Aus den Zeitschriften

Von Michael Karger

„Was geschieht in dem Augenblick, den wir ,Wandlung‘ nennen?“ fragt der katholische Philosoph Robert Spaemann in der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio (3/2014 Schwabenverlag Ostfildern). Als unzureichend betrachtet Spaemann das Erklärungsmodell „Transsignifikation“, da hier die Worte des Priesters nur auf der Ebene der Bedeutung etwas bewirken. Transsignifikation heißt, „dass das, was hier geschieht, nichts im strengen Sinne Übernatürliches ist, sondern sich auf einer uns vollständig zugänglichen sekundären Ebene der Bedeutung abspielt. Nur durch einen Zuschreibungsakt wird das Brot zum Leib Christi, durch einen kollektiven Akt der Erinnerung.“

Demgegenüber gehe die klassische scholastische Transsubstantiationslehre davon aus, dass die empirischen Eigenschaften der Dinge durch einen unzugänglichen Wesenskern hervorgebracht werden, und wendet dies auf die eucharistischen Gestalten an. In der „Wandlung“ werden die unveränderten Merkmale des Brotes „nicht mehr durch einen Wesenskern hervorgebracht, sondern werden durch Gottes Wirken im Sein gehalten, während der Wesenskern, die ,Substanz‘, nun der Leib Christi ist, der sich nicht durch seine erfahrbaren Akzidentien zu erkennen gibt“.

In seinem Beitrag macht nun Spaemann auf eine falsche philosophische Voraussetzung der Transsubstantiationslehre aufmerksam: Die Rede von der „Substanz des Brotes“ sei unzulässig, da Substanz Selbstsein und Selbststand bedeutet. Einem Pferd gehe es um seine Selbstbehauptung, einem Auto nicht, demzufolge gibt es keine „Brotsubstanz, die in die Substanz des Leibes Christi gewandelt werden könnte, und keinen Vorgang, den wir Transsubstantiation nennen könnten“. Mit Anspielung auf den eucharistischen Hymnus von Thomas von Aquin „Adoro te devote“, in dem es heißt „Gesicht, Geschmack, Gefühl, sie täuschen sich in dir“, schreibt Spaemann: „Brot ist definiert durch eine Reihe von Eigenschaften. Es ist nichts jenseits dieser Eigenschaften. Darum werden die Sinne durch die Brotgestalt des eucharistischen Brotes eben nicht getäuscht. Wenn etwas aussieht wie Brot, schmeckt wie Brot und aus gemahlenen Körnern entsteht, dann ist es Brot, nach der Wandlung ebenso wie vorher.“ Auch wenn Brot keine Substanz sei, so gebe es doch ein Wesen des Brotes, das aber nur innerhalb der menschlichen Welt, der Welt der Bedeutung existiert: „Was es innerhalb dieser Welt bedeutet, das ist es. Es hat keinen Sinn außerhalb derselben.“ Nur das wahre Brot, das eucharistische Brot, will von sich aus Brot sein, „nämlich Nahrung, die vorhält, Nahrung des ewigen Lebens. Es ist der Herr selbst“. Darum hält Spaemann die oftmals kritisierte Rede vom „heiligen Brot“ für angemessen: „Warum sollen wir nicht vom wahren Brot oder vom heiligen Brot sprechen dürfen, wenn Christus selbst sich so nennt?“ Das eucharistische Brot sei so lange „Präsenz des Leibes Christi“, wie es Brot sei. „Solange die Krümel allerdings wahrnehmbar sind, sollen wir, wie der heilige Cyrill von Jerusalem schreibt, mit ihm umgehen ,wie mit Goldstaub‘.“

Weil „Substanz“ auch die Übersetzung des griechischen „ousia“, Wesen, ist, schlägt Spaemann vor, statt von „Transsub- stantiation“ von „Substantiation“ zu sprechen, „denn im Vorgang der Wandlung wird das, was zuvor nicht Substanz war, zur Substanz. Brot wird zum ,wahren Brot‘, das für uns Brot sein will, Brot des ewigen Lebens.“ Den Versuch von Spaemann, die denkerischen Probleme, die der Transsub-stantiationsbegriff bereitet, zu lösen, gilt es zu diskutieren, zumal hier mit Substantiation eine wesentliche Veränderung, die Realpräsenz Jesu Christi, ausgesagt werden soll.

