch relevant erachtete, und das über die Einheit der Kirche im Blick auf die Orthodoxie, wobei Ratzinger forderte, dass dieses Dokument noch durch die Einbeziehung des Protestantismus ergänzt werden müsse. Kardinal Frings sandte dieses Gutachten unverändert nach Rom. Es ist im Anhang der Konzilsakten (Acta Synodalia) veröffentlicht worden. Da nur vier der vorgesehenen Entwürfe überhaupt auf dem Konzil verhandelt wurden, hat Pater Wicks nur die Abschnitte des Gutachtens ausgewählt, die sich auf diese Dokumente beziehen.

Von herausragender Bedeutung ist der vierte, hier auch in deutscher Originalfassung auf dreizehn Seiten erstmals publizierte Text: Die Kritik des Entwurfes „De fontibis revelationis“ (Über die Quellen der Offenbarung). Am 10. Oktober 1962, am Vortag der feierlichen Konzilseröffnung, hielt Joseph Ratzinger vor den deutschsprachigen Konzilsvätern im Collegium S. Maria dell'Anima einen Vortrag über die Schwachpunkte des Entwurfes eines Offenbarungsdekretes. Der hier abgedruckte Text der Rede fand sich im Nachlass des Konzilstheologen Pieter Smulders SJ. Zahlreiche Kritikpunkte, die von den Vätern später in der Konzilsaula vorgetragen wurden, finden sich erstmals in dieser Rede. Sie führten schließlich zur Ablehnung des Textes durch die Konzilsmehrheit am 20. November 1962 und zur Rückgabe an die Theologische Kommission des Konzils zur Überarbeitung. Schließlich verabschiedete das Konzil am 18. November 1965 die Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“, die wesentlich von den theologischen Einsichten Ratzingers geprägt wurde.

Den fünften hier abgedruckten Text verfasste Ratzinger in der Pause zwischen der dritten und vierten Sitzungsperiode. Es handelt sich um eine das Missionsdekret ergänzende theologische Grundlegung (den Einfluss von Ratzinger findet der Verfasser in Kp. I, Nr. 2–9 von „Ad gentes“). Als sechsten Text druckt Wicks erstmals einen knapp einseitigen lateinischen Beitrag Ratzingers zum späteren Dekret „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute ab, der wohl im Herbst 1965 entstanden ist und in der Nr. 10 des Dekrets nachzuweisen ist.

Über die sechs hier veröffentlichten Texte hinaus erinnert Wicks noch an den bereits veröffentlichten Entwurf einer Offenbarungskonstitution, den Ratzinger, wohl einer Anregung von Kardinal Döpfner folgend, zusammen mit Karl Rahner im Herbst 1962 erstellt hat (zu finden in der Festschrift für Karl Rahner „Glaube im Prozess“ von E. Klinger und K. Wittstadt). Einige Belege aus dem vierten Text, der Kritik am Entwurf des Offenbarungsdekretes, können dessen bahnbrechende Bedeutung für den theologischen Fortschritt in „Dei Verbum“ nachvollziehbar machen. Bereits in der Überschrift „Die Quellen der Offenbarung“, womit Schrift und Tradition gemeint sind, findet Ratzinger den Denkfehler: „Offenbarung ist nicht eine den Größen Schrift und Überlieferung nachgeordnete Sache, sondern sie ist das Sprechen und Handeln Gottes selbst, das allen geschichtlichen Fassungen dieses Sprechens vorausliegt, sie ist die eine Quelle, die Schrift und Tradition speist.“ Am Beispiel des Kanons der Schrift zeigt Ratzinger, wie das Zueinander von Schrift und Tradition zu verstehen ist: „Nein, die Kirche hat keine fertig formulierte Mitteilung des letzten Apostels zur Verfügung, der testamentarisch hinterließ, welche Bücher zusammen die Schrift ausmachen sollten. Sondern sie musste in der Selbstbesinnung auf den in ihr wirksamen Heiligen Geist in der Mühsal menschlicher Geschichte sich fragen, in welchen Büchern sie diesen Geist erkannte und welchen nicht, ehe sie scheiden konnte, was ihr Wesensgesetz ausdrückte und was nicht. Und dieses lebendige Ringen im Heiligen Geist, das ist der Vorgang des ,tradere‘, das ist das über die Schrift und ihren Buchstaben hinausgreifende Plus der Tradition, nicht aber ein fertiger material zu tradierender Satz.“ Die im Heiligen Geist geschichtlich wachsende Erkenntnis dessen, was zum Grundbestand der Offenbarung gehört, dieses Vertrauen in den „Vorgang der geistigen Aneignung und Entfaltung des Christusgeheimnisses in der geschichtlichen Mühsal der Kirche“ fehlte etwa dem Münchener Dogmatiker Michael Schmaus, weshalb er die Habilitation Ratzingers, die dieses Verständnis beim Kirchenlehrer Bonaventura nachwies, als „Subjektivismus“ verurteilte und verhindern wollte. Das Verständnis von Überlieferung im Sinne der Väter als „Einfügung der Schrift in den lebendigen Organismus der Kirche und das Eigentumsrecht der Kirche auf die Schrift“ sind bedeutende Konzilseinsichten, die sich wesentlich Joseph Ratzinger verdanken. Hier gilt es, das Konzil erst noch zu rezipieren, was durch die nun erstmals vorliegende Rede von Joseph Ratzinger erleichtert wird. Michael Karger

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