Aus den Zeitschriften

Von Michael Karger

Das neue Gesang- und Gebetbuch „Gotteslob“ konnte noch nicht in allen Diözesen ausgeliefert und offiziell eingeführt werden. Doch zeichnet sich in den ersten Rezensionen bereits jetzt eine überwiegend positive Aufnahme ab. Dies bezeugen auch die Aufsätze zum Thema „Gotteslob“ in der internationalen katholischen Zeitschrift Communio (2/2014, Schwabenverlag Ostfildern). Michael Gassmann, wissenschaftlicher Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, sieht im „Einzug des Volksliedhaften“ ein wesentliches Merkmal des Buches. Als Beispiele nennt er unter anderen „Der Mond ist aufgegangen“, „Nun ruhen alle Wälder“, „Maria durch ein Dornwald ging“, „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, die neu im Stammteil sind.

In den siebziger Jahren, zur Zeit der Erarbeitung der Erstausgabe des „Gotteslob“, sei alles „,Tümliche‘ überaus verpönt“ gewesen. Überblicke man die insgesamt 280 Lieder des neuen Stammteile, nur zehn mehr als im Vorgängerband, so zeige sich eine Tendenz zur Internationalisierung und zur ökumenischen Offenheit: Neu hinzugekommen seien ursprünglich englische, französische, aber auch skandinavische Lieder und Melodien aus der Orthodoxie. Unter den sechsundfünfzig sogenannten neuen geistlichen Liedern befinden sich insgesamt zwanzig Gesänge aus der ökumenischen Kommunität Taizé in Burgund. Zur „hymnologischen Bilanz der vergangenen vierzig Jahre gehören etwa ,Ihr seid das Volk, das der Herr sich ausersehn‘ oder ,Wenn das Brot, das wir teilen‘. Aufgenommen wurden auch einige Lieder des unter Kirchenmusikern ,berüchtigten Pausen-Janssens‘ – so genannt wegen seiner ,Manie, Songs aus mindestens so vielen Pausen wie Noten zu basteln.‘“

Einhundertvierundvierzig Lieder wurden aus dem ersten „Gotteslob“ übernommen. Auffällig sei etwa der starke Wechsel bei den Kehrversen. Im Psalmenteil „findet man nur noch wenige, die älter sind als 2009“. Allerdings sind die neuen Kehrverse, „die sich manchmal nur mit Mühe dem Diktat der Kirchentonarten beugen“, für den Verfasser „nicht unbedingt hitverdächtig“. Hinsichtlich des gregorianischen Chorals hat sich für Gassmann wenig verändert: Nur die „Missa Alme Pater“ ist entfallen. Insgesamt bewertet der Verfasser das neue „Gotteslob“ als „großen Wurf“, ihn ihm seien „der riesige Schatz nicht nur katholischen, sondern christlichen Singens in einer klugen Auswahl und zugleich imponierenden Fülle aufgehoben“.

Über den Gebets- und Andachtsteil des „Gotteslob“ schreibt der Würzburger Liturgiewissenschaftler Andreas Bieringer. Er macht darauf aufmerksam, dass unter die Gebete das englische „Gelassenheitsgebet“ („Serenity Prayer“), aber auch – gedacht für Jugendliche – ein Text des Deutsch-Iraners SAID aufgenommen worden sind. An den Einführungen zu den Sakramenten kritisiert Bieringer den Text zur Taufe, da er keinen Hinweis darauf enthält, dass die Taufe „das Sakrament der Sündenvergebung und der Rechtfertigung des Menschen schlechthin“ ist. Leider werde auch nicht gesagt, dass der Mensch „auf den Tod Christi getauft wird und Anteil an seiner Auferstehung hat (Röm 6)“. Gelobt werden die Vorschläge für ein liturgisches Taufgedächtnis und die Gestaltungshilfen etwa für die Totenwache. Hervorgehoben wird, dass nun mit dem „Gotteslob“ eine sogenannte „Wort-Gottes-Feier“, also ein priesterloser Gottesdienst, gehalten werden kann (Nr. 668, 1 bis 671, 3). Den Verzicht auf die Überfrachtung der Andachten mit belehrenden Texten wie im alten Buch begrüßt der Verfasser, bemängelt aber, dass mit dem „Baukastenprinzip“ klassische Marienandachten kaum noch zusammengestellt werden können. Generell werde in den Andachten und Litaneien wieder mehr das „echte Wechselgebet“ betont.

