Aus den Zeitschriften

In Bibel und Kirche (1/2014 Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart) wird versprochen, dass „Bibelübersetzungen unter die Lupe genommen“ werden. Dies gilt nicht für die problematischste deutsche Übersetzung, die „Bibel in gerechter Sprache“. Mitherausgeberin Kerstin Schiffner bekommt Gelegenheit, ihre 2006 vorgelegte Übersetzung vorzustellen, und geht dabei nicht auf einen einzigen der zahlreichen Kritikpunkte ein. Grundlage ist die sogenannte „inklusive Sprache“. Wird zum Beispiel eine Gruppe angesprochen, in der auch Frauen sein könnten, werden Frauen eigens angesprochen, auch wenn nur von Männern die Rede ist. Den Gottesnamen Jahwe kann man wahlweise etwa durch „der Ewige“, „Adonaj“, aber auch durch „die Lebendige“ ersetzen. Wie man aus dem Beitrag des katholischen Neutestamentlers Michael Theobald über die Revision der „Einheitsübersetzung“ entnehmen kann, soll auch hier die inklusive Sprache eingeführt werden: „Die Überlegungen für die Revision gehen dahin, dass da, wo mit den ,Brüdern‘ auch die Frauen gemeint sind, ,Brüder und Schwestern‘ steht (zum Beispiel 1 Thess 1, 4. 2, 1. 9. und Andere).“ Als „verbreitetes Missverständnis“ gezeichnet der Verfasser die Annahme, dass es sich bei der „Einheitsübersetzung“ um eine ökumenische Bibelausgabe handle. Zwar hätten evangelische Bibelwissenschaftler an den Übersetzungen mitgewirkt und für das Neue Testament und die Psalmen sei eine Genehmigung der EKD zur Verwendung in ökumenischen Gottesdiensten und Bibelkreisen erteilt worden, aber mit „Einheitsübersetzung“ sei stets nur eine einheitliche Übersetzung für die katholische Kirche im deutschsprachigen Raum gemeint gewesen. Wann die Überarbeitung der erstmals 1979 von den deutschen Bischöfen vorgelegten Übersetzung abgeschlossen sein wird, kann der Verfasser nicht sagen. Für den Rückzug der EKD aus der Revision der Einheitsübersetzung macht Theobald die katholische Seite verantwortlich: „Wer (wie geschehen) einer ökumenisch besetzten Revisionskommission eine römische Instruktion aufoktroyieren wollte (nämlich Liturgiam authenticam, 2001) nahm den Abbruch der gemeinsamen Arbeit bewusst in Kauf.“ Eine Zustimmung der römischen Instanzen liegt noch nicht vor.

In seinem Beitrag über die Geschichte der „Zürcher Bibel“ zitiert Peter Schwagmeier aus den Grundsätzen der Revision von 1931 dieser erstmals 1531 erschienenen ersten vollständigen deutschsprachigen Bibelübertragung: „Die sachliche und historische Distanz des Bibeltextes zur heutigen Zeit soll auch in der Übersetzung erkennbar bleiben. Von unmittelbaren Aktualisierungen des Bibeltextes ist Abstand zu nehmen.“ Dieser eigentlich selbstverständliche Grundsatz sollte auch für die Revision der Einheitsübersetzung gelten. Er würde jedenfalls die Anwendung inklusiver Sprache ausschließen. Die jüngste Revision der „Zürcher Bibel“, eigentlich eine völlige Neuübersetzung, ist 2012 erschienen, allerdings ohne die im Protestantismus als Apokryphen bezeichneten alttestamentlichen Schriften, die nicht in der hebräischen Bibel, sondern nur im griechischen Alten Testament enthalten sind (Erstes und Zweites Makkabäerbuch, Tobit, Judit, Jesus Sirach, Baruch, Weisheit Salomos). Erst um 2015 wird es eine revidierte „Zürcher Bibel“ mit neu übersetzten Apokryphen geben. Hier wird die seit der Reformation bestehende kontinuierliche Tradition der Geringschätzung der Septuaginta gegenüber der hebräischen Bibel (masoretischer Text) erneut deutlich.

Bei der Septuaginta handelt es sich um eine von alexandrinischen Juden in hellenistischer Zeit veranstaltete Bibelausgabe in griechischer Sprache. Heinz-Josef Fabry schreibt in seinem Artikel über die Septuaginta, dass diese Übersetzung einen anderen hebräischen Text zur Grundlage hatte, als den späteren Standardtext der hebräischen Bibel. Es spreche sogar vieles dafür, dass die Septuaginta einem möglichen hebräischen Urtext näher stehe als der masoretische Text. Während seit Irenäus von Lyon in der Kirche die Inspiration der bereits im Neuen Testament zitierten Septuaginta hervorgehoben wurde, erfuhr sie seit dem ersten Jahrhundert nach Christus im Judentum zunehmende Ablehnung. Ab dem achten Jahrhundert hat die hebräische Bibel die Septuaginta innerhalb des Judentums gänzlich verdrängt. Seit 2009 liegt die „Septuaginta Deutsch“ (2. Auflage 2010) vor. Nach langer Zeit der Abwertung, die sich auch in der „Einheitsübersetzung“ nachweisen lässt, kann jetzt diese für das Verständnis des Neuen Testamentes, der Frühen Kirche und der Kirchenväter unverzichtbare Übersetzung des Alten Testamentes, die in der Orthodoxie bis heute maßgeblich ist, ohne Sprachbarriere studiert werden. In der katholischen Kirche war die Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung, jahrhundertelang die authentische Ausgabe der Heiligen Schrift.

