Aufbruch statt Abbruch?

Berufungsunterscheidung auf der Agenda: Was von der Jugendsynode erwartet werden kann – und was nicht. Von Rudolf Gehrig
Nach Attentaten von Paris
Foto: Symboldpa | Hilft jetzt nur noch das Gebet? Die Debattenkultur innerhalb der Kirche ist derart verflacht, dass mancher Jugendliche seine Erwartungen an die Synode niedrig hängt.

Die Jugendsynode will sich mit dem unübersehbaren Berufungsnotstand in der westlichen Welt befassen. Immer weniger Jugendliche prüfen eine Berufung zum Priester oder Ordensleben. Auch das Bewusstsein für die Ehe-Berufung scheint kaum noch vorhanden, nicht zuletzt beim vor allem in Deutschland diskutierten „Eucharistie-Streit“ bei konfessionsverschiedenen Ehen wurde deutlich, dass auch unter Katholiken ein gravierendes Nicht-Wissen um die Sakramentalität der Ehe herrscht. Die Jugendsynode soll deshalb in erster Linie zur „Berufungsunterscheidung“ dienen. Am Ende sollen klare Konzepte stehen, die Jugendlichen konkret dabei helfen „die Berufung zur Liebe und zum Leben in Fülle zu erkennen und anzunehmen“.

Um besser auf „die Jugend“ eingehen zu können, fand vom 19. bis zum 24. März bereits eine Vorsynode statt, an der 300 Jugendliche aus aller Welt teilnahmen. Dabei wurden auch die Fragebögen ausgewertet und diskutiert, über die junge Katholiken Angaben zu verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens machen konnten. Letztlich haben sich nur 221 000 Jugendliche daran beteiligt, wovon auch nur die Hälfte wirklich alle Fragen der fast 15-Seiten-starken Umfrage beantworteten. Führende deutsche Jugendverbände wie der „Bund der deutschen katholischen Jugend“ hatten bereits im Vorfeld mehrfach betont, dass die Jugend eine Änderung der Sexualmoral und Weiheämter für Frauen fordere. Die Auswertung der Fragebögen zeigte jedoch, dass die meisten sich von der Kirche vor allem Antworten zu den Themen Glück, Arbeit und Familie erhoffen.

Ein Problem der Synode liegt bereits in der Art der Kommunikation. Synoden sind per Definition Treffen, bei der sich die Bischöfe der Weltkirche beraten, sich beraten lassen und abschließend Entscheidungen treffen. In den vielen Reaktionen klingt jedoch mehr als einmal durch, dass die Jugendlichen nicht bloß „Auditores“ sein wollen. Schon in der Vorsynode wurde ihnen viel Raum eingeräumt, um eigene Beiträge einzubringen. Auch bei der Jugendsynode soll es der Jugend stellenweise gestattet sein, mitzudiskutieren. Doch die Entscheidungen – sofern es zu welchen kommt – werden von anderen getroffen: den Bischöfen. Es wäre deshalb angebracht, diese Voraussetzung noch einmal deutlich zu machen, bevor weiterhin falsche Erwartungen geschürt werden und sich die zweifellos engagierte Jugend am Ende vor den Kopf gestoßen fühlt.

Blendet man die Weltkirche aus und konzentriert sich allein auf die Kirche in Deutschland, ergibt sich ein weiteres Problem: Wer kann die deutsche, katholische Jugend angemessen vertreten? Oft hat sich gezeigt, dass hauptsächlich die Gruppen gehört werden, die am lautesten schreien. Unabhängig davon, wie relevant diese Gruppen im gesamtkirchlichen Kontext sind.

Beispiel BDKJ: Der von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit Kirchensteuermittel finanzierte Jugendverband kämpft seit einigen Jahren mit dem eigenen Bedeutungsverlust. Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit der Verband an seinem Kurs festhält, obwohl sich dieser in den letzten Jahren als ineffizient, wenn nicht sogar als kontraproduktiv erwiesen hat.

Dennoch wird unter anderem der BDKJ „die Jugend“ aus Deutschland bei der Jugendsynode vertreten. Dort wird die DBK neben der Aktion „Nightfever“ und dem katholischen Orientierungsjahr „Basical“ auch die „72-Stunden-Aktion“ des BDKJ vorstellen. Für dieses jährlich stattfindende Engagement, bei der sich Jugendliche drei Tage lang an bestimmten, selbstgewählten sozialen Projekten beteiligen, erhält der Verband viel Lob. Und das zu Recht! Gerne sei hierbei auf das Bibelwort verwiesen: „Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ (Brief des Jakobus, 2, 14). Der Glaube und die Werke – beides gehört zusammen. Bleibt zu hoffen, dass sich im Fall des BDKJ die Prioritäten nicht noch weiter in Richtung „Werke“ verschieben und der Glaube irgendwann keinen Platz mehr hat.

