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In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Papst Franziskus die Verbindung von Ehelosigkeit und Priestertum in der katholischen Kirche zur Diskussion gestellt („Die Zeit“, Nr. 11, 9. März 2017, S.13–15). Ausgangspunkt war die Frage des Priestermangels und der Rückgang der regelmäßigen Messfeiern in den Gemeinden. Dazu sagte der Papst: „Wir müssen darüber nachdenken, ob viri probati eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden.“ Autoritativ forderte Franziskus: „Es geht der Kirche stets darum, den richtigen Augenblick zu erkennen, zu erkennen, wann der Heilige Geist etwas verlangt. Deshalb sage ich, über die Viri probati wird weiter nachgedacht.“ Weiter heißt es dann: „Über den freiwilligen Zölibat wird in diesem Zusammenhang immer wieder gesprochen, vor allem dort, wo es an Klerus mangelt. Doch der freiwillige Zölibat ist keine Lösung.“ Dies ist wohl so zu verstehen, dass die ehelose Lebensform des Priesters nach wie vor grundsätzlich weiterbestehen soll und daneben aus pastoraler Notwendigkeit, sozusagen als Konzession, die Weihe „bewährter Männer“ ermöglicht werden könnte. Faktisch würde dadurch in jedem Fall der verheiratete Priester in der katholischen Kirche allgemein eingeführt. Mit der Verwendung des Begriffs „freiwilliger Zölibat“ ist im Übrigen eine fatale Vorentscheidung verbunden. Mit diesem Vorstoß greift der argentinische Papst eine alte Forderung lateinamerikanischer Bischöfe wieder auf. Diese hatten bereits vor dem Konzil die Priesterweihe „bewährter Männer“ angeregt.

Das Konzil hat diesen Bestrebungen eine klare Absage erteilt, indem es die Praxis der Kirche bestätigte und den Zölibat als für das Priestertum angemessen erklärt hat: „Die Priester werden auf diese Weise Christus, dem sie in der Liturgie, Verkündigung und im Hirtendienst ihr Dasein leihen, gleichgestaltet; sie können sich in ihrem Dienst frei und in ungeteilter Hingabe den ihnen anvertrauten Aufgaben widmen; und sie geben ein lebendiges Zeichen der Hoffnung auf die zukünftige Welt, in der nicht mehr geheiratet wird und Gott selbst die Sehnsucht aller Herzen überreich stillen wird.“ Zugleich hat das Konzil mit der Wiederbelebung des Diakonenamtes die Weihe von verheirateten Männern zu ständigen Diakonen ermöglicht. Ausdrücklich hat das Konzil über verheiratete Männer, „welche die Handauflegung ,nicht zum Priestertum, sondern zum Dienst‘ empfangen“, gesagt, dass dieser Diakonat als „eigene und beständige hierarchische Stufe“ zu verstehen sei. Eine spätere Priesterweihe verheirateter Männern, die zu ständigen Diakonen geweiht worden sind, schließt das Konzil aus.

Unverheiratete Männer können nur nach Übernahme der Zölibatsverpflichtung zu Diakonen geweiht werden. Hier setzt nun der in der Herder Korrespondenz (3/2017 Verlag Herder Freiburg) veröffentlichte Vorschlag, verheiratete Diakone zur Priesterweihe zuzulassen, an, den die beiden Freiburger Professoren Helmut Hoping (Dogmatik und Liturgiewissenschaft) und Philipp Müller (Pastoraltheologie) ausgearbeitet haben. Zunächst machen die Verfasser auf die Grenzen der „Kompensationsstrategien“ der Diözesen aufmerksam, mit denen man bisher dem Priestermangel begegnet: Dem verstärkten Einsatz von Pastoralassistenten und Gemeindereferenten seien durch die sakramentale Struktur der Kirche Grenzen gesetzt („Priester können in ihren spezifischen Aufgaben nur durch Priester ersetzt werden“). Aus dem Einsatz von ausländischen Priestern in Deutschland – jeder sechste Priester – ergäben sich Probleme wie Sprache und Mentalität. Zudem sollte eine Ortskirche in der Lage sein, „die Priesterberufe weitestgehend aus eigener Kraft hervorzubringen“.