Papst Damasus I. hatte 383 nach Christus den heiligen Hieronymus mit der Revision der zahlreichen lateinischen Übersetzungen beauftragt. Als die allgemein übliche, gebräuchlichste und authentische Übersetzung erhielt die Übertragung des Hieronymus die Bezeichnung Vulgata. Eine vollständige Neuübersetzung der Vulgata auf der Basis der Urtexte wurde 1979 Papst Johannes Paul II. übergeben. Eine zweisprachige Vulgata lateinisch-deutsch nach Hieronymus ist in Arbeit. Es ist äußerst verdienstvoll, dass dieses Monument für den deutschen Leser erschlossen wird. Wie Elisabeth Birnbaum belegt, hatte Hieronymus im Zweifelsfall den hebräischen Text vorgezogen. In einem Brief schrieb er: „Wenn die griechischen und lateinischen Texte nicht übereinstimmen, wenden wir uns an die Wahrheit des Hebräischen.“ Somit geht die Abwertung der Septuaginta bei Luther bis auf Hieronymus zurück.

Aus der Geschichte der Revisionen der Lutherbibel von Christoph Kähler erfährt man, dass zurzeit wieder eine Kommission mit der Überarbeitung des Luthertextes beauftragt ist. Zum Reformationsjubiläum 2017 soll die Neuausgabe vorliegen. Leitende Fragestellung dabei ist nicht, ob heute noch so gesprochen werde, sondern lediglich, ob der Text heute noch verstanden werden könne. So versucht man die identitätsstiftende Bedeutung der Lutherbibel zu bewahren. Die Verfasserin spricht von der „geringeren Sorgfalt“, mit der schon seit Luther die sogenannten Apokryphen behandelt wurden: „In unsystematischer Weise legten die Wittenberger Übersetzer die Vulgata oder die Septuaginta zugrunde.“ In der neuen Revision werden nun alle Texte nach der Septuaginta übersetzt, was zur Folge hat, dass ganze Passagen erstmalig in der Lutherbibel stehen werden. Eine Eigenheit Luthers, sogenannte Kernstellen in Fettdruck hervorzuheben, wird beigehalten. Es handelt sich dabei um eine Art hermeneutische Brille: Stellen, die die Rechtfertigungslehre als das Evangelium im Evangelium erweisen sollen, werden besonders nachdrücklich betont.

Den sogenannten Apokryphen zum Alten Testament widmet sich Welt und Umwelt der Bibel (1/2014 Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart). Wenn es im Lukasevangelium heißt „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“ (Lk 10, 18) dann klingt das Buch Henoch an. Eine apokryphe Schrift zum Alten Testament, die ausschließlich bei den Kopten, wo sie sich erhalten hat, kanonischen Status besitzt. Wenn im Judasbrief des Neuen Testamentes davon gesprochen wird, dass der Erzengel Michael mit dem Teufel um den Leichnam des Moses streitet (Vers 9) deutet dies darauf hin, dass der Verfasser die außerbiblische „Himmelfahrt des Mose“ gekannt hat. Die Bezeichnung „apokryphe Schriften“ für nicht im biblischen Kanon enthaltene Texte, die aber alle einen Bezug zu alttestamentlichen Erzählungen aufweisen, geht auf eine literarische Figur zurück. Sie besteht darin, dass Texte vorgeben, Werk einer bekannten biblischen Person zu sein. Zur Begründung, warum eine Schrift eines bekannten biblischen Autors so lange unbekannt bleiben konnte, wird von einer absichtlichen Geheimhaltung (Apokryph: griech. verborgen) gesprochen. Man kennt dies aus dem Buch Daniel, wo es heißt: „Halte die Worte geheim und das Buch versiegelt bis zum Ende der Zeit“ (Dan 12, 4). Davon ausgehend wurden als apokryphe Texte solche bezeichnet, die Themen alttestamentlicher Bücher erzählen, ohne selbst als biblische Bücher anerkannt zu sein. Zu den um die dreihundert Texten, die weder in der Septuaginta noch in der hebräischen Bibel enthalten sind, gehört etwa das Jubiläenbuch, das Buch Henoch, das Testament Jakobs, die Apokalypse des Mose, das Testament Abrahams, der Aristeasbrief, die Psalmen Salomos, das Leben Adams und Evas, Josef und Aseneth und die Himmelfahrt Jesajas.

Entstanden sind die meisten Texte wohl zwischen dem zweiten Jahrhundert vor Christus und dem ersten Jahrhundert nach Christus. In den allermeisten Fällen sind die Texte nur aus christlicher Überlieferung bekannt. Mehrheitlich werden sie heute dem Judentum der Zeitenwende zugeschrieben. Neben rein christlichen Apokryphen gibt es auch zahlreiche christliche Bearbeitungen wohl jüdischer Vorlagen. Zur Einführung in die Thematik kann das informative und reich illustrierte Heft nur empfohlen werden.

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