Aus den Zeitschriften

Im Forum Katholische Theologie (1/2011 Verlag Schneider Druck, Rothenburg/Tbr.) unternimmt Manfred Hauke, Dogmatiker in Lugano, eine Bestandsaufnahme der Verbindung zwischen Priestertum und Zölibat. Auf der Basis der neueren Forschung kann Hauke nachweisen, dass zum Verständnis der neutestamentlichen und frühkirchlichen Aussagen zum Zölibat die verpflichtende Enthaltsamkeit gehört, die von der Kirche vom verheirateten Anwärter auf das Amt gefordert wurde. Diese einhellige Praxis bezeugt für die Väterzeit der heilige Hieronymus: „Die Apostel waren jungfräulich, zumindest lebten sie, soweit sie verheiratet waren, enthaltsam. Zu Bischöfen, Presbytern und Diakonen wählt man Leute, die jungfräulich oder verwitwet sind, oder solche Männer, die nach Empfang der Priesterweihe ständig enthaltsam leben.“

Im Osten, wo diese Praxis ebenso geltendes Recht war, hat die Zweite Trullianische Synode 691 einen Traditionsbruch vollzogen: Die Enthaltsamkeit der verheirateten Presbyter und Diakone war nicht länger verbindlich. Man berief sich dabei auf zwei Synoden in Karthago im vierten Jahrhundert, deren Aussagen man durch „gewaltsame Manipulation“ in ihr Gegenteil verkehrte. Dies bezeugt, dass man sich des Problems bewusst war, kein Traditionsargument vorweisen zu können und sich darum eines illegitim selbst gemacht hat. Von der Enthaltsamkeit des Weltklerus ist danach im Osten nur die eine „funktionelle Enthaltsamkeit im Blick auf die Eucharistiefeier“ übriggeblieben, nach dem Vorbild der alttestamentlichen priesterlichen Reinheitsvorschriften.

Mit dem Festhalten am Zölibat für die Bischöfe bestätigt der Osten andererseits wiederum dessen Apostolizität. Im Westen galt die Praxis der frühen Kirche weiter. Nach der grundsätzlichen Infragestellung von Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit durch den Augustinermönch Martin Luther („Gottes Werke liegen eben so vor Augen, dass Weiber entweder zur Ehe oder zur Hurerei müssen gebraucht werden, oder man müsste sie alle erwürgen“) hat das Konzil von Trient zwar den apostolischen Ursprung des Zölibats nicht definiert, aber entschieden seine Angemessenheit festgehalten. Es wurden im Westen ausschließlich unverheiratete Männer mit Enthaltsamkeitsversprechen zu Diakonen, Priestern und Bischöfen geweiht.

Auch das Zweite Vatikanum hat trotz der Zulassung von verheirateten und nicht enthaltsam lebenden Diakonen an der Angemessenheit des Zölibats festgehalten: Zwar sei der Zölibat „nicht vom Wesen des Priestertums gefordert“ aber „in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“ (Presbyterorum ordinis 16). Da die Kirche über eintausend Jahre hinweg die orientalische Praxis als rechtmäßig anerkannt und selbst inzwischen den Diakonat für verheiratete Männer geöffnet hat, kann sie nach Meinung von Hauke den Zölibat der Amtsträger nicht zur verbindlichen Glaubenslehre erheben.

Vom Mittelalter bis zum Zweiten Vatikanum hat eine Geschichtsquelle die Annahme, dass der Zölibat erst eine Festlegung des fünften Jahrhunderts sei, untermauert: Das entschiedene Auftreten des Mönchsbischof Paphnutius habe 325 auf dem Konzil von Nizäa die versuchte Einführung des „neuen Gebots“ der Enthaltsamkeit verhindert und es sei vom Konzil einzig dem verheirateten Klerus eine Wiederverheiratung nach der Priesterweihe untersagt worden.

