Augustinus – ein Lehrer des Abendlandes

Ein internationales Symposion in Mainz beleuchtet die Wirkungsgeschichte des Kirchenvaters vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Mainz (DT) Das Werk des Augustinus von Hippo zählt zu den grundlegenden Quellen der abendländischen Geistesgeschichte und hat Denker aller nachfolgenden Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag angeregt und herausgefordert. Ein internationales Symposion unter dem Titel: „Augustinus – ein Lehrer des Abendlandes“, ausgerichtet vom Erbacher Hof, der Akademie des Bistums Mainz, und gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) widmete sich kürzlich dieser beispiellosen Wirkungsgeschichte. Unter der Leitung von Professor Norbert Fischer, Ordinarius für philosophische Grundfragen der Theologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, und Akademiedirektor Professor Peter Reifenberg beleuchtete die Fachtagung in siebzehn Einzelbeiträgen Spuren und Spiegelungen von Augustins Denken im Zeitraum zwischen Thomas von Aquin und Papst Benedikt XVI.

In enger Verbindung mit dem Thema des Mainzer Symposions steht das an der schottischen Saint Andrews University angesiedelte internationale und interdisziplinäre Langzeitprojekt „After Augustine“, das auf die Erstellung eines enzyklopädieartigen „Oxford Guide to the Historical Reception of Augustine“ abzielt. Hoch erfreut zeigte sich Professor Fischer darüber, dass er in Person von Professorin Karla Pollmann die Leiterin des Projekts „After Augustine“ in Mainz begrüßen konnte. Mit dem Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg (ZAF) unter der Leitung von Cornelius Petrus Mayer sowie dem von Johannes Brachtendorf und Volker Drecoll gegründeten Tübinger Augustinus-Zentrum waren zwei weitere bedeutende Einrichtungen der Augustinus-Forschung vertreten.

Für den Begriff „Rezeption“ schlug Florian Bruckmann, Privatdozent an der Katholischen Universität Eichstätt, ausgehend von seiner Beschäftigung mit Jacques Derrida (1930–2004), eine Differenzierung in drei Ebenen vor. Auf einer ersten Ebene sei darunter die Berufung eines Autors auf einen anderen bzw. die Beeinflussung des einen durch einen anderen zu verstehen. Auf einer zweiten, hermeneutischen Ebene werde derjenige mitbedacht, der die Rezeption eines Autors durch einen anderen aufdeckt. Davon sei wiederum ein weiterer, dritter Zugang zu unterscheiden, nach dem Texte zweier Autoren zueinander in Beziehung gesetzt werden, zwischen denen keine literarische Abhängigkeit besteht („starke Rezipientenrolle“).

Der chronologisch geordnete Durchgang durch Stationen der Augustinus-Rezeption setzte bei der Hochscholastik an. Hinsichtlich der Gotteslehre des Thomas von Aquin (1224–1274) erläuterte Thomas Fliethmann vom Tübinger Augustinus-Zentrum, wie unter Rückgriff auf Augustinus die Botschaft von der freien, gnadenhaften Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung zum Tragen gebracht wird. Unter den gewandelten, nunmehr aristotelisch geprägten wissenschaftstheoretischen Vorgaben bedeute der Rezeptionsvorgang eine Weiterführung des augustinischen Denkens.

Bei Duns Scotus (1266–1308) und seiner Aneignung der augustinischen Illuminationslehre beobachtete Hannes Möhle, der stellvertretende Direktor des Bonner Albertus-Magnus-Instituts, ein vorrangiges Interesse, Augustinus mit der aristotelischen Wissenschaftstheorie kompatibel zu machen; Authentizitätsansprüche träten demgegenüber deutlich in den Hintergrund.

Eine kritische Sicht auf Tendenzen der Augustinus-Rezeption des Meisters Eckhart (1260–1328) trug Johannes Brachtendorf, Professor für Philosophische Grundfragen der Theologie in Tübingen, vor. Bei Eckhart sei auf verschiedenen theologischen Feldern eine „Replatonisierung“ Augustins zu beobachten, ohne dass Eckhart dabei ein erkennbares „Unrechtsbewusstsein“ zeige.

Für Martin Luther war Augustinus nach den Worten von Professor Markus Wriedt, Kirchenhistoriker aus Frankfurt am Main, „eine, wenn nicht phasenweise diejenige unbezweifelbar auch von Luthers Gegnern anerkannte Autorität, die ihn in seiner Auslegung des Evangeliums bestärkte und damit entscheidende reformatorische Einsichten ermöglichte“.

Mit der Reformation geriet Augustinus in den Strudel der konfessionellen Auseinandersetzungen. Beispielhaft steht hierfür der Streit um den „Jansenismus“. Rychard Sokolovski aus Einsiedeln stellte die Augustinus-Rezeption des Theologen, Professors und Bischofs Cornelius Jansenius (1585–1638) vor, die diesem wegen seiner Nähe zu reformatorischen Positionen eine kirchenamtliche Verurteilung eintrug. Spätere Versuche der neueren Augustinerschule, einen berechtigten Kern des Ansatzes von Jansenius zu retten, führten, wie Professor Erich Naab von der Katholischen Universität Eichstätt ausführte, im 17. und 18. Jahrhundert zu heftigen innerkatholischen Auseinandersetzungen mit der Konsequenz, dass Augustinus seine Rolle als „Hort der Orthodoxie“ einbüßte und zum Stachel in ihrem Fleisch wurde.