In derselben Communio-Ausgabe schreibt der katholische Theologe Uwe Wolf über den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996), mit dem er freundschaftlich verbunden war. Abgedruckt ist der letzte Brief, den Blumenberg an Wolff geschrieben hat und der ein sehr starkes Interesse des Philosophen an theologischen Fragestellungen und an der katholischen Kirche insgesamt bezeugt. Erschlossen wird der Brief durch ausführliche Anmerkungen des Empfängers. Über diesen Brief hinaus, der den äußerst medienscheuen und zurückgezogen lebenden Denker aus der Nähe zeigt, gibt der Beitrag von Wolff über die katholischen Wurzeln von Blumenberg die Antwort auf die Frage nach seiner Beziehung zu Glaube und Kirche.

Blumenberg stammte aus einer katholischen Hildesheimer Familie, aus der eine Reihe von Priester- und Ordensberufungen hervorgegangen sind. Sein Vater war Kunst- und Devotionalienhändler in Lübeck und mit einer konvertierten Jüdin verheiratet. Drei von fünf Schwestern der Mutter wurden während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet. Als Schüler und Ministrant wurde Blumenberg stark durch das Vorbild von Kaplänen geprägt, die wegen ihrer entschiedenen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus hingerichtet worden sind und als „Märtyrer von Lübeck“ bekannt geworden sind. Als Gymnasiast war Blumenberg entschlossen, Priester zu werden. Von seinem Vater wurde er großzügig beim Aufbau einer umfassenden theologischen Bibliothek unterstützt. Im Bombenhagel auf Lübeck sind auch die mehr als tausend Bände der theologischen Bibliothek des hochbegabten Gymnasiasten Hans Blumenberg verbrannt. In der Familie wurde die Zeitschrift „Hochland“ gelesen, der Sohn nahm an den Wanderungen der katholischen Pfadfinder teil. In einem Vortrag über Meister Eckhart sprach sich Blumenberg offen gegen die Deutung dieses Mystikers in den Schriften des nationalsozialistischen Vordenkers Alfons Rosenberg aus.

Im Fach Deutsch schrieb Blumenberg eine Arbeit über den Dichter Hans Carossa. Blumenberg war stark von der liturgischen Bewegung geprägt. Nach dem Abitur weigerte sich der Schulleiter in Lübeck, dem Klassenbesten, einem „Halbjuden“, der noch dazu den Berufswunsch, katholischer Priester werden zu wollen, angegeben hat, persönlich das Reifezeugnis zu überreichen. Entgegen dem Vorschlag seines Vaters, das Theologiestudium in Rom aufzunehmen, ging Blumenberg nach 1939 nach Paderborn und wechselte 1940 wegen der Rassengesetzgebung nach Sankt Georgen, die Hochschule der Jesuiten in Frankfurt. Seine Mutter wurde von den Grauen Schwestern der heiligen Elisabeth, die das Marienkrankenhaus in Lübeck leiteten, vor der Deportation bewahrt. Bereits im November 1940 wurde dem „jüdischen Mischling“ Blumenberg auch das Studium an einer kirchlichen Hochschule verboten. Das Kriegsende erlebte Blumenberg als Zwangsarbeiter an einem Fliegerhorst. Nach dem Krieg heiratete Blumenberg und studierte Philosophie in Hamburg und Kiel. Nachdem die Habilitation von Blumenberg vom Zweitgutachter wegen kritischer Bemerkungen zu Martin Heidegger abgelehnt worden war, konnte nur ein zusätzlich eingeholtes drittes Gutachten die wissenschaftliche Laufbahn des Philosophen Blumenberg retten. Als Hochschullehrer in Münster zogen die Vorlesungen von Blumenberg viele Studenten an. Zeitlebens hat Blumenberg die katholische Kirche nicht verlassen, auch wenn er am kirchlichen Leben nicht mehr teilnahm und auch keine kirchliche Beisetzung wünschte. In seinem religionsphilosophischen Buch „Matthäuspassion“ setzt sich Blumenberg mit der christlichen Erlösungslehre auseinander, die ihn stets beschäftigt hatte. Nach dem Zeugnis von Wolff verliefen die letzten Lebensjahre des Philosophen eher deprimierend: „Er fühlte sich verfolgt und bedrängt, missverstanden und hintergangen. Er kündigte alte Freundschaften auf. Er überwarf sich völlig grundlos mit seinem Verleger. Seine letzten Lebensjahre waren überschattet von dem Gefühl, als Autor gescheitert zu sein.“ Über sein veröffentlichtes Werk hinaus hinterließ Blumenberg dreißigtausend Manuskriptseiten. Nach seinem Schlaganfall sprach er „in düsteren Worten von Glaubens- und Gottesverlust“.

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