In der heutigen Forschung besteht darüber Konsens, dass es sich bei dieser Geschichte um eine tendenziöse Legende aus dem fünften Jahrhundert handelt, die mit dem Konzilsverlauf in keinerlei Zusammenhang steht. Für Hauke reicht der Enthaltsamkeitszölibat bis in die apostolische Zeit zurück. Kritisch merkt Hauke zu Prebyterorum ordinis an: „Das Konzilsdekret bezeugt eine mangelnde Unterscheidung zwischen Enthaltsamkeit (die auch vom verheirateten Klerus verlangt wurde) und Zölibat.“ Hier habe die Paphnutius-Legende lange nachgewirkt. „Historisch falsch“ nennt er es auch, „die Praxis der frühen Kirche mit den heutigen Gepflogenheiten der östlichen Kirchen gleichzusetzen.“ Diese gehen auf das Zweite Trullianum zurück, „einer bewussten Fälschung der ursprünglichen Überlieferung“. Somit steht für Hauke fest, „dass der priesterliche Zölibat (im Sinne der Enthaltsamkeit) auf die apostolische Überlieferung zurückgeht“.

In dieser Ausgabe findet sich auch eine Hinführung zum Denken des Gründers und langjährigen Schriftleiters der Zeitschrift, des Münchner Dogmatikprofessors Leo Scheffczyk. Verfasser dieser Würdigung des 2001 zum Kardinal ernannten gebürtigen Breslauers ist Pater Johannes Nebel von der geistlichen Familie „Das Werk“. Diese Gemeinschaft, zu deren geistlichem Fundament Scheffczyk wesentlich beigetragen hat, betreibt in Bregenz ein kleine Forschungs- und Gedenkstätte zum Lebenswerk dieses bedeutenden Wissenschaftlers. Kardinal Scheffczyk, der 2005 in München verstarb, liegt auch in Bregenz begraben. Der Verfasser greift einen Aspekt aus der Schöpfungstheologie Scheffczyks heraus: Der Heilige Geistes habe in der Schöpfung eine „erfüllende, beseelende und belebende Wirkung.“ Dem entspreche die innertrinitarische Wirklichkeit, dass der Geist „das göttliche Leben in der gegenseitigen Hinneigung der beiden Personen zur höchsten Blüte, zur Steigerung und Vollendung“ bringe. Für Scheffczyk sei der Heilige Geist das „Schöpfungsprinzip“.

Erst der Geist ermögliche es, dass der Mensch zum Träger der Gnade werden könne, indem er das Geschöpf auf sie hinordne. Dabei geht es dem Verfasser um die Erläuterung des heilsrealistischen Denkens, ohne das die Theologie von Scheffczyk nicht verstanden werden kann. Es geht dabei um die reale Beziehung von Natur und Gnade auf der Grundlage der Unterscheidung von der bloßen Bedeutsamkeit einer Sache und ihrem Wesen: „Wenn man die Gnadenlehre überspringt, um gleich die Ausrichtung der Schöpfung auf das Eschaton herauszustellen, bleibt man bei einer bloßen Bedeutsamkeit der Eschatologie für die Schöpfung stehen; betont man dagegen zunächst die Stufe der Begnadung, so bleibt die theologische Denkweise auf den realen Weg der Kreatur zu ihrer letzten übernatürlichen Vollendung verwiesen.“

Hier hätte man auch auf die Kritik Scheffczyks an der lutherischen Rechtfertigungslehre und seine Kritik am „Konsenspapier“ verweisen können, die bei der Richtigstellung des Verhältnisses von Natur und Gnade ansetzt. Mit dem Ansatz bei der „heilsdynamischen Schöpfungstheologie“ hat Nebel einen Zugang zum Denken Scheffczyks eröffnet. Es bleibt zu wünschen, dass das Institut in Bregenz die Rezeption seines Werkes weiter voranbringt.

Wer sich für die Anfänge des christlichen Mönchtums, der „größten Jugendbewegung der Antike“, interessiert, greife zu Welt und Umwelt der Bibel (2/2011 Verlag Katholisches Bibelwerk e.V. Stuttgart). Vom heiligen Antonius, der Symbolfigur des Eremitentums, vom heiligen Pachomius, dem Begründer des klösterlichen Gemeinschaftslebens, von den sieben- bis neuntausend Mönchen und Nonnen in Ägypten, ihrer Spiritualität, ihrem Alltagsleben, den ersten Regelwerken, den syrischen „Hochleistungsasketen“ in der Tradition von Simeon dem Säulensteher und vom Kampf der Mönche gegen die Dämonen erfährt man sehr viel Wissenswertes auf der Basis neuester Forschung und mit herrlichem Bildern. Erfreulich ist die durchgehend starke Betonung des authentisch christlichen Ursprungs der im dritten und vierten Jahrhundert in Ägypten entstandenen monastischen Bewegung.

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