In einem zentralen Punkt zeigt sich beim Begründer der neuzeitlichen Philosophie, René Descartes (1596–1650), eine Beziehung zu Augustinus. Die Analogie des cartesischen „Ich denke, also bin ich“ (Cogito, ergo sum) zum augustinischen Argument: „Wenn ich mich täusche, bin ich“ (Si fallor, sum) war bereits zu Lebzeiten Descartes' aufgefallen. Rainer Schäfer vom philosophischen Seminar in Heidelberg untersuchte „Gründe des Zweifels und antiskeptische Strategien“ bei beiden Denkern und resümierte, Descartes habe von Augustinus mehr gelernt, als er zugeben wollte, sei andererseits aber in entscheidenden Aspekten über ihn hinausgegangen.

Augustinische Motive in der Philosophie Kants (1724–1804) arbeitete Professor Norbert Fischer heraus. Kant sei zwar kein Kenner Augustins und zitiere ihn nur selten, dennoch lasse sich im theoretischen, praktischen und religionsphilosophischen Denken eine innere Nähe beider Autoren belegen. So finde das berühmte Wort vom Beginn der „Confessiones“, dass Gott den Menschen auf sich hin geschaffen habe und das Herz ruhelos sei, bis es in Gott Ruhe finde, eine Entsprechung bei Kant, denn auch dieser wisse um eine wesenhafte Unruhe des Menschen. Auch wenn Kant diese nicht unmittelbar auf Gott zurückzuführe, sehe er doch, wie Augustinus, dass die Anregung, nach Unbedingtem zu fragen, vom Unbedingten ausgegangen sein müsse.

Eine „höchst überraschende Übereinstimmung“ förderte der Mainzer Philosophieprofessor Matthias Kossler mit einem Beitrag über Arthur Schopenhauer (1788–1860) zutage. Der „Fürst unter den Atheisten“ habe an Augustinus vor allem dessen Erbsünden- und Gnadenlehre geschätzt und diese mehr oder weniger gewaltsam zur Bestätigung seiner eigenen pessimistischen Sicht vom Menschen herangezogen.

Auf dem Symposion wurden weitere einflussreiche Denker der Neuzeit in ihrem Verhältnis zu Augustinus zur Sprache gebracht: Von Professor Albert Raffelt aus Freiburg wurde Blaise Pascal (1623–1662) als „Schüler Augustins“ vorgestellt. „Augustinus im Denken von Maurice Blondel“ (1861–1949) lautete das Thema von Professor Peter Reifenberg, während Matthias Vollet aus Mainz über „Dimensionen der Zeitlichkeit“ bei Augustinus und Bergson (1859–1941) sprach. Professor Friedrich-Wilhelm von Herrmann aus Freiburg wies anhand der Werke von Edmund Husserl (1859–1938), Max Scheler (1874–1928) und Martin Heidegger (1889–1976) die Wesensverwandtschaft der Phänomenologie des 20. Jahrhunderts mit dem Denken des heiligen Augustinus auf. Über Rainer Maria Rilke (1875–1926) war vom Präsidenten der Rilke-Gesellschaft, Professor August Stahl, zu erfahren, dass die Aufmerksamkeit des Dichters sein ganzes Leben lang dem Kirchenvater gegolten hat, was von der Rilke-Forschung bisher vernachlässigt worden sei. Unter dem Gesichtspunkt der „gefährdeten Subjektivität“ beleuchtete Jakub Sirovátka von der Katholischen Universität Eichstätt das Verhältnis Paul Ricoeurs (1913–2005) zum Denken Augustins.

Mit dem Vortrag „Augustinus im Denken von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.“ erreichte der Gang durch die Rezeptionsgeschichte schließlich die Gegenwart. Professor Cornelius Petrus Mayer OSA führte aus, inwieweit Ratzingers Dissertation von 1950 über „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“ sich als prägend für die weitere theologische Entwicklung Ratzingers herausstellte. Die Faszination Augustins auf Ratzinger liege darin, dass dieser den Kirchenvater als einen Zeitgenossen erkannt habe, „der auf die Probleme, die auch unsere Probleme sind, wenn auch auf ihre Weise, eine Antwort gab“. Deshalb, so Mayer, höre Ratzinger auch als Papst Benedikt XVI. nicht auf, in seinem eigenen Denken uns das Denken Augustins zu empfehlen, vorzüglich in seinen Enzykliken über die Liebe, die Hoffnung und (wie von Insidern erwartet werde) über den Glauben – auch darin dem Beispiel Augustins folgend, der einst den Kern des christlichen Glaubens in einem Handbüchlein „Über Glaube, Hoffnung und Liebe“ zusammengefasst hatte.

Die Veranstalter planen für Sommer 2008 im Verlag Felix Meiner die Veröffentlichung des Sammelbandes: „Augustinus – ein Lehrer des Abendlandes. Spuren und Spiegelungen seines Denkens von der Frühscholastik bis in die Gegenwart“, der die Beiträge des Symposions, erweitert um zusätzliche Reflexionen über die Wirkungsgeschichte Augustins, enthalten wird.

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