Auch die „Wort-Gottes-Feiern mit oder ohne Kommunionspendung“, gehalten von Diakonen, Pastoralreferenten, Gemeindereferenten oder ehrenamtlichen Beauftragten, tragen nach Meinung der Verfasser eher zur Minderung der Bedeutung des Altarsakramentes in der Kirche bei. Nach dem klaren Nein zur Zulassung von Frauen zur Priesterweihe durch Papst Johannes Paul II. sehen die Autoren hinsichtlich der Weihe von verheirateten Männern „Spielraum gegeben“. Bis in das Mittelalter habe es in der Westkirche Weihen von verheirateten Männern gegeben, aber sie waren gehalten, „enthaltsam zu leben“. Dieser „Enthaltsamkeitszölibat“ habe bereits in den ersten Jahrhunderten bestanden. Auf dem Zweiten Laterankonzil 1139 wurde die Ehelosigkeit für die Priester schließlich festgelegt.

Demgegenüber habe die Ostkirche daran festgehalten, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Sie seien aber „schon bald nicht mehr zur vollkommenen Enthaltsamkeit verpflichtet“ gewesen. Eine erneute Heirat nach dem Tod der Ehefrau schließt die Orthodoxie aus. Ihre Bischöfe verpflichtet die Ostkirche seit der Trullanischen Synode (691) zu Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit. Im Einzelnen schlagen die Verfasser vor, dass, um dem Priestermangel entgegenzuwirken, Männer „aus dem Kreis der ständigen Diakone“ oder auch ehemalige Pastoralreferenten, „die nach ihrer Weihe eine Zeit lang als Diakone gearbeitet haben“, vom Weihehindernis der Ehe suspendiert werden und zur Priesterweihe zugelassen werden. Sie sollten in der Regel hauptberuflich tätig sein. „Da nur eine gewisse Zahl der verheirateten Diakone als viri probati für das Priesteramt in Frage kommt“, werde der eigenständige Diakonat nicht infrage gestellt. Eingeführt und ermöglicht wurde der ständige Diakonat für verheiratete Männer allerdings nur unter der strikten Vorgabe, dass eine spätere Priesterweihe ausgeschlossen ist. Nun wollen die Verfasser aus dem Kreis der ständigen Diakone verheiratete Priester generieren. Ausdrücklich wünschen die beiden Professoren für die „bewährten Männer“ eine zusätzliche akademische Ausbildung an einer theologischen Fakultät: „Die von den meisten Diakonen absolvierten theologischen Kurse reichen für die Ausübung des Priesteramtes … nicht aus.“ Hier argumentieren die Verfasser mit der Notwendigkeit einer hohen Fachkompetenz, die vom Priester in der modernen Wissensgesellschaft erwartet werde. Gegenüber der Weihe von ehrenamtlich arbeitenden verheirateten Männern, den „viri probati“ im Sinne der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, wie sie vielleicht auch Papst Franziskus vorschwebt, plädieren die Verfasser für eine ausdrückliche Beschränkung auf den „bewährten Diakon“, der bereits Teil des sakramentalen Ordo ist. Von einem Mindestalter von fünfzig Jahren versprechen sich die Verfasser, dass die Kindererziehung abgeschlossen ist und dass sich „das Problem der Ehescheidung verheirateter Priester in Grenzen halten wird (die Scheidungsquote unter evangelischen Pfarrern ist signifikant hoch)“.

