Aus den Zeitschriften

Den ersten Beitrag im Themenheft über das Jesus-Buch des Papstes der Münchener Theologischen Zeitschrift (1/2008 EOS Verlag Erzabtei St. Ottilien) hat der katholische Neutestamentler Ingo Broer, Siegen, verfasst. Seine Aussage: „Das Johannes-Evangelium steht so als literarisches Werk, das vom Glauben zeugt und den Glauben stärken will, vor unseren Augen, und nicht als historischer Bericht“, wurde vom Papst im Abschnitt über die johanneische Frage zitiert und entschieden kritisiert: „Von welchem Glauben zeugt es, wenn es sozusagen die Geschichte hinter sich gelassen hat? Wie stärkt es den Glauben, wenn es sich als historisches Zeugnis ... präsentiert und doch nicht historisch berichtet? Ich denke, dass wir hier vor einem falschen Begriff des Historischen stehen ... Ein Glaube, der das Historische so fallen lässt, wird wirklich Gnosis. Er lässt das Fleisch, die Fleischwerdung – eben die wahre Geschichte – hinter sich“ (270f).

Broer hält an seiner Ansicht ausdrücklich fest, „dass die neuere Forschung Johannes aus der Diskussion um den historischen Jesus verabschiedet hat. Dass dies ... im Ganzen zu Recht geschah, würde ich dennoch festhalten“. Die eigentliche Retourkutsche besteht darin, dass der Verfasser am Beispiel der Darstellung Johannes des Täufers in „Jesus von Nazareth“ moniert, dass der Papst die Einsichten der Exegese nicht „ernster nimmt“. Hätte er dies getan, dann wäre „das Geheimnis der Person Jesu besser, historisch angemessener und insofern umfassender und zutreffender zu verstehen, als es philosophisch- dogmatischer Denkweise nahe liegt ...“ Zwei Hypothesen des Verfassers über den Täufer greifen direkt die Christologie an: Johannes der Täufer war überzeugt, dass nur die Umkehrtaufe vor dem unmittelbar bevorstehenden Gericht rettet, darum „bleibt für die Ankündigung Jesu als des stärkeren Nachfolgers, der die Sünde der Welt wegnimmt, beim Täufer kein Platz“. Sollte der Täufer von einem kommenden Stärkeren gesprochen haben, dann hat er damit „nicht Jesus, sondern den zum Gericht kommenden Menschensohn oder gar Gott selbst gemeint“. Zeigt sich aber nicht gerade darin das unerhört und unableitbar Neue des Christusereignisses, dass es gerade auch die Vorstellungen und Erwartungen des Täufers übertrifft? Es ist von besonderer Ironie, dass ausgerechnet ein evangelischer Neutestamentler, Michael Becker, München, der auf dem Boden des Sola- Scriptura- Prinzips steht, dem Papst vorwirft: Er baut „rein auf dem Zutrauen in die Zuverlässigkeit des Zeugnisses der Evangelien, beziehungsweise der gesamten biblischen Tradition auf, was ihn hochgradig subjektiv erscheinen lässt“. Für folgende Behauptungen ist der Verfasser jeden Beleg schuldig geblieben: „Manchmal werden dagegen eher obskure Details zum Anlass größerer Reflexionen und mitunter erfolgt keine lineare Festlegung auf eine einzige Sinndimension.“