Über das älteste deutsche Osterlied „Christ ist erstanden“ schreibt Christian Schuler. Es ist in enger Anlehnung sowohl an die Melodie wie auch an den Text der Ostersequenz „Victimae paschali laudes“ entstanden. Die Ostersequenz ihrerseits gehe auf das Halleluja „Christus resurgens“ zurück. Luther habe das Lied „Christ lag in Todesbanden“ ebenfalls in Anlehnung an die Sequenz geschrieben. Vom Bischof von Graz-Seckau, Egon Kapellari, wird das Christuslied von Angelus Silesius, eigentlich Johannes Scheffler, „Ich will dich lieben, meine Stärke“ ausgelegt. Er macht auf die „Confessiones“ des heiligen Augustinus als Quelle für die dritte Strophe aufmerksam. „Ach, dass ich dich so spät erkannte,/ du hochgelobte Schönheit du, …“ heißt es im Lied. Dies entspricht deutlich der Stelle in den „Confessiones“: „Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, …“

In seinem Beitrag über die „sakrale Musik der drei monotheistischen Religionen“ macht Hans Maier darauf aufmerksam, dass die Orthodoxie das frühchristliche Gebot der reinen Einstimmigkeit am längsten bewahrt hat. Der sogenannte „Kiewer Choral“ mit seiner einfachen Mehrstimmigkeit, den man im Westen als den eigentlichen russischen Kirchengesang empfindet, verdanke sich letztlich italienischem Einfluss, der über Polen gekommen sei. Die einfachen Harmonien, die den „Kiewer Choral“ so urtümlich erscheinen lassen, sind letztlich ein Produkt des Historismus des 19. Jahrhunderts.

Mehr als enttäuschend ist ausgerechnet der theologische Beitrag über „Doxologie“ von Thomas Ruster. Zuerst wird der Begriff der Ehre durch eine vollkommen verzerrte Darstellung der Satisfaktionstheorie des Anselm von Canterbury moralisch disqualifiziert: „Das Befremden, ja das Entsetzen, das diese wahrhaft tödliche Logik, die Anselm gleichsam auf die göttliche Spitze treibt, heute auslöst, zeigt, dass der Begriff der Ehre, den es voraussetzt, nicht mehr der unsere ist.“ Anschließend wird auch der Begriff „Herrlichkeit“ unmöglich gemacht: „Es steckt das ,Herr‘ darin, das nicht nur allzu eindeutig maskulin ist, sondern auch gleich an Herrschaft und Herrentum denken lässt.“ Demgegenüber plädiert der Verfasser dafür, die Begriffe „Ehre“ und „Herrlichkeit“ durch „Ansehen“ zu ersetzen, weil Gottes „Herr-Sein“ nicht darin besteht, „über andere Herr zu sein, sondern sie zu verherrlichen, und eben das ist seine Herrlichkeit.“

Vom Heiligen kommt unser Heil. Zum göttlichen Zuspruch gehört immer der hoheitliche Anspruch. Aus der unverfügbaren Herrlichkeit Gottes kommt das richtende Licht der Wahrheit, der wir die Ehre geben sollen. Der Begriff Ansehen kann das mit Herrlichkeit und Ehre gemeinte nicht aussagen. Auch ist die Kritik des Verfassers an einer aus dem Königsritual genommenen „Verherrlichungsakklamation“ nicht neu. Bereits der marxistische Philosoph Ernst Bloch hat eine „Enttheokratisierung“ der Bibel verlangt und die Begriffe „Herr“ und „Gnade“ als „völlig altmodische Kategorien“ abgelehnt. Vom Gründervater der Zeitschrift, Hans Urs von Balthasar, gibt es eine sieben Bände umfassende theologische Ästhetik mit dem Titel „Herrlichkeit“. Sie ist voll tiefster Erkenntnisse über die Einheit von Ansichtigwerden und hoheitlicher Ausstrahlung Gottes bis hinein in das Geheimnis des Kreuzes.

Auf knapp vier Seiten tritt im selben Heft Engelbert Recktenwald, ein Schüler des Philosophen Robert Spaemann, dem Naturalismus entgegen. Der Verfasser kann belegen, dass selbst ein kämpferischer Atheist wie R. Dawkins absolute Wertmaßstäbe voraussetzt, wenn er etwa behauptet, dass ein Gott, der so viel Leid zulasse, wie es die Menschheit bisher zu tragen hatte, unmöglich gut sein kann. Für einen Evolutionisten wie Dawkins sind „Gut“ und „Böse“ allerdings gar nicht vorhanden. Sie sind für ihn nur ein Trick der Evolution, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Wenn es aber keine moralischen Qualitäten gibt, dann dürfen sie auch nicht auf Gott angewandt werden. Auf diesen Denkfehler macht der Ordenspriester Recktenwald aufmerksam. Fällt Dawkins aber trotzdem moralische Urteile über Gott, dann zeige dies, dass es eine Selbstevidenz sittlicher Werte gibt, „der sich auch die Naturalisten nicht entziehen können“. An einem Beispiel macht der Verfasser deutlich, wie wenig das naturalistische Denken unsere moralische Intuition erreicht. Wenn wir nämlich „grausame Kindesmisshandlung ,abscheulich‘ nennen, meinen wir nicht: dieses Verhalten steht im Gegensatz zum Überlebensinteresse der menschlichen Art, sondern wir qualifizieren die Handlung ausschließlich im Zusammenhang dieses Kindes, dem Unrecht geschieht“. Mit einem moralischen Urteil meinen wir eben etwas ganz anderes als einen Evolutionsvorteil. Unser ursprüngliches Wissen um das Gesolltsein des Guten werde im Naturalismus nur durch das Konzept eines „moral-analogen Verhaltens“ ersetzt.

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