Eine erneute Heirat nach dem Tod der Ehefrau wollen Hoping und Müller ausgeschlossen wissen. Auf den Einwand, ob es mit Einführung der Priesterweihe für „bewährte Diakone“ („diaconi probati“) in Zukunft noch junge Männer geben wird, die sich zu einem ehelosen Leben als Priester bereit finden, antworten die Verfasser: „Der Zölibat ist nicht zuerst ein Gesetz, sondern ein von Gott geschenktes Charisma. Wir vertrauen darauf, dass Gott der Kirche auch in Zukunft dieses Charisma schenken wird.“ Insgesamt gesehen handelt es sich beim Vorschlag der beiden Verfasser um kirchliche Ordnungspolitik auf Dispensebene. Dem Vorschlag mangelt es an evidenten theologischen Grundlagen. Zweifach berufen sich Hoping und Müller auf Joseph Ratzinger, der 1969 sagte, dass die Kirche der Zukunft „gewisse neue Formen des Amtes“ einführen werde, wie etwa „bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern“ zu weihen.

Daneben wird auf ein von Karl Rahner und Karl Lehmann verfasstes Memorandum von 1970 hingewiesen, das auch von Joseph Ratzinger und Walter Kasper unterzeichnet worden ist. Darin wurde für die prinzipielle Beibehaltung der Verbindung Priesteramt und Zölibat plädiert, aber zugleich auch die Priesterweihe von verheirateten Männern vorgeschlagen, wozu die Kirche eindeutig die Freiheit besäße, wenn sie es für pastoral geboten hielte. Nun ist Joseph Ratzinger als Theologe nicht 1970 stehengeblieben, sondern hat seine Haltung zum Zölibat, nicht zuletzt unter dem Eindruck der nachkonziliaren Krise des Priesteramtes, theologisch überdacht und revidiert. So sagt der Kurienkardinal Ratzinger, „die Kirche solle nicht glauben, dass sie leicht viel gewinnen wird, wenn sie zu dieser Entkoppelung schreitet; sie wird aber auf jeden Fall verlieren, wenn sie es tut“ (in: „Salz der Erde“, 1996). Den Gegensatz von Charisma als geistlicher und prophetischer Gabe auf der einen und dem Priesteramt als etwas Rechtlichem auf der anderen Seite lehnte Papst Benedikt grundsätzlich ab: „Nein! Gerade die Ämter sind Charismen … Priestersein ist ein Charisma.“ Nur von hierher sei überhaupt verstehbar, „dass die Kirche im Westen Priesteramt und Zölibat untrennbar (!) miteinander verbunden hat: In einer eschatologischen Existenz zu sein auf die letzte Bestimmung unserer Hoffnung hin, auf Gott hin“.

Vom gemeinsamen christologischen und apostolischen Sinn des Zölibats hat Kardinal Ratzinger in einer Weihepredigt 1993 gesprochen, als er das Kreuzesgeheimnis als „göttliches Geheimnis der Fruchtbarkeit“ auslegte: Die Apostel können Christus den Menschen nur bringen, „indem sie mit ihm sich dem Gesetz des sterbenden Weizenkorns übergeben und so durch ihr Leben das lebendige Wort, ihn selbst bringen“. Darin besteht der sakramentale Dienst des Priesters – „ein Dienst, in dem Wort und Sein zueinandergehören“ –, „dass über alle Aktivität, über alles Selberkönnen und Wissen hinaus dieses Todesgeheimnis geschieht, die Übergabe an ihn, das Angenommenwerden durch ihn, dass er durch uns spreche, lebe und gegenwärtig sei“. Krisenzeiten des Zölibats seien „auch immer Krisenzeiten der Ehe“ sagte Kardinal Ratzinger („Salz der Erde“): Ehe und zölibatäres Priestertum „verflechten sich gegenseitig. Wenn die eine Treue nicht mehr möglich ist, ist die andere nicht mehr da; die eine Treue bedingt die andere.“ Gerade heute sollte dies zu denken geben.

Michael Karger

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