Am Dialog des Papstes mit dem jüdischen Theologen Jacob Neusner gefällt dem Verfasser die rein rabbinische Perspektive des Juden nicht, die „darauf hinausläuft, Jesus aus dem rabbinischen Judentum hinauszudrängen“. Absurdem Wissenschaftspositivismus verhaftet verlangt er demgegenüber von Benedikt XVI., „dass die gesamte (!) Bandbreite des antiken Judentums wahrzunehmen ist“. Näher betrachtet hat der Verfasser nichts Positives über dieses Buch zu sagen: Es ist „nicht unproblematisch“, „nicht dazu geeignet ... die historische Kritik ... auch nur zu ergänzen“. Abschließend gibt es noch professorale Lektürevorschläge für den Papst. Eine besondere Enttäuschung stellt der orthodoxe Beitrag des Mitübersetzers des Jesus-Buches ins Griechische, Athanasios Despotis, Habilitand in Bonn, dar. Allgemeine Negativurteile werden aus westlichen Arbeiten bloß zitiert. Den Verfasser scheint es zu wundern, dass der Papst katholisch ist und den Primat auf den Apostel Petrus zurückführt: „Deswegen bleibt dieses (!) Traktat ein traditionell römisch-katholisches Buch.“ Über das Fehlen der Kindheitsgeschichte, die mangelnde Geist- und Logos-Theologie hinaus gipfelt die Kritik darin, dass das Buch des Papstes „nicht mit der patristischen Exegese des Ostens, nämlich des Chrysostomus oder der Kappadokier zu identifizieren ist“. Was zu beweisen war. Die von Rudolf Voderholzer in zahlreichen Arbeiten zur Bibelhermeneutik und über das Verhältnis von Schrift und Tradition bei Joseph Ratzinger erarbeiteten Erträge werden von Birgitta Kleinschwärzer-Meister, Juniorprofessorin am Lehrstuhl für Dogmatik München, referiert. Ziel ihres Unternehmens sind kritische „Anfragen“ (zum Beispiel: „Muss der von Ratzinger postulierten Weise der Schriftauslegung nicht letztlich eine gewisse dogmatische Immunisierung gegenüber den Anfragen der historischen Forschung eignen, wenn die Forschungsergebnisse der historisch-kritischen Exegese von vorneherein an das Kriterium zu binden sind, ob sie mit dem lebendigen Gedächtnis der Kirche in Einklang stehen?“, die dann unbeantwortet stehenbleiben. Auf den inneren Zusammenhang der „christologischen Vision“ des Papstes mit den Denkern Kierkegaard und Guardini macht Bertram Stubenrauch, Dogmatiker in München, aufmerksam: Die Gleichzeitigkeit mit Jesus ist in der Evangelienwirklichkeit beziehungsweise in der Kirchenwirklichkeit erfüllt. Wie Guardini sieht der Papst die einzige Möglichkeit, Jesus in seiner göttlichen Wesentiefe zu schauen, auf der Grundlage von Umkehr und Anbetung. Im Christusbekenntnis wird Jesus als der Herr (1 Kor 12, 3) erkannt und mit seinem Buch will der Papst zeigen, dass man sich diesem Bekenntnis auch mit guten Gründen anschließen kann. Ein für die weitere Erforschung des Papst-Buches wesentlicher neuer Gesichtspunkt liegt im Hinweis des Verfassers auf die Auswertung der Konzilsakten und Dekrete von Trient bezüglich der „pneumatischen Glaubenserkenntnis“ durch Joseph Ratzinger. Zusammengefasst: 1. Die Offenbarung ist auch in die Herzen eingeschrieben, 2. der Geist Gottes spricht zur Kirche durch alle Zeiten, 3. der Geist wirkt durch die Konzilien, 4. der Geist belebt das ganze Leben der Kirchen, in dem die Schrift ein zentrales aber nicht alleiniges Element ist.

Die Analyse des Glaubensaktes bei Augustinus findet der Pastoraltheologe Andreas Wollbold im Jesus-Buch wieder: Dem wissenschaftlichen Zugriff kann sich das Persongeheimnis Jesu nicht erschließen. Daraus leitet der Verfasser die Notwendigkeit einer Kurskorrektur auch für die Pastoral der Kirche heute ab: Sie dürfe nicht bei der Erfahrung des Menschen stehenbleiben, um nicht der Gefahr zu erliegen, die einmalige Gottesbegegnung ins allgemein Verstehbare, Vergleichbare und Verwertbare zu transformieren. Demgegenüber müsse das Ziel der Pastoral nach dem Anspruch des Papst-Buches lauten: „Alles tun, damit die Menschen Gott in Jesus von Nazareth suchen und ihn in der Kirche finden.“ Dies schließt für den Verfasser auch den Vorrang der Glaubensinhalte vor den Vermittlungsmethoden in Katechese und Verkündigung ein. Michael Karger

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