Ein weiteres Problem bei der kommenden Jugendsynode ist auch, dass der Verband, der vorgibt, „die“ deutsche, katholische Jugend zu vertreten, offensichtlich nur eine bestimmte Klientel erreicht. In den sozialen Netzwerken ist beispielsweise auf der offiziellen Instagram-Seite des BDKJ in bestem Gender-Deutsch zu lesen: „Jede*r Christ*in ist dazu aufgerufen, politisch aktiv zu sein und sich engagieren.“ Betrachtet man diese und andere Äußerungen der BDKJ-Vertreter, drängt sich einem das Bild von berechnenden Jung-Funktionären auf, die die Jugendsynode als Gelegenheit nutzen möchten, um die eigene kirchenpolitische Agenda auf weltkirchlicher Bühne durchzudrücken. Weiteres Beispiel gefällig? „In der Jugend(verbands)arbeit achten wir auf die geschlechterparitätische Besetzung von Leitungsämtern. In der kirchlichen Hierarchie dagegen werden Führungspositionen vor allem von geweihten Männern besetzt, von der Ortsebene bis in den Vatikan. Von der Jugendsynode erwarten wir, dazu beizutragen, dass die Zugangsvoraussetzungen für Weiheämter überdacht werden.“

Wie man auf Nachfrage erfährt, wird die deutsche Delegation besonders von den jugendlichen Vertretern aus dem Ausland argwöhnisch betrachtet. Vor allem im südamerikanischen Bereich macht man sich Gedanken über die Zukunft der katholischen Kirche angesichts der sich dort ausbreitenden evangelikalen Bewegungen. Auch Jugendliche aus Deutschland sehnen sich nach Orientierung für das persönliche Glaubensleben in Alltag, in dem es immer schwieriger wird, die eigenen Überzeugungen zu leben. Die klassische Sozialisierung in der Heimatpfarrei gibt es noch; doch die Volkskirche wird im Zuge der allgemeinen Umstrukturierungen mit ihren Großpfarreien und „Sendungsräumen“ langsam aussterben.

Immer mehr junge Katholiken finden ihre Heimat in den zahlreichen geistlichen Gemeinschaften und Aufbrüchen. Einige von ihnen auch deshalb, weil „die Amtskirche“ ihnen nicht ausreichend behilflich ist bei der Suche nach der eigenen Berufung in der Welt. In Zeiten der Digitalisierung reicht es einfach nicht aus, dass deutsche Bistümer auf Facebook, Instagram & Co. inhaltsleere Bildchen mit niedlichen Kalendersprüchen posten. Besonders in der aktuellen Missbrauchs- und Vertuschungskrise wurde viel Vertrauen verspielt. Die Kirche und ihre zahlreichen Verbände sollten sich neben dem wichtigen Engagement in Politik und Caritas auch auf ihr Kerngeschäft zurückerinnern: Auf die Unterweisung im Glauben, die Seelsorge in Notlagen, die Spendung der Sakramente.

Zweifellos ist es ein ehrenwertes Anliegen des BDKJ, dass auch „lauwarme“ Katholiken eine breite Plattform bekommen. Diese Menschen haben oft einen guten Sensus für das, was andere Menschen davon abhält, sich ganz auf das Abenteuer Kirche einzulassen. Man muss sie und ihre Vorbehalte ernst nehmen. Möglicherweise muss man sie auch „da abholen, wo sie stehen“ – wo sonst? Schließlich ist es Ziel kirchlichen Handelns, allen Menschen dabei zu helfen, zu Christus zu gelangen.

Allerdings halte ich es für verfehlt, diese Stimmen zum alles bestimmenden Maß zu erheben. Es müssen alle Stimmen gehört werden! Und dazu gehören auch jene, die ihren Glauben nach bestem Wissen praktizieren. Die regelmäßig die heilige Messe besuchen, in der Pfarrei oder in geistlichen Gemeinschaften engagiert sind, die versuchen, ihr persönliches Leben an der Lehre der Kirche auszurichten. Ja, es gibt diese Menschen. Sie sind der Grund, dass der deutsche Karren noch nicht komplett an die Wand gefahren ist.

Leider haben die im besten Sinne frommen und jungen Katholiken keine Lobby. Stattdessen werden sie oft belächelt und auch von Kirchenfunktionären als aussterbendes Randphänomen behandelt. Daher darf man vom BDKJ, der sich besonders die Unterstützung von Minderheiten auf die Fahnen geschrieben hat, erwarten, dass er auch diesen Teil bei der Jugendsynode vertreten wird. Sonst ist der BDKJ so irrelevant wie ein Gürtel an der Jogginghose – denn die wird auch ohne Gürtel gut zusammengehalten.

Die deutsche Delegation steht also vor einer Mammutaufgabe, da sie auch die Anliegen der Jugendlichen abbilden muss, die konträr zur eigenen Auffassung stehen. Eine bessere Chance, die eigene Relevanz doch noch unter Beweis zu stellen, kann es kaum geben.

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